Die Augenklappe ist keine Deko. Weidemann (58) verlor sein Auge, als er vor einer Bar in Berlin in einen Streit geriet. Längst ist sie sein trotziges Markenzeichen. Mehr vielleicht noch als seine besondere Stimme. „Im Grunde hatte ich ja Glück“, sagt er im mittäglichen Gespräch vor der Premiere. „Ich hätte auch einen Arm oder Finger verlieren können.“ Zynismus? Eher der Einblick in den Kopf eines unverbesserlichen Musikers.
Musik war und ist sein Leben. Er nutzt sie als Narrativ, hängt seine Biografie an ihr auf. Autobiografisch heißt für den Berliner aber nicht chronologisch. Zu einem langsamen Beat kommt er auf die Bühne, stellt sich hinters Keyboard und interpretiert Frank Zappas expliziten Abgesang „Bobby Brown“. Zappa, das wird mehrfach deutlich, ist die strahlende Figur in Weidemanns Leben: Idol, Vorbild, Lieblingsmusiker. 1979 lernt er einen Roadie Zappas kennen. Der lässt ihn bei einem Auftritt in Frankfurt schon tagsüber in die Halle, gar auf die Bühne. Weidemann, gerade mal 17, lässt eine perlende Keyboard-Improvisation im leeren weiten Rund der Festhalle erklingen. „Dann kommt Zappa auf die Bühne“, sagt Weidemann. Und schließt dieses Kapitel erst mal.
Im Mutterbauch weg aus Berlin
Später wird er darauf zurückkommen. Nach einem Schwenk durch die Jahre davor und danach. Nicht nur dramaturgisch ist das ziemlich gut. Es visualisiert, wie sehr Weidemanns Leben von Musik geprägt wurde – und von Berlin. Er selbst nennt sich ein Kind der Diaspora. „Wie tausende andere Akademiker auch haben meine Eltern Berlin wegen des Mauerbaus verlassen – mit mir im Bauch meiner Mutter. Wir lebten an vielen verschiedenen Orten, und die erste Fremdsprache, die ich beherrschen musste, war Alemannisch. Die musste ich schon Kindergarten lernen, sonst hätte ich auf die Fresse bekommen.“
Wo sie auch wohnten: Die Stadt ließ ihn nicht los, blieb Bezugspunkt und Ankerplatz. „Das Narrativ dieser Stadt ist seit Generationen in mir verankert. Den Rest übernahm Bowie.“ Weidemann kam nach dem Abitur zurück in ein Berlin, das „am Tropf“ hing. Wirtschaftlich am Boden, kulturell ein einziger Spielplatz. „Bowie verankerte den Mythos Berlin in seiner Musik. Das öffnete einer ganzen Generation die Tore. In Berlin konnte man seine Geschichte neu schreiben. Konnte ein anderer Mensch werden. Und man konnte sich paaren, mit wem man wollte.“
Wilde Zeiten in Schwaben
Schon in den Achtzigern war er öfter mit seinen zahlreichen Bands in der Gegend um Stuttgart, hat, wie er sagt, „wilde Zeiten in Schwaben“ erlebt. Aber in Berlin vermischte sich alles, dort gab es Synergien und Raum für Experimente.
Seinen Platz fand er schon damals immer am Klavier. Ob WG-Party oder Aftershow-Veranstaltung der Echo-Verleihung: Er setzte sich an ein Klavier, begann zu spielen und beeinflusste die Atmosphäre. „Ich wollte immer etwas anstiften“, sagt er dazu. „Etwas Ungeplantes anstoßen und sehen, was damit passiert.“ In Berlin kam er leicht in Kontakt mit vielen Musikern, die sich damals dort aufhielten. Einer davon war Nick Cave, kurzzeitig wurde Weidemann Keyboarder der Bad Seeds. Er sei eben immer schon neugierig gewesen, erklärt er die Vielzahl an Kollaborationen. „Ich merke meistens erst später, warum ich etwas tue. Und die Musik hilft mir dabei.“
Pures Popkulturgold
Weidemann floh erst aus Berlin, als die Stadt nach der Wende in die Fänge des Techno geriet. Er erzählt von der ersten Love Parade, von seinem Übersiedeln nach New York. Dort erlebte er den 11. September, berichtet beklommen, dass er als Europäer kein Blut spenden durfte. Zwischendrin gibt es immer wieder Musik, Musik, Musik. Die Beatles, Jimi Hendrix, Nick Cave, Led Zeppelin, James Brown, aber auch Chopin, The Police, Udo Jürgens, Hildegard Knef. An der akustischen Gitarre, meist am Keyboard. „Die Tasten sind mein Alphabet“, sagt er.
Erst ist man versucht, all das mitzuschreiben. Damit man es zuhause in aller Ruhe nachlesen kann. Blixa Bargeld als Barkeeper mit gottgleichem Ruf, Nick Cave als Mundharmonika spielender Australier in Westberlin, Genesis, Joan Baez und Zampano Zappa auf einem gemeinsamen Konzert, seine eigenen Bands – alles für sich unvergessliche Geschichten aus purem Popkulturgold. Deswegen entscheidet man sich auch gegen das Mitschreiben. Man lauscht lieber, lässt sich in seinem Tempo durch diese Tour de Force jagen.
Stadt im Fieberwahn
Dass er die Musik für „Babylon Berlin“ schreiben durfte, sei für ihn das größte Geschenk gewesen. Er, der die Musik stets in einen geschichtlichen und biografischen Kontext setzt, durfte den Soundtrack einer Stadt im Fieberwahn der späten Zwanziger schreiben. „Zu Asche, zu Staub“, die epochale Hymne der Serie, entstand, weil Regisseur Tom Tykwer einen Song haben wollte, einen großen wie „Relax“ von Frankie Goes To Hollywood. „Nur eben aus den späten Zwanzigern“, bemerkt Weidemann. Auch den gibt er am Piano zum Besten. Gänsehaut.
„In der Musik bin ich in meinem tiefsten Zuhause“, sagt er einige Stunden vor der Premiere. Und schon am Abend wird das voll besetzte Kammertheater spüren, was er damit meint. Popkultur, so viel steht fest, wurde lange nicht so unterhaltsam und bewegend durch dekliniert wie in „Ich seh‘ Monster“. Höchste Zeit, dass dieser Mensch ein Buch schreibt.