Liebeserklärung von Fotografen an die Stadt Warum ist Stuttgart bei Nacht so schön?

Von Uwe Bogen 

Der Fernsehturm lockt Touristen aus aller Welt. Die meisten von ihnen sind Franzosen. Sie sehen eine Stadt, die bei Dunkelheit am schönsten ist. Was macht Stuttgarter Nächte so besonders? Eine Liebeserklärung von Fotografen.

Das Stuttgarter Wahrzeichen fasziniert oben wie von unten. Foto: Achim Mende, Stuttgart-Marketing GmbH 6 Bilder
Das Stuttgarter Wahrzeichen fasziniert oben wie von unten. Foto: Achim Mende, Stuttgart-Marketing GmbH

Stuttgart - Die Nacht ist stark genug, Menschen zu verändern. Aus Biedermännern werden Abenteurer, aus Burschen virtuelle Jäger. Die Nacht bringt Liebesgedichte wie Koalitionskompromisse hervor. In der Nacht erwacht die Lust. In Krankenhäusern hoffen Ärzte, dass Patienten „die Nacht überstehen“. Mit dem Sonnenaufgang wächst die Zuversicht, dass es irgendwie weitergeht.

Der Tag ist zum Sehen und Verstehen da, die Nacht zum Träumen und Fantasieren.

Die Nacht übergeht Verpflichtungen, alles scheint möglich

Nachts ist jede Hauskatze uns Menschen überlegen. Wer schon mal versucht hat, in der Nacht ohne Licht durch den Wald zu radeln, wird nicht widersprechen. Und doch hat die Nacht ihre besonderen Reize. Schwaches Licht führt dazu, dass man sein Gegenüber sympathischer findet. Gilt dies auch für eine Stadt?

Für Stuttgart-Marketing waren die Fotografen Werner Dieterich und Achim Mende unterwegs. Ihre Nachtaufnahmen in dem neuen Bildband „Stuttgart“ aus dem Gmeiner-Verlag sorgen dafür, dass man sich auf den ersten Blick in die Kesselstadt mit den grünen Hügeln verliebt. Es sind auch viele schöne Fotos vom Tag in dem Buch, doch bei Dunkelheit liegt ein angenehmer Schatten über allem, ein verheißungsvolles Leuchten. Es scheint, als befreie die Finsternis von den Regeln des Tages. Die Nacht übergeht Verpflichtungen. Alles scheint möglich.

Palast-Wirt hat den Pachtvertrag um 20 Jahre verlängert

Dann ist es sogar möglich, dass ein altes Klohäuschen Hunderte von Bierfans auf den harten Asphalt setzt. In dem neuen Stuttgart-Buch, das eine Liebeserklärung an die Stadt ist, darf sich der Palast der Republik tief unten im Kessel als Kontrast zum leuchtenden Fernsehturm auf einer Doppelseite ausbreiten. Dieser Palast, der sich im Besitz der Stadt befindet, ist das genaue Gegenteil vom Protz der SED-Machtzentrale mit diesem Namen. Seit 1989 liefert dieser Ort den Beweis dafür, dass es für einen Gastro-Erfolg nicht viel bedarf, wenn man es nur richtig anpackt. Schaut her, erfahren Stadtgäste von auswärts, wie einfallsreich man in Stuttgart ist! Immer wieder wird Palast-Chef Stefan Schneider gefragt, ob er seine „Gelddruckmaschine“ verkaufen will. Will er nicht.

Den Pachtvertrag hat der Wirt um weitere 20 Jahre verlängert. Einst hat er mit Erfolg für die Kneipe gekämpft, als Investoren des Marquardt-Baus daraus eine Eisdiele machen wollten. Jetzt folgt Generation auf Generation, um für eine Halbe (mit 3,60 Euro ist sie billiger als an vielen anderen Zapfhähnen) eine halbe Stunde anzustehen.

Wenn es Nacht wird in Stuttgart, kommt so manches ans Licht. Keiner denkt mehr daran, was von hochgeklappten Gehsteigen zu labern. Heute zählt beim Ausgehen eines: weitermachen, solange man fit ist.

36 Sekunden braucht der Fernsehturm-Lift nach oben

Frühmorgens, wenn die Unermüdlichen den Heimweg antreten, treffen sie auf der Königstraße auf Kehrmaschinen. Die Stadtreinigung begrüßt putzmunter den erwachenden Tag. So herrscht rund um die Uhr Leben in der Metropole, die dank der Topografie mit Ausblicken verwöhnt, die nachts am schönsten sind.

Auf dem weltweit ersten Fernsehturm wird man besonders toll verwöhnt. Er ist Instagram-Hero, Teil der Popkultur und Nostalgie zugleich. 36 Sekunden braucht der Lift nach oben. Bei Sonne mag die Weitsicht am besten sein, doch auch Nebeltage haben was. Touristen dürfen sich den höchsten Punkt der Stadt nicht entgehen lassen.

Im ersten Halbjahr 2019 kamen die meisten ausländischen Turmbesucher aus Frankreich (1743). Auf Platz zwei sind Gäste aus den USA (1418) vor Indien (731), Swasiland im südlichen Afrika (648), der Schweiz (630) und Italien (599

Von Januar bis Juli wollten 191 144 Menschen rauf. Damit dürfte die Bilanz in etwa so ausfallen wie 2018, als 385 016 kamen. Zum Vergleich: Die höchste Besucherzahl in seinem über 63-jährigen Bestehen erreichte das Wahrzeichen 1957 mit 930 549 Gästen.

„Fernsehturm für Frühaufsteher“ ist ein Renner

Tagsüber scheint die Plattform Familien zu gehören. Abends kommen die Verliebten, kritzeln Herzchen mit ihren Namen an die längst nicht mehr weiße Wand der Plattform. Bis 23 Uhr dürfen sie oben bleiben.

Zum Renner ist das Angebot „Fernsehturm für Frühaufsteher“ geworden. Bis Ende des Jahres sind alle Sonnenaufgang-Events mit Sektfrühstück ausgebucht. Erst im Januar gibt es wieder freie Plätze.

Die Nacht hat was zu erzählen. Doch die Nacht kann Geheimnisse im Dunkeln für sich behalten. Liebe Franzosen, die ihr die eifrigsten Fernsehturm-Besucher seid: Stuttgarter Nächte sind genussreich. Aber selbst auf unsere Nächte folgt der Tag.

Das Buch „Stuttgart“ mit Fotos von Werner Dieterich, Achim Mende und anderen sowie mit Texten von Uwe Bogen ist im Gmeiner-Verlag mit 140 Seiten erschienen.

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