Liebes-Erklärung: Bisexualität "Was, wenn ich gar nicht hetero bin?"

Vor allem Jüngere entfliehen fest gefügten Rollen – auch in der Sexualität. Foto: Unsplash

Sarina wuchs im Schwarzwald auf, heiratete ihren Teenagerfreund - und kam irgendwann zu dem Schluss, dass sie gar nicht hetero ist. Wie sie mit Konventionen gebrochen hat, mittlerweile in einer offenen Beziehung lebt und warum ihre Eltern noch immer nicht alles wissen, hat sie uns erzählt.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Sarina Bauers Leben schien immer in geregelten Bahnen zu verlaufen. Sie ist in einem Dorf im Schwarzwald aufgewachsen. Mit 16 kam sie mit ihrem Freund zusammen. Einige Jahre später heiratete Bauer, die heute 27 ist, den Mann, den sie liebte.

 

„Eine andere Lebens- oder Liebensweise kannte ich nicht“, sagt Sarina Bauer, die eigentlich anders heißt. Fürs Studium zog sie nach Tübingen. Nicht unbedingt die große weite Welt, aber dort war doch einiges anders als in ihrem kleinen Dorf, erinnert sie sich. Es war nicht ganz so eng, die Lebensweisen nicht so strikt vorgegeben. Als sie für ein Praktikum bei der Aids-Hilfe arbeitete, kam Sarina Bauer damals mit Menschen in Kontakt, die homosexuell waren. Das war der Moment, an dem sie erstmals tiefer über ihr Lebensmodell nachdachte. Sie kam zu dem Schluss: „So, wie ich bisher lebe, das passt nicht für mich.“ Vielleicht, so mutmaßt sie heute, war ein Grund für die Erkenntnis auch eine Neigung, die sie an sich selbst beobachtet hatte: Sie interessierte sich plötzlich sehr für Frauen, fühlte sich zu manchen hingezogen, dachte öfter an Kommilitoninnen, als es vielleicht normal war.

Was, wenn ich gar nicht heterosexuell bin?

Aber eben nicht nur. Die Gefühle zu ihrem Mann hatten sich nicht verändert. Irgendwann sei ihr der Gedanke gekommen: „Okay, vielleicht bin ich einfach gar nicht hetero.“ Sie hätte es eigentlich auch früher erkennen können. „Ich fand queere, also nicht heterosexuelle Menschen schon immer attraktiv.“ Aber sie habe dieses Gefühl einfach nie in einem „romantischen Kontext“ gedeutet.

Vielleicht war Sarina Bauer aber einfach noch nicht so weit. „Mir das alles einzugestehen war schon sehr schwierig“, erzählt Bauer, die zuerst Soziale Arbeit studiert hat und nun in Wien einen Master in Gender Studies macht. „Denn mir war ja trotzdem immer klar, ich liebe meinen Partner. Das war anfangs total verwirrend für mich.“

Ihr Partner hatte es schon vor ihr geahnt

Schnell wusste sie nämlich: Sie hatte durchaus das Bedürfnis, ihre Neigung auch auszuleben. Davor stand der für sie mit Abstand schwierigste Part: mit ihrem Mann darüber zu reden. Was würde er sagen? Wie würde er reagieren? Würde er eine Trennung wollen? Was dann kam, habe sie verblüfft. „Für ihn kam das gar nicht überraschend“, erzählt sie. Dass sie den Wunsch verspürte, sich mit Frauen zu treffen, war für ihn überhaupt nicht schlimm.

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Plötzlich war Sarina Bauer also nicht nur bisexuell, sondern hatte auch noch ihr monogames Lebensmodell infrage gestellt. „Wir waren uns schnell einig: Jeder von uns darf alles ausprobieren“, sagt Bauer, die sich beim CSD Stuttgart engagiert.

Wer nicht monogam lebt, bricht immer noch ein Tabu

Damit hatte das Mädchen aus dem Schwarzwald mit vielen Konventionen gebrochen, mit denen sie aufgewachsen war. „Es ist schwer, sich damit öffentlich zu zeigen“, sagt sie. Auch ihre Eltern wissen vieles bis heute noch nicht im Detail. „Vor allem der nicht monogame Teil ist schwer zu erklären.“ In ihrem Freundeskreis sei die Akzeptanz groß gewesen. „Dass ich bisexuell bin, war überhaupt kein Thema“, sagt Bauer. Aber eine offene Beziehung? „Da haben viele gesagt: ‚Das könnte ich nicht.‘“

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Die Hamburger Psychologin Cornelia Kost macht die Erfahrung, dass viele Menschen, wenn sie sich outen, auf Widerstand stoßen – häufig in ihren Familien, die klassisch konservative Lebensweisen bevorzugten – auch für ihre Kinder. „Man hat dann einen sogenannten Minderheiten-Stress“, sagt die Psychologin, die viele Patienten hat, die anders lieben. Wie können Bisexuelle mit diesen Erfahrungen am besten umgehen? „Da gibt es kein Patentrezept“, sagt Kost. „Es ist auch eine sehr individuelle Entscheidung, ob man sich überhaupt outen möchte.“ Es gebe ja keine Verpflichtung dazu – beides habe seine Vor- und Nachteile. Sexualität und Beziehungen nicht normenkonform zu leben sei oft hart. Das gesellschaftliche Ideal sei immer noch die bürgerliche Kleinfamilie.

Oute ich mich oder nicht?

Aber das ist eben nur ein Ideal: „In großen Teilen der Bevölkerung wird das überhaupt gar nicht mehr gelebt“, sagt Kost. „Viele halten die Normen für sich nicht ein.“ Die Krux sei heutzutage, dass wegen der Fassade weiterhin dennoch viele glaubten, es werde von ihnen erwartet. „Und dann spielen sie sich selbst etwas vor“, sagt Kost.

Ist es so für manchen vielleicht auch einfacher? Nach gesellschaftlichen Konventionen zu leben erspart Stress, etwa, damit umgehen zu müssen, dass man anders ist – und unter Umständen sogar dafür verurteilt, angegriffen oder beschimpft zu werden. Als Psychologin schaut Kost oft hinter die „betrügerische Fassade“. „Ich habe schon das Gefühl, dass ein Verständnis für andere Lebensentwürfe durchaus vorhanden ist“, sagt Kost. Und das tue einer Gesellschaft auch gut, wenn sie offen mit solchen Themen umgehe. „Die Wahrheit ist ja: Viele von uns haben polyamore Beziehungen – oder sie gehen eben fremd“, sagt Kost. „Es reden nur die wenigsten darüber.“ Ist die monogame Beziehung also gar nicht so die Norm? „Nein“, sagt die Psychologin sofort.

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Diskriminierung erleben auch Stuttgart/ Wien - Bisexuelle mitunter innerhalb der LGBTQ-Community (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und nicht heterosexuell). Die meisten dort sind entweder schwul oder lesbisch. Wie viele Menschen sich in Deutschland als bisexuell identifizieren, ist nicht erfasst. Eine Untersuchung des William Institute aus Los Angeles ist im Jahr 2011 zu dem Schluss gekommen, dass sich in den USA 3,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung als lesbisch, schwul oder bisexuell bezeichnen würden. Das sind neun Millionen Amerikaner. Die Hälfte dieser 3,5 Prozent geben an, dass sie auf Männer und Frauen stehen. Das galt übrigens lange als nicht der Normalzustand. Was – wie so vieles in der Geschichte der Sexualtheorie – auch ein bisschen mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, zu tun hat. Freud glaubte, dass sich jeder nach einer Phase der Bisexualität für die eine oder andere Seite entscheiden werde – während die Veranlagung aber jederzeit wieder ausbrechen könne.

Nicht mal die Hälfte will sich sexuell festgelegen

Auch der amerikanische Sexualforscher Alfred Charles Kinsey forschte zu diesem Thema. Er legte 1948 den ersten Teil des bis dahin umfassendsten Werks über die Sexualität des Menschen vor. Kinsey führte 11 000 Interviews zu den Neigungen seiner Probanden, und stellte fest, dass sich Männer nicht generell als hetero- oder homosexuell einteilen lassen – vielmehr gibt es bei den allermeisten verschiedene Abstufungen, das Verhalten kann sich im Lauf des Lebens immer wieder ändern. Die sogenannte Kinsey-Skala gilt heute noch als gängig. Sie geht von den Werten 0 bis 6 aus, wobei 0 für ausschließlich heterosexuell und 6 für ausschließlich homosexuell steht.

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So befragte das Meinungsforschungsinstitut Yougov 2015 junge Britinnen und Briten anhand der Kinsey-Skala nach ihrer sexuellen Orientierung. Nur 46 Prozent der Befragten zwischen 18 und 24 Jahren definierten sich laut der Umfrage als „100 Prozent heterosexuell“, 43 Prozent siedelten sich in dem Spektrum dazwischen an. Allerdings fallen die Ergebnisse anders aus, wenn konkret danach gefragt wird, wer sich wirklich als bisexuell bezeichnet. In einer repräsentativen Studie zum Sexualverhalten der Deutschen aus dem Jahr 2017 ordneten sich lediglich 3,4 Prozent der Männer und 4,5 Prozent der Frauen als bisexuell ein.

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Auch Schwule fordern die Entscheidung

Und so fühlen sich Bisexuelle oft: als Minderheit. Das stellt Sarina Bauer häufig in ihrem Alltag fest. Es gebe kaum Räume für bisexuelle Menschen in der Öffentlichkeit. Man treffe oft auf Bars für Schwule oder Lesben, aber nicht für beide. Inzwischen habe sie in größeren Städten öfter auch mal queere Cafés entdeckt. „Wenn ich da hingehe, wirke ich mit meinem Partner in den Augen mancher Leute hetero“, erzählt sie. „Ich kann es mir ja nicht auf die Stirn schreiben, dass ich bisexuell und queer bin.“ Je nachdem, mit wem sie also grade unterwegs sei, werde sie von anderen eingeordnet.

Bei bisexuellen Männern sei das Stigma oft sogar größer, weiß sie aus ihrem Umfeld. „Die möchten oft keine bisexuelle Person daten“, sagt sie. Viele fragten: „Eigentlich bist du doch schwul, richtig?“ Häufig höre man den Vorwurf: „Kannst du dich einfach nicht entscheiden?“ Die Organisation Christopher Street Day (CSD) vereinigt zwar alle der LGBTQ-Community unter sich und vertritt auch deren Interessen auf politischer Ebene, dennoch fühlen sich Bisexuelle immer noch als Randgruppe, sagen einige aus der Szene. Wer bi ist, werde oft sowohl von Heterosexuellen als auch von Homosexuellen nicht wirklich ernst genommen. „Ich erlebe das oft so“, bestätigt Bauer. Sie stelle fest, dass sie sich dauernd erkläre: „Ich bin bisexuell. Darf ich hier dazukommen? Ich gehöre doch auch dazu.“

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Das Stigma der Bisexualität

Die Soziologin Kim Ritter hat zum Thema Bisexualität geforscht und untersucht, welchen Herausforderungen und Konflikten Bisexuelle ausgesetzt sind. In Zentrum ihrer Studie „Jenseits der Monosexualität“ steht vor allem die Frage, wie Menschen das Nebeneinander von einer homo- und heterosexuellen Neigung leben und erleben. Sie hat dazu 15 Frauen und 14 Männer, die vor 1980 geboren sind, befragt. Fast alle leben in Großstädten, sind akademisch gebildet.

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Ihr Ergebnis: Noch immer sei Bisexualität mit einem Stigma behaftet, dabei leben Bisexuelle laut ihrer Studie „ein breites Spektrum an Beziehungen und Sexualität“, teils als dauerhafte Paar- oder als Mehrfachbeziehungen. Zwar werde dies inzwischen normaler, schreibt Ritter, aber ein bisexuelles Leben sei immer noch schwieriger zu gestalten als ein monosexuelles. „Nicht selten ist es eben der radikale Gegenentwurf zu den bürgerlichen Liebesvorstellungen.“

Die Generation Z ist die „queerste Generation“

Doch genau das kehrt sich bei den jüngeren Generationen um. Vor allem in Großstädten leben viele junge Menschen heute ihre Neigungen freier aus – viele sind der Meinung, für sie spielt das Geschlecht keine Rolle bei der Entscheidung, in wen sie sich verlieben oder zu wem sie sich hingezogen fühlen. Sie wollen die festen Kategorien überwinden. Die Umfrage eines amerikanischen Meinungsforschungsinstituts zeigte kürzlich: Die Generation Z (zwischen 1997 und 2012 geboren) sei „die queerste Generation überhaupt“. Von rund 16 000 befragten Erwachsenen gaben etwa 16 Prozent an, queer oder transgender zu sein. Bei den Millennials (zwischen 1980 und etwa 1995 geboren) waren es noch zehn Prozent. Die Psychologin Cornelia Kost sieht das als positive Entwicklung: „Ich kann den Menschen nur Mut machen, zu ihrer Sexualität zu stehen.“ Mehr Freiheiten ermöglichten bestenfalls ein glücklicheres Leben. „Ich rate dazu, nicht mit fixen Rezepten durchs Leben zu gehen oder sich an einem vorgegebenen Weltbild zu orientieren.“

Auch Sarina Bauer hat das Gefühl, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert. Beim letzten CSD hätten sich spontan etwa 3000 junge Menschen zusätzlich angeschlossen und mitdemonstriert. „Ich habe das Gefühl, heute stellen schon sehr junge Menschen gängige Lebensvorstellungen viel mehr infrage als früher.“ Viele wollten mehr experimentieren, sind offener. Auch durch die Sichtbarkeit von queeren Personen in Social Media sei es normaler geworden, sich zu outen: „Das hilft mir persönlich sehr.“

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