„Life can be so nice“ im Stuttgarter Kammertheater Versace in der Unterwelt

Höllenfahrt: Jannik Mühlenweg als Nicki, ihm zu Füßen liegt der „Gemischte Frauenchor“. Foto: Björn Klein

Uraufführung im Stuttgarter Kammertheater: „Life can be so nice“ von Anne Lepper verpackt den Kapitalismus in ein böses, schnelles und sarkastisches Popmärchen.

Lang, lang ist’s her, aber in Gutshäusern, Schlössern und Palästen ließ es sich für Herrschaften angenehm leben. Für ihre Knechte, Mägde und Diener, die alles am Laufen hielten, eher nicht. Ganz so sind die Verhältnisse nicht mehr. Leibeigentum, Feudalismus, Monarchie sind abgeschafft, was aber blieb, ist die Klassengesellschaft – und wo ließe sich ihre Hierarchie heute schlagender festmachen als in einem Hotel, wo sich die althergebrachte soziale Ordnung von oben und unten auch in der räumlichen spiegelt?

 

Oben die Beletage, unten das Lager, die Wäscherei und bei Anne Lepper die Küche. Dort leitet Dirk die „Küchenbrigade“, die vom Aufstieg träumt, aber vorerst noch dafür sorgen muss, dass sich das Versprechen des Stücktitels für andere erfüllt: „Life can be so nice“, das Leben kann so schön sein, nicht für Koch und Kellner, aber doch weiter oben.

Der gute alte Klassenkampf

Im Kammertheater stehen alle Zutaten für den guten alten Klassenkampf bereit: der symbolische Ort, das symbolische Personal und der symbolische Aufzug, der Menschen aber nicht nur nach oben, sondern auch nach unten befördern kann. Dann hat man Pech gehabt und stürzt in Dirks mehlige Unterwelt wie der von Armani und Versace verwöhnte Nicki, nachdem er von seiner reichen Freundin Mary verstoßen wurde – aus der Liebe, dem Luxus und der Hotelsuite, weil ihr Nicki zu fade geworden ist und sie zudem Platz braucht für den „Gemischten Frauenchor“, der vielköpfig ihrem Ego dient. Nicht nur im Zimmer wird es jetzt eng, sondern auch für den guten alten, Thälmann-Kappen tragenden Klassenkampf. Denn so übersichtlich, wie er einst war, ist er bei Lepper längst nicht mehr.

Die Autorin hat ihren Marx und Adorno studiert

Die Autorin, 1978 in Essen geboren, gehört zu den interessantesten Dramatikerinnen der neuen Generation. Die Sehnsuchtsfiguren, die sie schafft, wissen nicht, dass ihr Glück allein im Traum vom Aufbruch in die Zukunft liegt, nicht im Aufbruch selbst. Für diese Themen findet Anne Lepper eine Form, in der sich Genres nicht anders mischen als auch jetzt in „Life can be so nice“, das in der Stuttgarter Uraufführung von Jessica Glause zur bösen, schnellen Groteske aus Wortgefechten und Popmusical, Gospelmesse und Loveparade wird, live begleitet von Joe Masi. Doch Neonfarben, Discosongs und Ballermann-Bohei verdecken nicht, dass die Autorin ihren Marx und Adorno mitsamt Kritischer Theorie gründlich studiert hat und jetzt überzeugend zur Anwendung bringen lässt.

Wie steigt man auf, warum stürzt man ab

Der Plot – wie steigt man auf, warum stürzt man ab, wie bleibt man oben – ist überschaubar, seine Umsetzung vielfältig. Dass sich alles verlässlich am Geld ausrichtet wie eine Magnetnadel am Nordpol, ist klar. Aber neben ökonomischem Kapital gibt es noch anderes, das Mary (Christiane Roßbach) in der Beletage ausspielt. Es ist kulturelles, soziales und symbolisches Kapital, das stimmstark vom „Gemischten Frauenchor“ verkörpert wird. Der wie ein Sahnebonbon quietschbunt mit Schleifen und Rüschen kostümierte Chor festigt Marys Status, indem er ihrem Narzissmus huldigt. Inbrünstig betet er die Millionenerbin an und besingt sie in quasireligiöser Weise – mit Popsongs, deren Romantik umnebeln, worum es geht: um Geld und Macht, siehe oben, weshalb Nicki, der es mit dem feurigen Frauenchor nicht aufnehmen kann, den Hotelaufzug nach unten nehmen muss. Mary/Maria fährt indes auf einer leuchtenden Kanzel nach oben in den Himmel.

Ein Kuss erweckt die unterdrückte Homosexualität

In der Hölle aber wartet auf Nicki (Jannik Mühlenweg) zuerst das Los eines Küchenbrigadiers, dann eine „Therapie“, ausgerechnet durch die rohen, Schnitzel panierenden Kollegen, die Mehlweiß tragen und in Schürzen, Tennishosen und Strapsen stecken, an denen beinlange Schlachterstiefel aus Latex hängen. In dieser Tracht und im vorrevolutionären Tumult gibt Dirk (Sebastian Röhrle) dem gefallenen Armani-Versace-Aficionado Nicki einen langen, innigen Kuss und erweckt rauschhaft seine unterdrückte Homosexualität. Wie aber soll er jetzt, schwul, wie er ist, den Auftrag erfüllen, den ihm die aufstiegsgeile Küchenbrigade gegeben hat? Wie soll er sich wieder an die Millionenerbin ranmachen?

Beste Unterhaltung mit grellem Scharfsinn

Geht alles, im Kapitalismus richtet sich selbst sexuelle Orientierung wie ein Magnet aus und geht nach Geld. Und im Finale, als der heilige Ehevertrag mit Mutter Maria geschlossen ist, singt das spielfreudige Ensemble wieder hymnisch laut und verbrämt damit, worum es geht, dazu ist Popkultur ja da. Ihre romantischen Konzepte von Liebe kolonisieren die Hirne und machen blöd, sagt Anne Lepper in „Life can be so nice“. Die Uraufführung aber ist mehr als nur nett. Sie bietet beste Unterhaltung mit grellem Scharfsinn.

Life can be so nice. Weitere Aufführungen täglich vom 10. bis 14. Januar.

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Dicke
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