Literaturtipps Fünf Bücher über Mütter, die jeder lesen sollte

In Romanen und Essaysammlungen sezieren Autorinnen und Autoren heute Mutterschaft. Foto: AdobeStock

Lange waren Mütter Nebenfiguren der Literatur. Heute gibt es viele Bücher, in denen die Erfahrung von Mutterschaft im Mittelpunkt steht. Unsere Autorinnen nennen Werke, die nicht nur Mütter lesen sollten.

Es gibt eine Dekade im Leben der Frau, in der sie an einem Thema nicht vorbeikommt. Zwischen 30 und 40 sind Kinderwunsch und Mutterschaft so omnipräsent, dass ihnen selbst jene nicht entkommen, die sich am Ende dennoch gegen eigene Kinder entscheiden. So etwa Sheila Heti, die diese Variante 2018 in ihrem Buch „Mutterschaft“ sehr klug sezierte. Mutterschaft ist seit der Frauenbewegung als Topos der gesellschaftlichen Debatten präsent, doch literarisch befassen sich Autorinnen noch gar nicht so lange damit.

 

Das hat nicht beiläufig auch mit dem Vorurteil zu tun, dass Frauen, die Kinder haben, keine Autorinnen sein können. Anke Stelling schreibt in „Schäfchen im Trockenen“: „Es tut mir leid, dass hier alles so zerrissen scheint. Doch ich bin, wer ich bin, und ich werde nicht mehr so tun, als hätte ich dieselben Voraussetzungen wie, sagen wir mal, Martin Walser.“ Und Virginia Woolf forderte 1929 schon in „Ein Zimmer für sich allein“: „Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können.“

In der Vergangenheit waren Mutterfiguren meist Nebenfiguren, das entscheidende bis einzige Merkmal dieser Figuren war ihre Mutterschaft, und das Bewertungskriterium einzig und allein die Erfüllung dieser Rolle. So sind Märchen und Geschichten früherer Zeiten voll von Stiefmüttern, kalten Müttern, frustrierten Müttern.

Heute gibt es eine Vielfalt an Mütterliteratur, die bestehende gesellschaftliche Strukturen und Lebenswelten ergänzen und manchmal auch nicht weniger als: ins Wanken bringen. Weibliche Perspektiven, die alles, was bisher da ist, jeden Blick, jede Betrachtung in Frage stellen können. Wir stellen fünf Bücher vor, die eine Lektüre unbedingt lohnen:

Gewaltige Leidenschaft

Es ist ein Mysterium. Fast wie Eva aus der Rippe Adams kommt ein neuer Mensch aus dem Bauch der Mutter. „Wir sind ein Duo, ein Paar“, beschreibt Rachel Cusk in ihrem Memoir „Lebenswerk“ dieses komische Gespann. Die Frau fühlt sich, als habe sie sich schlicht „reproduziert wie eine Matrjoschka“ und stellt fest: „Ich habe allein das Haus verlassen und nun kehre ich zu zweit zurück.“ Ein im Grunde nicht fassbarer Vorgang – ein Kind bekommen, ist das nicht das Wahnwitzigste, Größte, Unglaublichste? Und doch alltäglich, gar natürlich. Diese Paradoxität verwandelt Geburt und Mutterschaft in etwas Unheimliches, das sich an der Profanität des Windelalltags bricht. Rachel Cusks autobiografischer Roman ist 2019 ganze 18 Jahre nach seinem ersten Erscheinen in Großbritannien endlich auf Deutsch erschienen und erzählt brillant von der Gewaltigkeit einer Lebenserfahrung.

Rachel Cusk: Lebenswerk. Über das Mutterwerden. Suhrkamp Insel, 220 Seiten, 22 Euro.

Der Blick des Sohnes

Wäre das nicht heilsam oder einfach nur lustig und spannend, ins Leben der Mutter gucken zu können, bevor sie Mutter war? Was hat sie geträumt, erlebt und durchlitten? Wen hat sie begehrt, wer hat sie erschüttert? War sie vielleicht ein ebenso unfertiges, verrücktes, liebeskrankes, hochnäsiges Mädchen wie man selbst? Würde man sie nicht besser verstehen, vielleicht mehr mögen können?

Ralf Rothmann, der große Geschichtenschreiber, erzählt in „Die Nacht unterm Schnee“ von einer Mutter, wie sie seine war. Tief versehrt im Krieg, lebens- und leibeshungrig danach, unfähig zur Mutterliebe. Das ist grausam zu lesen und dennoch versöhnlich, wunderschön: „Und wenn man eine Seele röntgen ließe, wenn man meine in dem Augenblick durchleuchtet hätte, wäre die Farbe von flirrenden Flügeln zu sehen gewesen, Libellenflügeln in der Sonne.“

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee. Suhrkamp, 304 Seiten, 24 Euro.

Die unerzählte Front

Klara, Anfang 30, zwei kleine Kinder, verheiratet mit Ernst, dem Arzt, lebt in Wien. Sie ist depressiv, will (vielleicht) Literatin sein, hadert mit der Mutterschaft, die sie erfüllt und gleichzeitig fesselt. Statt zu schreiben näht sie Kinderkleider. Soweit, so zeitgenössisch, liest sich Friederike Manners autobiografischer Roman „Die dunklen Jahre“. Doch Klaras Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg. Weil Ernst Jude ist, flieht sie mit ihren Kindern bis ins chaotische Belgrad. Das Buch, erschienen 1948 und dann lange vergessen wie so viele Werke der Frauenliteratur, erzählt von einer kaum beschriebenen Front: dem Überlebenskampf der Mütter und Kinder, in dem alles, was war, nichtig wird. Die „ganze Welt mag verrecken, doch meine Kinder sollen leben, solange es geht, solang ich vermag...“ Was für ein heutiges Buch! Für den Schriftsteller Erich Hackl einer „der besten Romane überhaupt“.

Friederike Manner: Die dunklen Jahre. Edition Atelier 2019, 424 Seiten, 28 Euro.

Befreiung einer Figur

In ihrer aktuellen Essaysammlung schreibt die amerikanische Autorin Siri Hustvedt: „Obwohl Feministinnen seit langem gegen die einengende Ideologie der Mutterschaft rebelliert haben, ist der entrüstete Richter keine Figur der Vergangenheit.“ Hustvedts Analysen zerlegen kunstvoll Vorurteile übers Muttersein und stellen Blickwinkel in Frage, auch indem die Autorin aus dem eigenen Leben erzählt. Sie loten aus, wie dieses Feld des Alltäglichen von seiner mystischen Überhöhung befreit, von emotionalen Zuschreibungen gelöst werden könnte. Mutterschaft sieht sie eingebettet in ein Konstrukt aus Tradition und Struktur: „Eine Sozialstruktur mit Regeln, die kollektives Verhalten organisieren.“ Die Texte decken auf, dass hinter bestimmten Mechanismen Methode steckt: Machterhalt und Misogynie etwa. Und verletzten zugleich bestimmte Grenzen performativ – die Analysen sind selbst der Splitter im Fleisch so mancher männlich dominierten Debatten und Diskurse.

Siri Hustvedt: Mütter, Väter und Täter. Rowohlt, 448 Seiten, 28 Euro.

Kessel-Mütter

Mütter haben für die Stuttgarter Autorin Anna Katharina Hahn unbedingt literarisches Potenzial, regelmäßig seziert sie in ihren Romanen diese Spezies. 2020 beschrieb Hahn in „Aus und davon“ wie sich Mutterschaft über drei Frauengenerationen hinweg verändert hat. Lesenswert sind vor allem die Mütter-Psychogramme in ihrem Debüt „Kürzere Tage“ von 2009, das in Stuttgarts besten Wohnlagen spielt. Da ist Leonie, die sich im Doppelleben als ambitionierte Arbeiterin und Mutter zerreibt. Da ist Judith, die sich aus den Niederungen des Kessels hochgeheiratet hat und hingebungsvoll den anthroposophischen Jahreszeitentisch für die Kinder schmückt. Aber nachts frisst sie Tabletten gegen ihre Angst – bis ein zorniges Kind vom Olgaeck die Halbhöhenfassade in Stücke bricht. Hahn schafft Figuren, die mitunter abstoßen, weil man sich in ihnen wiederfinden kann.

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage. Suhrkamp Taschenbuch 2017, 306 Seiten, 11 Euro.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Mutter Anna Katharina Hahn