Lesung im Stuttgarter Literaturhaus Wie eine Stalinistin den Kommunismus duften ließ parfümierte

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Der Historiker Karl Schlögel stellt im Stuttgarter Literaturhaus sein jüngstes Buch vor: „Der Duft der Imperien“. Darin forscht er nach den Wurzeln des berühmten Parfüms Chanel No. 5 – und der Edelmarke aus der kommunistischen Sowjetunion.

Der Historiker und Bestseller-Autor Karl Schlögel Foto: Verlag/Brigitte Friedrich
Der Historiker und Bestseller-Autor Karl Schlögel Foto: Verlag/Brigitte Friedrich

Stuttgart - Ein Historiker bei einem kleinen wissenschaftlichen Abstecher – so sieht der renommierte und vielfach preisgekrönte Osteuropa-Historiker Karl Schlögel selbst sein jüngstes Werk, das für seine Verhältnisse eher schmale Sachbuch „Der Duft der Imperien“. Es geht tatsächlich um Düfte, das macht schon die Zeichnung auf dem Schutzumschlag deutlich: ein Flakon. Es geht um zwei zentrale Parfüms des (bekanntlich siegreichen) Westens und des (inzwischen untergegangenen) Ostens: Chanel No. 5 und „Rotes Moskau“. Schlögel erzählt die Geschichte über ihren gemeinsamen Ursprung – und der beiden Frauen, die die Produktion der beiden Düfte aufgebaut haben: Coco Chanel und Polina Schemtschuschina, letztere die Frau des russischen Außenministers Molotow, engster Freund Stalins und wie dieser selbst eine der zentralen Verbrechergestalten des 20. Jahrhunderts.

Am Donnerstagabend hat der 72-jährige Historiker sein Buch im Stuttgarter Literaturhaus vorgestellt – im Gespräch mit der Münchner Literaturwissenschaftlerin und Modetheorie-Expertin Barbara Vinken. Diese Kombination auf dem Podium war nicht ganz einfach, weil die zweifellos ebenfalls interessante Vinken vor allem Aspekte der Ästhetik und der Mode als sozialer Ausdrucksform interessieren, während Schlögel sein Thema nun einmal historisch und mit Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse angeht. Die eigentlich klassische Einstiegsfrage eines solchen Abends, wie er denn eigentlich auf seinen ungewöhnlichen Forschungsgegenstand gekommen sei, musste sich im Interesse des Publikums der Autor darum selbst stellen.

Da gab es im Osten so einen ganz besonderen Duft

Schlögel erzählte, bei seinen zahlreichen und teils langen Studienaufenthalten sei ihm oft ein ganz bestimmter Duft aufgefallen und intensiv in Erinnerung geblieben, verbunden mit eher festlichen und staatstragenden Ereignissen. Er stellte fest, es handelte sich um ein im Leben und Alltag der Sowjetunion fest verankertes Edelparfüm, eben das „Rote Moskau“. Doch wer hatte es entwickelt? Schlögel fand die Wurzeln noch am letzten Zarenhof; ein Brüderpaar kreierte einen neuen Duft zum 300. Thronjubiläum der Romanows 1913. In den Wirren der folgenden Revolutionsjahre zog einer der beiden nach Paris, der andere nach Moskau. Und das ist eben genau der überraschende Fixpunkt von Schlögels Betrachtung: In Paris wird die Formel des Romanow-Duftes zur Grundlage von Chanel No. 5, einem der Geniestreiche Coco Chanels, dessen globale Vermarktung wesentlich zu den guten Einnahmen des Modeunternehmens beiträgt. Oder wie es Vinken zutreffend beschrieb: „Nicht jede kann sich ein Kleid von Dior leisten. Aber ein Duft ist für viele erreichbar.“

Doch auch das revolutionäre Russland will sich besondere Düfte leisten, nutzt dafür das Romanow-Rezept, und auch hier ist eine Frau die dabei treibende Kraft: eben Polina Schemtschuschina, eine ebenso überzeugte Stalinistin wie ihr Ehemann, verantwortlich für den Aufbau einer sowjetischen Kosmetikindustrie. Unzählige spannende Details hat Schlögel hier zusammengetragen – und nutzt sein kulturgeschichtliches Material, um letztlich auch auf diesem scheinbaren Nebenschauplatz der Weltgeschichte die Abgründe der Schrecken des 20. Jahrhunderts zu spiegeln. Diese Freiheit der Betrachtung und des Erzählens ist eine Gabe, die leider nicht typisch ist für die deutsche Historikerzunft. Deshalb hätte man gern noch ein wenig mehr aus der Autorenwerkstatt erfahren.

Der Kommunismus ist immer noch auch Gegenwart

Doch darauf wollte Barbara Vinken nicht hinaus. Sie interessierte die Frage, warum ein bestimmter Duft, ein spezieller Stil zum allseits begehrten Objekt, zum Fetisch einer Gesellschaft wird. „Für den Osten“, sagte sie selbst, habe sie noch nie recht Interesse entwickelt. Und klar, Recht hat sie, der Zerfall der kommunistischen Sowjetunion liegt inzwischen dreißig Jahre zurück, dieser Osten ist auch schon wieder ferne Vergangenheit.

Aber das Erbe der alten Strukturen, Kulturformeln, Denkmustern, Werten und Lebensentwürfen prägt die Hälfte unseres Kontinents eben noch bis zum heutigen Tag – und beeinflusst auch unsere Politik bis heute mit. Just der Historiker Karl Schlögel hat das über viele Berufsjahre hinweg zu zahlreichen spannenden Studien und Büchern verarbeitet und unsere Sicht auf das postkommunistische Erbe verändert. „Der Duft der Imperien“ ist ein weiteres Beispiel dafür – vielleicht sein bisher originellstes.

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. Carl Hanser Verlag. 222 Seiten, 23 Euro.