Wer anderen in den letzten Jahren von gravierenden Problemen aus seiner Beziehung oder beim Dating erzählt, ist schnell mit einem Begriff konfrontiert: toxisch. Das Oxford Dictionary kürte „toxic“ 2018 zum Wort des Jahres. Toxische Menschen und toxische Beziehungen haben Hochkonjunktur.
Und das ist im Übrigen auch ein ganz lukratives Geschäftsmodell für Coaches und Beziehungsberater: Inzwischen hat man häufig das Gefühl, es gibt mehr Berater die aus „toxischen Konstellationen“ heraushelfen als es letztlich tatsächlich so etwas wie „toxische Menschen“ gibt.
Haben wir einfach nur mehr Bewusstsein für psychische Probleme und dysfunktionale Beziehungen entwickelt oder wird der Begriff einfach nur sehr inflationär verwendet? Die Antwort ist nicht so einfach und daher: ja und nein.
Wir haben heute einen anderen Anspruch an Beziehungen
Sicher wächst allgemein das Bewusstsein für psychische Probleme und Beschwerden, viele Menschen befassen sich intensiver mit sich selbst, lesen sich eigenständig viel Wissen über Beziehungen und psychologische Themen an. Und auch, was unsere Beziehungen und die Liebe angeht, haben wir heute einen viel größeren Anspruch als noch vor einigen Jahrzehnten.
Früher musste eine Beziehung funktionieren – aus sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen. Die Liebe stand dabei gar nicht so sehr im Vordergrund. Heute wollen wir alles: Eine Beziehung, die auf Liebe gründet und die glücklich ist. Nun ist dieser Anspruch nicht verwerflich. Kaum jemand muss in Deutschland heutzutage noch eine Beziehung führen, um gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Wir sind heute in der Art, wie wir uns Liebesleben gestalten, so frei wie noch nie.
Freiheit erzeugt auch Druck
Daraus wächst aber auch bei vielen ein unglaublich hoher Druck. Denn: Wir sind selbst dafür verantwortlich, wie wir unsere Beziehungen führen, ob wir eine führen und mit wem. Und klar ist auch: In keiner Beziehung sind Partner immer glücklich, zufrieden und überaus gut gelaunt sobald die erste Verliebtheit nachgelassen hat.
In jeder langjährigen Beziehung gibt es kleine Gemeinheiten, Missstimmungen, Streits, Lieblosigkeiten – und ja auch Seitensprünge und Unehrlichkeiten können vorkommen. Aber ist das schon toxisch? Der berühmte amerikanische Paartherapeut David Schnarch („Die Psychologie sexueller Leidenschaft“) nannte dies einmal in einem seiner Bücher den „normalen ehelichen Sadismus“.
In der Regel ist es ebenso, dass die Menschen, denen wir am nächsten stehen und mit denen wir sehr intim sind, eben auch unsere eigenen Stimmungen, ja teils auch unsere Neurosen, mehr abkriegen als Freunde oder Bekannte. Zu akzeptieren, dass eine Beziehung nicht immer jeden Tag rosarot ist, gehört also zu einer gesunden Partnerschaft dazu.
Allerdings kommt es dabei natürlich darauf an, in welcher Häufigkeit solche Dinge vorkommen. Machen Sticheleien, gelegentliche Häme und Vorwürfe nur einen geringen Teil der Beziehung aus, gibt es noch keinen Anlass für Grundsatzdiskussionen. Hilfreich ist dabei auch eine andere Perspektive einzunehmen: Nämlich die, dass unser Partner uns prinzipiell wohlgesonnen ist und unser Bestes will.
Sich ständig abwechselnde Heiß- und Kalt-Phasen sind nicht normal
Doch anders sieht es aus, wenn eine Beziehung nur vom Drama lebt, heiß- und kalt-Phasen sich allzu schnell abwechseln. Wenn sie nur noch mit Geschrei, heftigen Vorwürfen und fliegendem Geschirr einhergeht, mit ständigem Lügen, Manipulation oder massiver Kritik am anderen, dann spricht man von einer dysfunktionalen Beziehung. Neudeutsch: toxisch. Als toxische Beziehungen werden die Partnerschaften bezeichnet, die von emotionalem Missbrauch und Gewalt geprägt sind. Solche Beziehungen sind schlicht eines: ungesund. Sobald es um Gewalt geht – ob nun psychisch oder physisch – ist eine Trennung in der Regel immer der bessere Weg. Denn solche Beziehungen können tiefe Spuren in unserer Seele hinterlassen und langfristig auch körperliche, oft psychosomatische Beschwerden, auslösen.
Doch wir erkennt man psychische Gewalt oder emotionalen Missbrauch? In einer Zeit, in der psychologische Begriffe und Diagnosen längst in unserer Alltagssprache Einzug gehalten haben, ist dies mitunter für Laien gar nicht so einfach. Freunde und Bekannte neigen ebenfalls oft zu schnellen alltagspsychologischen Diagnosen und Tipps.
Liebe geht nicht mit Schmerz einher
Auch neigen wir seit jeher dazu, die Liebe an sich stark zu überhöhen. Es hat sich auch durch Hollywood, Kunst, Literatur und Musik in uns eingebrannt, das Liebe immer mit Schmerz einhergeht. Das man um jemand kämpfen muss, dass es Höhen und Tiefen braucht, bis wir mit jemandem vereint sind und so weiter. Dabei ist das ein Trugschluss. Wirklich zufriedene Paare berichten jedoch selten von Drama. „Wahre Liebe ist ziemlich langweilig“, sagte eine Freundin neulich dazu.
Auch aufgrund der Hollywoodisierung der Liebe neigen wir dazu, manche Dinge in der Liebe als normal zu betrachten, die es gar nicht sind. Forscher:innen der Birmingham City University untersuchten im Jahr 2020 in einer Studie, welche Erfahrungen Teenager in Liebesbeziehungen gemacht hatten und wie ihre Erwartungen bezüglich Partnerschaften sind. Das Ergebnis: Viele 13- bis 18-Jährige sehen zwanghaft kontrollierendes Verhalten als Ausdruck von Liebe und Sorge – eine Fehlinterpretation. So waren sie der Meinung, dass wenn der Partner ihre Handy überwache, könne dies auch zu ihrem eigenen Schutz sein.
Wer den anderen als „toxisch“ bezeichnet, übernimmt keine Verantwortung
Deshalb ist es in jeder Beziehung so wichtig, sich auch selbst gut zu kennen. Was tut mir gut? Was irritiert mich? Welche Probleme habe ich selbst? Welche mein Partner? Denn, auch das ist eine Wahrheit: Selten ist nur ein Partner „toxisch“ – oft liegt es an der Dynamik in der Beziehung. Auch wer glaubt, der Partner ist der größte Narzisst Allerzeiten, kann die Schuld am nicht Gelingen der Partnerschaft einfach auf ihn abladen. Vereinfacht gesagt: der „Täter“ trägt zwar die Verantwortung für Dinge, die passieren wie Betrug oder Manipulation, aber „das Opfer“ trägt die Verantwortung darüber, was es zulässt.
Für sich selbst rote Linien zu definieren, ist daher essenziell. Denn, oft werden Beziehungen gerade deswegen „toxisch“, weil sich der vermeintlich schwächere Part in einer emotionalen, sozialen oder finanziellen Abhängigkeit befindet und diese Abhängigkeit muss man sich dann irgendwann auch eingestehen.
Ungesunde Beziehungen haben nicht zwingend zugenommen
Der populärpsychologische Begriff der toxischen Beziehung hat zwar seit Jahren weltweit Konjunktur, aber dies bedeutet nicht zwingend, dass diese Art von Beziehungen zugenommen haben. Forscher:innen der University of Saskatchewan analysierten 2014 die Daten von 35.000 Frauen und Männern aus Kanada, die zu verschiedenen Formen psychischer und emotionaler Gewalt in Partnerschaften befragt worden waren. Nach eigenen Angaben hatten demnach 6,8 Prozent der Frauen und 10,1 Prozent der Männer diese Form der Gewalt in irgendeiner Weise bereits erlebt. Hatten die Probanden:innen bereits in der Kindheit Missbrauch oder Gewalt erlebt, war die Wahrscheinlichkeit, dies später in Partnerschaften zu erleben, höher als bei anderen.
Psycholog:innen und Psychiater:innen warnen aber in der Regel davor, den Begriff „toxisch“ allzu inflationär zu gebrauchen ebenso wie den Partner:in leichtfertig gleich als Narzisst:in oder Psychopath:in zu bezeichnen. Oft entstehen dadurch erst ungute Dynamiken in Beziehungen. Und: Es ist nie ein Partner alleine schuld. Laien können zudem sehr schlecht, das Ausmaß von psychischen Problemen einschätzen. Sie neigen dann dazu, Verhaltensweisen des anderen drastischer darzustellen als diese vielleicht sind – eben weil sie sich von ihm gekränkt oder zurückgewiesen fühlen.
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Ist mein Partner wirklich ein Narzisst?
Der Begriff „toxische Beziehung“ ist auch kein wissenschaftlicher Begriff. Oft vermittelte daher die Bezeichnung eine falsche Vorstellung, was in Beziehungen schiefläuft, zu dem geraten Paare in einen Teufelskreis, wenn einer den anderen pathologisiert und ihm eine psychische Krankheit unterstellt. Deshalb sollte man sich immer bewusst machen, bevor man ein schnelles Urteil über den Partner fällt, welchen Teil man selbst dazu beiträgt. Häufig haben gerade Partner:innen, die sich in solchen Anklagen üben, selbst Beziehungsängste oder ein schwaches Selbstbewusstsein.
Letztlich kann Hilfe von außen, zum Beispiel durch eine Paartherapie oder auch eine Therapie alleine, dazu beitragen, ungesunde Muster in einer Beziehung aufzulösen – und gemeinsam daran zu wachsen. Eine schwierige Beziehung zu beenden ohne sich mit dysfunktionalen Mustern – auch den eigenen – zu beschäftigen, ist nämlich oft sogar kontraproduktiv: Beim nächsten Versuch wiederholt sich das Ganze. Nur eben mit einem anderen Partner:in.