Wer beide Abende besuchen will, muss schon eine gewisse Neugierde für die Bandbreite des Lebens mitbringen. Beispielsweise für den Kommissar Maigret, den Rainer Moritz in der kommenden Woche im Fellbacher Stadtmuseum näher vorstellt. Und sechs Wochen später Udo Jürgens, den der Publizist, ebenfalls auf Vermittlung von Bücher Lack, im Keller des Kunstvereins Fellbach der Zuhörerschaft näherbringen will. Wie gehen diese völlig divergierenden Leidenschaften zusammen? Darüber gibt der Literaturexperte fachkundig Ausdruck.
Herr Moritz, auf meinem Nachttisch liegen Dramen wie „Woyzeck“ oder „Undine“. Abends in der Redaktion lege ich gelegentlich, wenn die Kollegen schon weg sind, die CD „Schlagerkarussell der 70er“ in den Player, mit Perlen wie „Michaela“ oder „Barfuß im Regen“. Was läuft da schief?
Gar nichts. Es zeigt: Sie sind ein weltoffener Mensch und brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben. Das verwirrt die Umgebung zwar öfter, aber man hat es leichter im Leben, wenn man zu seinen Leidenschaften steht.
Und Sie selbst? Einerseits sind Sie Kenner von Walser, Proust, Simenon, andererseits ein Fachmann für Udo Jürgens – steckt auch in Ihnen ein Dr. Jekyll und Mr Hyde?
Ich werde nie vergessen, wie mich mal vor Jahren eine Literaturagentin auf einem Messeempfang zur Seite gezogen und gefragt hat: Das mit dem Schlager meinst du aber nicht ernst, oder? Tatsächlich habe ich mich auch in jungen Jahren mehr für Schlager interessiert und weniger für die Rolling Stones, Alice Cooper oder Nazareth.
In Ihrem Buch „100 Seiten Schlager“ im Reclam-Verlag bekennen Sie sich „zu einer Art Ekel-Faszination“, eine sehr treffende Selbsteinschätzung.
Ich habe den Begriff damals nicht selbst erfunden, aber fand ihn sehr passend. Schlager ist auch ein Kuriositätenkabinett, natürlich gibt es ganz schreckliche Dinge im Schlagergeschehen, das darf man ja nicht leugnen. Aber der deutsche Schlager sagt auch sehr viel aus über unsere Gesellschaft, das hat mich immer interessiert.
An dem ersten Ihrer beiden Abende in Fellbach im Stadtmuseum wird’s wohl seriöser, da stellen Sie Georges Simenon und seinen Kommissar Maigret vor.
Mit französischer Literatur und speziell mit Simenon habe ich mich in den letzten fünf Jahren intensiv beschäftigt. Aber es gibt noch den anderen Simenon mit seinen harten Romanen, wie er es selber genannt hat, jenseits von Maigret. Das sind weit über 100 Romane, der Mann war ja von erstaunlicher Produktivität. Ich versuche, Lust zu machen, diesen großartigen Autor Georges Simenon, von dem ich auch fünf Bücher übersetzt habe, wieder zu lesen oder für manche auch zum ersten Mal zu lesen.
Wobei, die Schnittmenge im Publikum zwischen dem ersten und dem zweiten Abend dürfte nicht allzu groß sein oder täusche ich mich da?
Nein, die ist wohl nicht sehr groß. Ich müsste noch mal recherchieren, inwieweit sich Simenon mit Chansons beschäftigt hat. Man könnte allenfalls die Brücke zum Schlager schlagen, wenn Sie an den „Kriminaltango“ denken oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“. Es gibt einige Schlager, die mit den Motiven des Kriminalromans arbeiten.
Was ist gute Literatur, was Schund? Ist etwa „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ genauso anspruchs- oder geheimnisvoll wie Kafkas „Jemand musste Josef K. verleumdet haben“?
Natürlich bestehen große Unterschiede. Aber es war für mich immer eine gute Schule, mich mit Schlagertexten, die ja keine hohe Literatur sein wollen, zu beschäftigen. Das hilft, Kriterien zu finden. Genau die Frage, die Sie gestellt haben: Was unterscheidet ein Gedicht von Ingeborg Bachmann von einem Schlagertext? Kann man die Unterschiede benennen? Wobei es durchaus geniale Schlagertexte gibt. Sie müssen bedenken: Romanautoren haben 300 oder 400 Seiten Platz, um die Gefühlsregungen zu analysieren. Der Schlagertexter muss in drei Minuten das Wesentliche sagen, und da gibt es Texte, denen das wunderbar gelingt – und natürlich auch wahnsinnig banale Schlagertexte. Erfolg können interessanterweise beide haben.
Einer Ihrer besonderen „Götter“ ist ja Udo Jürgens, den Sie auch in einem neuen Reclam-Buch „100 Seiten“ würdigen.
Es wäre allerdings verfehlt, ihn als Schlagersänger einzuordnen. Udo Jürgens ist ein Ausnahmekünstler, den man nicht – nur mal so als Beispiel gesagt – mit Sängern wie Jürgen Marcus oder Chris Roberts auf eine Stufe stellen kann. Er war immer ein großer Entertainer, bis zu seinem Tode. Er hatte dieses ewig Jugendliche. Deswegen waren viele Menschen verstört, als er 2014 gestorben ist. Man dachte, der Mann tritt immer und ewig auf. Und er hatte zum Glück immer kongeniale Texter an seiner Seite, die ihm von „Merci Chérie“ bis „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ eben auch Zeilen geliefert haben, die wunderbar zu ihm gepasst haben.
Kleine Quizfrage: Wissen Sie als Experte, wie „Griechischer Wein“ eigentlich ursprünglich heißen sollte?
Das habe ich für mein Udo-Jürgens-Büchlein natürlich recherchiert und dafür seinen Texter Michael Kunze eigens angeschrieben: Udo Jürgens hatte diese Melodie im Griechenland-Urlaub geschrieben, wollte aber nicht, dass es mit griechischer Folklore versetzt ist und hat den ersten Vorschlag „Griechischer Wein“ abgelehnt. Dann hat Kunze den unvorstellbaren Titel entworfen „Sonja, wach auf“. Die Vorstellung, dass man heute Griechischer Wein, das ja ein Welterfolg wurde und in allen Ländern interpretiert worden ist, als „Sonja, wach auf“ hören müsste – na, dazu ist es dann zum Glück nicht gekommen.
Und aktuell das Wunder Helene Fischer?
Sie hat, egal wie man zu ihr steht, Unglaubliches geleistet für das Comeback des deutschen Schlagers und vor allem für ein Comeback auch bei einem jüngeren Publikum. Kürzlich bei einem Kaffee waren Michael Kunze und ich allerdings ganz einig im Urteil: Sie hat es verpasst, den nächsten Karriereschritt zu machen. Es sind modern rhythmisierte, poppig arrangierte Schlager, aber die Texte sind 80er oder gar 70er Jahre, mit Herz, Schmerz, Lüge, Sehnsucht, Liebe drin, das ist enttäuschend – sie könnte viel mehr leisten.
Wie erleben Sie denn die Zuhörer bei Ihren Auftritten?
Ganz klar: Ab einem bestimmten Lied singen die Menschen mit. Die meisten trauen sich erst nicht, aber wenn ich so ein bisschen Schlagergeschichte betreibe, etwa mit Lolitas „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ aus dem Jahr 1960, dann geht’s ab. Wenn sich der Erste dann im Publikum gehen lässt, dann singt der ganze Gewölbekeller des Fellbacher Kunstvereins, ganz sicher.
Abschließend zu diesem Themenkomplex nenne ich mal die in einer redaktionsinternen Auswahl ermittelten Top 5 der deutschen Schlagergeschichte: „Marleen“, „Immer wieder sonntags“, Mein Freund der Baum“, „Im Wagen vor mir…“, „Lieben Sie Partys?“. Findet das Ihre Gnade?
Damit kann ich gut leben. „Immer wieder sonntags“ würde ich allerdings nicht unbedingt dazu zählen. Cindy & Bert ist typisch für diese ganzen Gesangsduos, bei Nina & Mike, Inga & Wolf war das auch so, dass die Frauen eigentlich immer besser gesungen haben. „Im Wagen vor mir fährt ein blondes Mädchen“ ist ein sensationelles Lied, das würde heute wahrscheinlich mit Warnhinweisen versehen werden wegen sexistischen Inhalts, das dürfte man heute gar nicht mehr so texten. „Lieben Sie Partys“ von Dalia Lavi: Ich habe, als sie vor einigen Jahren starb, ihren Nachruf geschrieben. Sie ist ganz groß, das kann man nicht hoch genug schätzen. Sie war ja als eine Frau aus Israel eine Besonderheit im deutschen Schlagergeschäft, da gab es wenige, die da mithalten konnten.
Und „Marleen“?
Ja, Marianne Rosenberg – ein treffendes Beispiel für große Schlagerkunst: Der Schlager muss sich wahnsinnig konzentrieren, um die großen Konflikte in drei Minuten abzuhandeln, und bei Marleen geht’s um eine Dreierbeziehung: Die Sängerin sieht nicht ganz so gut aus wie die neue Freundin. Und da hat sie einen wunderbaren Lösungsvorschlag: „Marleen, eine von uns beiden muss nun geh’n, drum bitt’ ich dich, geh du, Marleen“ Im realen Leben wird man das nie so schnell hinbekommen, dass eine Dreierbeziehung sich auf so harmonische Weise lösen lässt, deswegen liegt mir dieses Lied auch sehr am Herzen.
Mit welchen eigenen Top 5 halten Sie dagegen, was ist für Sie unverzichtbar?
Das schwankt immer ein bisschen. Von Roland Kaiser, den ich mal vor zwei Jahren zu seiner Autobiografie auf der Buchmesse interviewt habe, gibt es ein paar Lieder – nicht „Santa Maria“, aber „Lieb mich ein letztes Mal“; oder der Zug, der mit Christian Anders nach nirgendwo fährt, ist auch ein Klassiker; „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gehört wahrscheinlich auch dazu.
Trotz der grammatikalischen Probleme?
Das haben die Deutschlehrer schon damals moniert, aber darüber muss man hinwegsehen. Ich habe eine schwankende Liste, wo ich ihnen sofort 15 Lieder aufzählen könnte, etwa Michael Holm, und Mary Roos ist sensationell, ,Aufrecht geh’n’, der deutsche Grand-Prix-Beitrag von 1984, kommt auch auf der Liste.
Sie sind Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur – nie gehört.
Da kann man sich nicht bewerben, sondern wird zugewählt. Dazu gehören Fernsehmoderatoren, Fußballpublizisten, die verleihen einmal im Jahr das „Fußballbuch des Jahres“. Übrigens bin ich Mitglied des TSV 1860 München, seit Kindesbeinen Anhänger.
Auweia, Dritte Liga!
Sie müssen mich jetzt nicht unbedingt quälen und diesen Niedergang noch auswalzen.
Schiedsrichter waren Sie auch mal?
Stimmt, aber das liegt schon etliche Jahre zurück. Ich habe die Prüfung mit 17 Jahren gemacht, war Schiedsrichter für die Turngemeinde Heilbronn und acht Jahre lang auch als Linienrichter im Gespann mit einem Oberliga-Schiedsrichter aktiv, und wir waren ganz viel im Stuttgarter Raum unterwegs, in Winnenden etwa und natürlich kenne ich auch den SV Fellbach und sein Stadion. Wenn ich heute durch Orte fahre, sage ich immer: Ich kenne von dem Ort nichts, aber den Sportplatz kenne ich. In Hohenlohe war ich sehr gerne, Gerabronn, Crailsheim, das Publikum war immer sehr rau. Wenn Sie als 18-, 19-Jähriger da hinkommen, sind alle Spieler älter als Sie, da muss man ein gewisses Stehvermögen haben. Da musste man die gelbe Karte so locker sitzen haben wie John Wayne den Colt.
Krimispannung und Schlagerreise
Herkunft
Der 65-jährige Rainer Moritz ist in Heilbronn geboren und aufgewachsen. Er hat in Tübingen Germanistik, Philosophie und Romanistik studiert und 1988 über den Stuttgarter Schriftsteller Hermann Lenz promoviert. Später hat Moritz bei diversen Verlagen gearbeitet. Seit 2005 ist er Leiter des Literaturhauses in Hamburg. Er ist außerdem Radiokolumnist und Übersetzer aus dem Französischen.
Veröffentlichungen
Der Bogen der Publikationen von Rainer Moritz ist weit gespannt, reicht von einer Abhandlung über den Schriftsteller Richard Yates über Fußball oder Schlager bis hin zu „Helden des Südwestens“ wie Löw und Laugenbrezeln. Seine Bücher haben Titel wie „Dichter im Hotel“, „Mit Proust durch Paris“, „Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs“ oder „Wer hat den schlechtesten Sex? Eine literarische Spurensuche.“
Termine
Der Abend über den außergewöhnlichen Krimiautor Georges Simenon beginnt am Donnerstag, 14. September, um 19 Uhr, und zwar wegen des spürbar gewachsenen Interesses im Gewölbekeller des Kunstvereins Fellbach, Cannstatter Straße 9 – dort gibt es ein wenig mehr Platz als im zunächst vorgesehenen Stadtmuseum Fellbach (Anmeldung für den Simenon-Abend per Mail an stadtmuseum@fellbach.de). Am Freitag, 27. Oktober, folgt im Gewölbekeller des Kunstvereins Fellbach, Cannstatter Straße 9, um 19.30 Uhr „Eine Schlagerreise“. Karten im Vorverkauf bei Mitveranstalter Bücher Lack (0711 / 58 62 05) sowie beim i-Punkt im Rathaus Fellbach (0711 / 57 56 14 15).