Nein, einfach so ins Herz schließen kann man Flori nicht. Dazu macht er es sich und anderen bisweilen viel zu schwer. Ein junger Kerl, der in der Großstadt seine Homosexualität so frei und offen leben will, wie er es daheim in der Provinz nie konnte. Er lässt seine erste Liebe zurück, stürzt sich ins wilde Leben der schwulen Münchner Szene, erlebt höchstes Glück und tiefste Tristesse. Dabei will er doch nur lieben und geliebt werden. Möglichst bis ans Ende seiner Tage. Doch die können in jener Zeit schneller gezählt sein, als Flori lieb sein kann: Die Angst vor Aids erschüttert die Szene und leistet denen Vorschub, die Homosexualität schon immer verteufelt haben. Eine schwierige Zeit für einen jungen Mann, dessen Geschichte Lion Christ in seinem Debütroman „Sauhund“ erzählt. Das Publikum der Esslinger Literaturtage Lesart lauschte tief berührt, als der junge Autor im Kutschersaal las.
Voller Hoffnung und Naivität
Viele erinnern sich heute kaum mehr daran, was es Anfang der 80er Jahre hieß, homosexuell zu leben. Moderatorin Elisabeth Maier drehte die Uhr zurück und erinnerte daran, wie etwa ein gewisser Peter Gauweiler damals verschärfte Aids-Regelungen in Bayern einführen wollte – mit Zwangstests für Prostituierte, Drogenabhängige und angehende Beamte. Das muss man sich bei der Lektüre vor Augen führen – nicht zuletzt mit Blick auf den Protagonisten Flori, der voller Hoffnung und jugendlicher Naivität ein neues Leben in München beginnt. Ohne Rücksicht auf sich und andere. „Flori war schon immer irgendwie bei mir, ist vielleicht ein Stück weit eine schillerndere, naivere, hemmungslosere, furchtlosere Version meiner selbst“, verrät Christ. „Mir liegt dieser in der Welt verlorene, irrlichternde junge Mann sehr am Herzen. Gleichzeitig hätte ich ihn während des Schreibens manchmal gern am Krawattl gepackt, ihn geschüttelt und ihm zugerufen: Jetzt reiß dich halt mal zusammen, Bursch.“
Lion Christ nähert sich dem Protagonisten und seiner Geschichte behutsam und mit Empathie, ohne Flori und sein Schicksal zu verklären. Er weiß um das Glück des später Geborenen, dem manches erspart blieb, was Flori erleiden muss. Er hat sorgsam recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen, Quellen ausgewertet und sogar Kontaktanzeigen studiert, in deren Formulierungen sich viel vom damaligen Zeitgeist spiegelt. Manches liest sich ungewohnt explizit, doch das ist dem Streben des Autors nach Authentizität geschuldet. Nicht von ungefähr fühlte sich Elisabeth Maier, die mit viel Gespür durch den Abend führte, an einen Filmtitel von Rosa von Praunheim erinnert: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.“
Wenn Sprache zur Kunst wird
Trotzdem mögen sich viele von alledem nicht abgestoßen, sondern eher berührt fühlen. So, wie es auch der Moderatorin mit „Sauhund“ ergangen ist: „Lion Christ nimmt uns mit in die Welt eines Menschen, der nach seiner Identität sucht. Das tut er in einer wunderschönen Sprache, die im besten Sinn als Kunst zu bezeichnen ist. Da holt sich seine Sprache die Schönheit zurück – auch wenn es nur Worte sind, die da klingen.“ Und am beeindruckendsten klingen diese Worte, wenn der Autor selbst sie liest. Es war ein Genuss, ihm und seinen feinen Zwischentönen zu lauschen und zu spüren, welch feiner Geist hinter seinen Worten steht.
Lion Christ erzählt von einer Zeit, in der sich in Städten wie München eine schwule Szene etabliert hat, in der sich aber dennoch vieles weiter hinter verschlossenen Türen abspielt. Abspielen muss. Und Flori bleibt gar keine andere Wahl, als die Brücken hinter sich einzureißen, auch wenn er die Menschen, die sein Leben einst geprägt hatten, vermisst. Er fragt sich zwischendurch, wie lange es wohl dauern wird, bis man sich nicht mehr wehrt und untergeht. Und er erlebt, dass es in homosexuellen Konstellationen sehr wohl Liebe und Vertrauen geben kann. Und vor allem lernt er in der harten Schule des Lebens, dass man nicht ewig vor sich selbst davonlaufen kann, sondern zu sich selbst stehen muss. So, wie das auch Lion Christ für sich beschlossen hat: „Ich habe mir geschworen, mich nie mehr durch die Augen von anderen schlecht zu sehen.“
Lion Christ und sein Werk
Der Autor
Viel ist es nicht, was man auf Anhieb über Lion Christs Biografie erfahren kann: „In Bad Tölz geboren, studierte Film und Literarisches Schreiben und lebt in Leipzig. Für seinen Roman ‚Sauhund’ erhielt er das Münchner Literaturstipendium 2021.“ Wer den jungen Autor näher kennenlernen möchte, sollte seinen Roman lesen oder – noch besser – eine seiner Lesungen erleben.
Das Buch
„Sauhund“ (Hanser-Verlag, 24 Euro) erzählt die Geschichte von Flori, der 1983 der Enge seiner dörflichen Heimat entflieht, um in München das pralle Leben genießen und seine Homosexualität leben zu können. Doch in den Szeneclubs findet er zwar Zerstreuung und den schnellen Kick – die große Liebe, die möglichst bis ans Ende seiner Tage dauern soll, lässt ihn jedoch warten. „Lion Christ setzt Flori und allen vergessenen Liebenden des ersten Aids-Jahrzehnts ein rauschhaftes Denkmal“, heißt es in der Verlagswerbung.