Friedemann Karig in S-West Eine WG-Party, bei der vorgelesen wird

Von  

Der Autor und Podcast-Macher Friedemann Karig war in einer Fünfer-Wohngemeinschaft in Stuttgart-West zu Gast und hat aus seinem Romandebüt „Dschungel“ gelesen. Dazu gab es Brezeln, Bier und Weißwein.

Friedemann Karig hat vor rund 50 jungen Leuten in einer  Fünfer-WG an der Klopstockstraße aus seinem neuen Roman „Dschungel“ gelesen.Foto:z/Nina Wittmann Foto:  
Friedemann Karig hat vor rund 50 jungen Leuten in einer Fünfer-WG an der Klopstockstraße aus seinem neuen Roman „Dschungel“ gelesen. Foto:z/Nina Wittmann

S-West - Nur die Lautstärke passt nicht. Abgesehen davon ist alles wie auf einer typischen Studenten-WG-Party: Die jungen Menschen – größtenteils zwischen 20 und 35 – drängeln sich zwischen Flur, Küche und den fünf Zimmern der WG-Mitbewohner, in der Küche stapeln sich Bierkisten und Brezeln. Doch statt lauter Musik und Stimmen, die sich gegenseitig zu übertönen versuchen, ist es völlig ruhig, nur Friedemann Karig ist zu hören. Der Autor ist an jenem Abend der Ehrengast bei dieser ungewöhnlichen, weil privaten Lesung: in einer Fünfer-WG an der Klopstockstraße im Stuttgarter Westen. Vor ihm ein bis oben gefülltes Glas mit Weißwein, liest Karig aus seinem Anfang Mai erschienenen Roman „Dschungel“. Das Format nennt sich „zwischen/miete“ und wurde vom Stuttgarter Literaturhaus initiiert. Regelmäßig lesen Autoren in ausgewählten Wohngemeinschaften vor.

Die Moderatoren sind keine Literaturprofis

Und jenseits der Lokalität ist noch etwas ungewöhnlich: Zwischen den Vorlesepassagen wird er nicht etwa von einem Literaturprofi interviewt, sondern von einer Frau, die zwar in einem Verlag arbeitet, sich dort aber weniger mit Romanen, sondern vielmehr mit medizinischen Fachbegriffen und dem Berufsalltag von Pharmazeuten beschäftigt. Valeria Raseikina, Volkswirtin beim Deutschen Apothekerverlag, stellt dem Autor deshalb auch Fragen, die sie persönlich interessieren: Was er werden wollte, als er klein war (Rockstar), was er studieren würde, wenn er sich noch einmal neu entscheiden müsste (Musik) und wer der Held seiner Jugend war (David Hasselhoff). Dann geht es aber auch um das Romandebüt von Friedemann Karig: Autobiografisch sei „Dschungel“ nicht, sagt der 1982 in Freiburg geborene Autor, Podcast-Macher, Journalist und Moderator. Abgesehen von der Höhenangst teile er tatsächlich keine einzige Eigenschaft mit dem Erzähler.

Die Geschichte handelt von einem jungen Mann – Felix – der nach Kambodscha reist und dort verschwindet. Sein bester Freund reist ihm hinterher, um ihn zu suchen. Immer wieder hält er ein Foto von seinem Kumpel hoch und fragt: „Have you seen this guy?“ („Haben Sie diesen Kerl gesehen?“). Weil der Erzähler aber eher schüchterner Natur ist, muss er während seiner Suche immer wieder persönliche Grenzen überwinden. Sogar seine große Liebe, die zuhause auf ihn wartet, setzt er aufs Spiel.

Währenddessen dringt er tiefer in das wilde Kambodscha vor und durchforstet zunehmend verzweifelt seine Erinnerungen nach einem Hinweis, was mit seinem besten Freund passiert sein könnte – bis er erkennt, dass er ihn nur retten kann, wenn er selbst ebenfalls verschwindet.

Am Ende gibt es kein Happy-End

„Ein guter Freund, mit dem ich studiert habe, hat mir einmal gesagt: ‚Du musst über das schreiben, was den Knoten in deiner Brust auslöst, anders funktioniert es nicht‘. Und bei mir waren das die Themen Freundschaft und Machtverhältnisse innerhalb einer Freundschaft“, erläutert Friedemann Karig. In dem Roman müsse der Erzähler für seinen besten Freund seine persönliche Moral über den Haufen werfen und sein altes Leben hinter sich lassen. „Die für mich spannende Frage beim Schreiben war immer: Was würde ich für einen Freund tun? Und wer würde nach mir suchen, wenn ich auf einmal verschwinde?“ Am Ende des Reiseromans gebe es zwar kein Happy-End – aber es löse sich zumindest alles auf, verrät der Autor.

Unterdessen löst sich die Party in der WG an diesem Abend noch lange nicht auf: Nach der Lesung nutzen viele Gäste die Gelegenheit, um dem aus Berlin angereisten Autor noch Fragen zu stellen. Andere holen sich noch ein Bier, einige stehen draußen und rauchen. So wie bei einer ganz normalen WG-Party – nur eben mit einem besonderen Gast.

Sonderthemen