Herr Ufferfilge, dem Musiker Gil Ofarim soll wegen einem Davidstern-Anhänger das Einchecken in einem Leipziger Hotel verweigert worden sein. Wenn man Ihr Buch liest, weiß man, dass solche Erlebnisse keine Einzelfälle sind. Wie lebt man damit?
Mir passieren im Alltag viele sehr unangenehme Dinge. Die meisten antisemitischen Übergriffe sind tückisch, kurz und sehr feige: Wenn jemand im Vorbeigehen „Du Scheiß-Jude“ zischt oder von der anderen Straßenseite etwas Beleidigendes ruft. Es gibt die typischen Drohgebärden, kämpferische Gesten, Abmurkszeichen oder die in die Faust gedrückte Hand.
Wie reagieren Sie da?
Das sind Sachen, an die man sich gewöhnt. Irgendwann wird man für viele Beleidigungen taub. Aber es gibt dann immer wieder diese Situationen, die mich überfahren und mit denen ich nicht zurechtkomme, weil sie herausstechen durch besondere Grobheit, besondere Aggression, besonderen Wahnsinn.
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Es besteht offensichtlich ein Missverhältnis zwischen der Empörung über einzelne Fälle und dem Hinnehmen einer antisemitischen Alltäglichkeit, die sich mit der deutschen Erinnerungskultur schlecht verträgt.
Ich fand es schön, dass es in Leipzig spontan eine Kundgebung gab. Aber das waren eben Menschen, die ganz bewusst dahin kamen, um ihre Solidarität zu zeigen. Doch in alltäglichen Situationen hat man häufig mit anderen Leuten zu tun, solchen, die lieber wegsehen, wenn es darauf ankommt.
Die schlimmste Vorstellung wäre ja, dass es die gleichen sind. Dass die Bereitschaft zur Betroffenheit nicht unbedingt mit einem entsprechenden Handeln einhergeht.
Nach einer Lesung in Düsseldorf kam eine Dame sehr aufgewühlt zu mir, weil im Buch eine Situation geschildert wird, bei der sie selbst dabei war – und nichts gemacht hat. Sie hatte die Szene noch in Erinnerung, aber erst jetzt ging ihr auf, wie wehrlos und armselig ich mich dabei gefühlt habe. Es ist eben nicht nur ein Nichtstun, sondern ein aktives den Angreifer-gewähren-lassen. Für die Antisemiten ist das ein doppelter Triumph: Zu der Attacke kommt die Genugtuung, dass sie hingenommen und toleriert wird. Dann besiege ich nicht nur den Juden, sondern die Gesellschaft, die in diesem Moment versagt.
Macht es für Sie einen Unterschied, ob Antisemitismus einen Migrations-, einen Nazihintergrund hat oder gar aus der Mitte der Gesellschaft kommt?
In Deutschland ist es ganz stark eine regionale Frage. Es kommt darauf an, ob man in einer Großstadt wohnt oder auf dem platten Land. Je nachdem, wo man ist, hat man mehr mit rechtsradikalem Antisemitismus zu tun oder mit arabischem. Bei den wirklich schlimmen Fällen wie körperlichen Übergriffen oder schwerer Sachbeschädigung handelt es sich zumeist um rechten Antisemitismus. Mein Alltag ist eher von Menschen mit arabischen Wurzeln geprägt. Würde ich nicht in Berlin, sondern in Magdeburg wohnen oder in Dresden, wären es Neonazis - und vor denen habe ich weitaus mehr Angst.
Hat Corona die Situation verschärft?
Corona hat die Empfänglichkeit für antisemitische Mythen und Muster ausgeweitet. Während des Lockdowns hatte ich eine ruhige Zeit, weil ich wenig vor der Tür war. Als sich das aber lockerte, wurde ich plötzlich mit völlig wahnsinnigen Verschwörungstheorien konfrontiert. Die gab es auch in der Vergangenheit, aber nicht in dieser Offenheit. Ich werde jetzt nahezu täglich darauf angesprochen, dass die Juden ja hinter der Pandemie stecken würden, oder ob es richtig sei, dass Angela Merkel oder Bill Gates jüdisch wären. Dazu kommt hier in Berlin alles Mögliche andere: die Juden seien schuld an den hohen Mietpreisen. Ich weiß nicht, wie häufig ich das schon gehört habe.
Sind das die Übergänge zwischen rechtem und linkem Antisemitismus?
Es lässt sich oft gar nicht einer politischen Richtung zuordnen. Häufig sind das Leute, die wir zur Mitte der Gesellschaft zählen. Wenn mir eine vollkommen normal und bürgerlich aussehende Dame in der Warteschlange einer Apotheke erzählt, Juden würden aus Rache an den Deutschen alle Wohnungen aufkaufen, ist das weder links noch rechts. Sie scheint das für eine nüchterne Tatsache zu halten. Und das ist das allergefährlichste.
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesrepublik, Felix Klein, hat wegen seiner Warnung, nicht überall in Deutschland Kippa zu tragen, empörte Reaktionen geerntet. Ihr Buch gibt darauf eine Antwort. Bleiben Sie dabei: nicht ohne meine Kippa?
Auf jeden Fall. Wenn ich aufhören würde, sichtbar zu sein, wenn sich jüdische Institutionen wieder in die Unsichtbarkeit zurückzögen, wäre das ein falsches Zeichen auch an die Juden und Jüdinnen, die nach uns kommen. Wir sollten die Bürgerrechte hochhalten. In dem Moment, in dem ich meine Kippa absetze, obwohl ich sie gerne tragen würde, gebe ich mein Recht auf Religionsfreiheit und die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit preis. Und dazu bin ich nicht bereit.
Info
Autor
Levi Israel Ufferfilge, geboren 1988 im nordwestfälischen Minden, hat Jüdische Studien und Jiddistik studiert. Zurzeit absolviert er eine Ausbildung zum Rabbiner am Zacharias Frankel College & School of Jewish Theology Universität Potsdam.
Buch
Über seine Erfahrungen als sichtbarer Jude schreibt Ufferfilge auf Twitter unter dem Hashtag #juedischinschland und auf Facebook. In diesem Jahr ist sein Buch„Nicht ohne meine Kippa! Mein Alltag in Deutschland zwischen Klischees und Antisemitismus“ (208 Seiten, 17 Euro) im Stuttgarter Tropen Verlag erschienen.