Literatur Wer hat Angst vor Patricia Highsmith?

Im Alter war Patricia Highsmith  nicht nur nett – auch nicht in ihren Tagebüchern. Foto: imago images
Im Alter war Patricia Highsmith nicht nur nett – auch nicht in ihren Tagebüchern. Foto: imago images

Diogenes legt eine Auswahl der Tage- und Notizbücher der großen Autorin Patricia Highsmith vor – in etwas bereinigter Form.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Was war das für ein schönes Warten, als Patricia Highsmith noch am Leben war – auf neue Romane und Kurzgeschichten der in Europa lebenden Amerikanerin, die Menschen so beschrieb, als sei sie an der Spezies zwar makaber interessiert, hege aber keinerlei Illusionen über sie. Man war sehr neugierig auf diese Autorin – und vermutete doch ganz korrekt, dass ihr Distanz wichtig war. Die Vorstellung, es könne einmal die Tagebücher der 1995 Verstorbenen zu lesen geben, wäre einem einst so faszinierend wie ungehörig erschienen.

Nun aber hat der Schweizer Diogenes-Verlag, dem Highsmith die Weltrechte an ihrem Werk übertrug, „Tage- und Notizbücher“ Highsmiths vorgelegt. 18 Tage- und 38 Notizbücher hat die Herausgeberin Anna von Planta ausgewertet und aus 8000 Seiten Material ein Buch von 1376 Seiten zusammengestellt. Trotz des Umfangs ist diese Collage nichts für Literaturwissenschaftler, die alle Zusammenhänge und jedes Komma brauchen, sie ist für Leser gedacht: als so spannende wie anstrengende Tour durch Highsmiths Leben, durch jugendlichen Optimismus, strapaziöse Beziehungen, Irrungen und zunehmende Verbitterungen.

Wohlmeinende Zensur

Maßlos ärgerlich ist ein Eingriff im Zeichen der neuen Achtsamkeit. Highsmith hat teils üble Schimpfworte für Afroamerikaner und Juden benutzt. Die Frage, was da unreflektierter Jargon der Zeit, was fragwürdiges Frustventil, was Rassismus und Antisemitismus ist, wäre eine, der sich die Leser stellen müssten. Aber Planta hat die Begrifflichkeiten hie und da ausgetauscht. „Wir wollten Highsmith so getreu wie möglich abbilden“, schreibt sie in ihrem Vorwort, „in wenigen extremeren Fällen empfanden wir es aber als unsere redaktionelle Pflicht, ihr eine Bühne zu verweigern, so wie wir auch gehandelt hätten, als sie noch lebte.“

Aus Tagebuch-Editionen will man, bei allem gebotenem Misstrauen gegenüber Selbstdarstellungsstrategien, etwas über den Menschen erfahren, auf die Gefahr hin, dass einem das nicht gefallen wird. Zensureingriffe sind also widersinnig. Mit demselben Bereinigungseifer könnte man auch Highsmiths Werke umschreiben, deren Provokationspotenzial auf manche auch arg düpierend wirken dürfte. Die Frage, wie sehr einen der Eingriff der Tagebuchedition entfremdet, müssen sich aber sowieso nur die mittlerweile gar nicht mehr so zahlreichen Highsmith-Kenner stellen. Allen anderen seien herzhaft erst einmal die Romane und Geschichten selbst empfohlen.

Patricia Highsmith: Tage- und Notizbücher. Diogenes-Verlag. 1376 Seiten, 32 Euro.




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