Manchmal weiß man selbst nicht, was los ist. Man lernt einen neuen Mann kennen, der liebevoll ist, unterstützend, zuverlässig und ehrlich. Er teilt die gleichen Werte, hat dieselben Hobbies und Interessen – und man mag ihn sehr. Weil er einem ein gutes Gefühl gibt und man sich aufgehoben fühlt.
Drama, Baby!
Aber: Es fehlt etwas. Da ist null Anziehung. Kein Bedürfnis, mit ihm zu schlafen. Die Vorstellung, mit ihm Sex zu haben, fühlt sich komisch an. Oft machen wir diese Erfahrung mit einer anderen gleichzeitig: Die Männer (oder Frauen), die wir unglaublich anziehend finden, sind nicht die, mit denen wir es geschafft haben, eine zufriedene und glückliche Beziehung zu führen. Oft haben wir uns monatelang, manche auch jahrelang, von Drama zu Drama gehangelt, haben immer wieder gedacht, ohne den anderen können wir nicht – ja, weil die Anziehung so groß ist.
Und dabei machen wir einen entscheidenden Fehler: Wir verwechseln Anziehung mit Liebe. Wir glauben, je größer die Anziehung, je größer das Drama, desto mehr lieben wir jemanden. Oft ist das leider aber überhaupt nicht der Fall. Oft ist es einfach nur eines: Drama eben.
Aber auf welches von beiden Gefühlen verlassen wir uns nun? Oft sagt unser Herz etwas anderes als der Körper. Natürlich wünschen wir uns am liebsten, dass die Beiden übereinstimmen. Und natürlich wünschen wir uns alle beides in einer Person vereint. Jemand mit dem wir ganz toll reden können, der uns immer versteht und mit dem wir am liebsten jeden Tag Sex haben wollen. Aber gibt es das wirklich immer auf Dauer in einer Person? Wie glücklich kann eine Beziehung werden, wenn eins von beidem fehlt?
Stereotype, Vorurteile und Vorstellungen
Menschen können sich auf verschiedenen Ebenen zueinander hingezogen fühlen: mit dem Verstand, mit dem Gefühl oder sexuell. Die Gründe, warum wir uns von jemandem körperlich angezogen fühlen, sind vielfältig. „Teilweise ist das evolutionsbiologisch bedingt“, sagt Claudia Elizabeth Huber, Psychologin und Sex-Coach aus Stuttgart. Vor allem bei Frauen sei dies auch hormonell beeinflusst, so könnten sie sich auch über den Zyklus hinweg von unterschiedlichen Partnern angezogen fühlen. Zudem suchten Frauen, die einen Kinderwunsch verspürten und eine Familie gründen wollten, eher nach einem Mann, der zuverlässig ist und der bei ihr bleibt beziehungsweise sie auch nicht bei nächster Gelegenheit betrügt.
Und natürlich haben wir auch alle Stereotype im Kopf, Vorurteile und auch Vorstellungen, wie jemand sein soll. Der kleine, untersetzte Mann gilt auf den ersten Blick als nicht so attraktiv wie ein großer, markanter und durchtrainierter Mann. (Bei Frauen ist es dasselbe: große, schlanke, blonde Frauen entsprechen dem klassischen, westlichen Schönheitsideal.) Oft haben wir dann sofort Bilder im Kopf, wie dieser Mann auch charakterlich ist: unabhängig, abenteuerlustig, wild und natürlich hat er eine ganz weiche Seite. „Ganz blöd ist es aber, wenn wir diesen wilden Typen schließlich an unserer Seite haben“, sagt Huber. Weiche Seite? Fehlanzeige. „Der Sex ist gut, aber wir fühlen uns nicht gesehen.“ Frauen tendieren dann untereinander in ihren endlosen Gesprächen dazu, solche Männer gleich als die schlimmsten Idioten hinzustellen. „Aber die sind jetzt nicht alle Arschlöcher, die wollen einfach nur nicht mehr“, betont Huber. Oft hätten wir da auch ein verklärtes Hollywood-Szenario im Kopf.
Die netten, guten Typen hingehen, das sind oft die, die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, aber die wir oft einfach nur eines finden: langweilig. Warum ist das so? „Erotik braucht Distanzierungsfähigkeit“, sagt Huber. Wenn wir viel in jemanden hineinprojizieren können, Sehnsüchte, Träume, Aufregung, dann schafft das auch oft eine unglaubliche Anziehung. Und genau deshalb lässt diese in langjährigen Beziehungen auch immer mehr nach. Wir kennen den anderen oft in- und auswendig, wir fühlen uns sicher – und begehren dafür weniger. Das ist normal.
„Der sparsame Sex spricht für eine feste Bindung und wenig Verlustangst“
Oft ist es daher auch nicht sonderlich clever, eine Beziehung immer dann einfach zu beenden, wenn die Anziehung nicht mehr vorhanden ist – mit jemand Neues ist es vermutlich auch nur eine gewisse Zeit aufregend – und dann fängt alles von vorne an. Der Arzt und Wissenschaftsjournalist Werner Bartens schreibt in seinem Buch „Was Paare zusammenhält - Warum man sich riechen können muss und Sex überschätzt wird“ es müsse nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein, wenn zwischen den Partnern nur noch wenig laufe. Wissenschaftlich sei der Zusammenhang gut belegt: Seltenere Intimkontakte in einer längeren Paarbeziehung könnten darauf hindeuten, dass sich beide Partner sicher und geborgen fühlen und keiner ständigen Liebesbeweise mehr bedürfen. „Der sparsame Sex spricht für eine feste Bindung und wenig Verlustangst.“
Ständig forderndes Verhalten spreche eher dafür, in emotionale Konflikte verstrickt zu sein oder ein Partner ist chronisch unsicher, ob die Beziehung überhaupt hält. Der permanente Wunsch nach Bestätigung könne eine Beziehung zermürben, schreibt Bartens mit Bezug auf wissenschaftliche Studien.
Oft suchen wir das uns Vertraute
Die meisten Wissenschaftler seien sich zudem einig, dass Sex nicht ein allein triebgesteuerter Instinkt sei, schreibt Bartens. Er überfalle die Menschen nicht einfach so mehr oder weniger stark – ohne dass man sich diesem entziehen könne und sich unweigerlich dem Objekt der Begierde hingeben müsse.
Zu wem uns dieser Magnet zieht, können wir nicht bewusst steuern: Studien zufolge sind es meist Menschen, die uns selbst oder auch dem gegengeschlechtlichen Elternteil ähnlich sehen – weil uns das bekannt vorkommt. Aber nicht immer ist das, was wir von klein auf gewohnt sind, auch gut für uns in einer Beziehung. Tatsächlich suchen sich zum Beispiel Kinder von narzisstischen Eltern auch später wieder häufig Partner, die eher narzisstisch sind.
Oft hat das auch mit unserem Selbstbewusstsein zu tun. Ängstliche und unsichere Frauen wechseln häufig die Sexualpartner und müssen sich durch häufigen Sex immer wieder versichern, wie attraktiv und begehrenswert sie sind. Auch Männer, die viele Affären und Sexualpartnerinnen haben sind keineswegs coole Typen – oft stecken dahinter schlicht starke Komplexe und ein sehr schwaches Selbstbewusstsein. Sie wirken oft auch recht unnahbar.
Und – Überraschung – unnahbare Menschen ziehen uns häufig stärker an, wenn wir selbst zum Beispiel unter einer starken Angst vor Nähe leiden. Menschen, die wir nicht haben können, kommen uns dann immer sehr aufregend vor, die erotische Anziehung bleibt länger erhalten, weil wirkliche Nähe nie entsteht. Es wird also auch nicht wirklich langweilig, aber auch nie sicher. Wir projizieren eher unsere Träume und Sehnsüchte auf die andere Person – ein Realitätsabgleich findet bei mangelnder Nähe jedoch kaum statt. So bleiben wir in unserer eigenen Welt.
Menschen mit Angst vor Nähe befürchten stets verletzt zu werden. Sie suchen sich selten jemanden, der mit ihnen auf Augenhöhe ist, sondern eher ein Gegenüber zu dem sie aufschauen (häufiger Frauen) oder dem sie sich überlegen fühlen können (eher Männer). Weil wir tief in uns drin glauben, dass wir das gar nicht verdient haben – echte, tiefe Liebe.
Warum zieht uns jemand an?
Was aber, wenn es schon von Beginn an eher mau ist? Claudia Huber beschreibt, dass gerade nette und liebenswürdige Männer oft einen schlechten Zugang zu ihrer eigenen, wilden Seite hätten. Sie sagt, „auch Männer sind oft in Stereotypen gefangen, weshalb sie dann gehemmter sind“.
Aber warum zieht uns jemand an? Die Gründe, warum es zwischen zwei Menschen funkt, sind sehr komplex. Vieles läuft unbewusst ab und hat teils auch biologische Gründe. Zu Beginn bestimmt die körperliche Ebene die sexuelle Anziehung. Verlieben wir uns dann ineinander, beginnen alle damit verbundenen biochemischen Prozesse, die Ausschüttung ganz spezieller Hormone. Im Prinzip lässt sich aber wissenschaftlich kaum erfassen, warum wir uns in jemanden verlieben oder eine große sexuelle Anziehung verspüren. Viele Menschen laufen Gefahr Sex mit Liebe zu verwechseln, weil beim Sex das Bindungshormon Oxytocin (auch „Kuschelhormon“ genannt) ausgeschüttet wird. Dieses erzeugt das Gefühl der Zuneigung.
Unsere Psyche hat ebenfalls einen sehr großen Einfluss darauf, in wen wir uns verlieben und zu wem wir uns hingezogen fühlen – es ist eben nicht nur alles Biologie. Unsere eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Ängste projizieren wir oft gerne auf jemand anderes – und glauben, er macht uns komplett. Auch unsere Lebenserfahrung spielt da natürlich mit hinein, nach vielen Enttäuschungen wissen wir oft besser, wer zu uns passt – und was wir auf keinen Fall mehr wollen.
Sex hat mit Moral zu tun
Sex hat immer noch viel mit Moral zu tun. „Das entscheidet auch darüber, in wen wir uns verlieben“, sagt Huber. Und: das muss eben nicht immer die Person sein, mit der wir zudem unseren Alltag verbringen wollen. „Aber Sex und eine Beziehung müssen nicht immer zusammengehen“, ergänzt die Psychologin.
Wenn es für alle Beteiligten in Ordnung ist, dann muss man nicht unbedingt mit demjenigen, mit dem man gerne schläft, auch eine Beziehung führen. Doch oft sind das alte patriarchalische Vorstellungen in unserem Kopf, dass dies anders nicht sein darf. „Und es hat ebenfalls damit zu tun, welchen Lebensentwurf ich habe“, sagt Huber. „Frauen suchen sich immer noch am liebsten eine sichere Beziehung – auch weil unser ganzes System nicht gleichberechtigt ist“. Sie seien innerlich noch immer mehr darauf angewiesen, dass der Mann bleibt.
Sich von gesellschaftlichem Druck befreien
Einige nehmen in Kauf, dass der Sex für sie nicht befriedigend ist oder mit der Zeit einschläft. Umgekehrt muss aber eben nicht jeder in einer Beziehung leben. Dem Singlesein haftet heute noch immer ein Makel an. Wer alleine ist, mit dem muss irgendwas nicht stimmen. „Das macht auch vielen ziemlich großen Druck“, sagt Huber. „Für viele Menschen ist das total krass. Dabei muss auch eine Frau heute nicht mehr unbedingt in einer Beziehung leben.“ Dennoch tun sich Frauen auch im Jahr 2021 immer noch sehr schwer damit, sexuelle Freiheiten einfach auszuleben und unabhängig zu sein. „Sich einzugestehen: eigentlich will ich nur den Sex, aber nicht den Mann dazu, das ist für viele Frauen immer noch sehr schwer“, sagt Huber.
Durch diesen gesellschaftlichen Druck wissen wir oft selbst gar nicht mehr: Wollen wir eigentlich wirklich gerade eine Beziehung? Oder wollen wir vielleicht doch nur eine Affäre, trauen uns aber nicht, das zu leben? Das herauszufinden ist nicht einfach. „Was will ich? Ehrlich zu sich selbst zu sein, das kann ganz schön hart sein“, sagt Huber. Und oft ist es ein sehr langer Weg. Doch meistens lohnt es sich, ihn zu gehen, anstatt - weil einfach alle es tun - die normale, bürgerliche Beziehung zu leben.