Die Hoffnung auf eine sorglosere Zukunft liegt eingeklemmt zwischen der A 65 und der Bahnstrecke nach Landau. Ein Gewirr aus Röhren zieht sich über das versteckt liegende Gelände von der Größe eines Fußballfeldes. Neben einer großen Halle dreht sich ein Dutzend riesige Ventilatoren, deren tiefes Brummen mit dem unaufhörlichen Rauschen der Autobahn konkurriert. Seit zehn Jahren beliefert das kleine Geothermiekraftwerk in der pfälzischen Gemeinde Insheim die Region mit grünem Strom.
„Das ist im Moment ein richtiger Hype“, sagt Geschäftsführer Horst Kreuter
Nun aber hat sich ein neues, zukunftsträchtiges Geschäftsfeld aufgetan. Parallel zum Wärmekraftwerk hat die Firma Vulcan Energie Ressourcen zwei Pilotanlagen zur Gewinnung von Lithium aus dem nach oben geförderten heißen Wasser aufgebaut. „Das ist im Moment ein richtiger Hype“, sagt Gründer und Geschäftsführer Horst Kreuter und erklärt, dass das seltene Material in Glas, Porzellan, Schmiermittel und sogar in Medikamenten gegen Depressionen zu finden ist.
Begehrt ist Lithium im Moment allerdings aus einem anderen Grund: Es wird in großen Mengen zum Bau von leistungsfähigen Autobatterien benötigt. Angesichts der boomenden Elektromobilität ist der Abbau von Lithium ein Milliardengeschäft. „Inzwischen wird in jeder Ecke nach Lithium gesucht“, beschreibt Kreuter die Goldgräberstimmung in seiner Branche.
Lithium aus Thermalwasser
Was das Wissen um die Gewinnung von Lithium aus dem Thermalwasser angeht, sei die Firma Vulcan in Europa führend, erklärt der Geologe. „Die Erkenntnisse aus dem Betrieb der Pilotanlage in Insheim fließen in den Bau einer wesentlich größeren Demoanlage in Landau“, sagt Horst Kreuter. „Wir können mit der Anlage Proben in größerem Maßstab produzieren als bisher. Unsere Abnehmer können dann die Proben auf ihre Qualität testen.“ Ende 2025 soll der kommerzielle Betrieb aufgenommen werden. Kreuter hofft, dass in Zukunft im gesamten Oberrheingraben Lithium gewonnen werden kann. In einer aktuellen Machbarkeitsstudie geht das Unternehmen davon aus, Lithium für rund 1,2 Millionen Autobatterien pro Jahr produzieren zu können. „Das reicht für alle Elektroautos in Deutschland“, rechnet der Firmenchef vor.
Doch nicht nur die Industrie ist fieberhaft auf der Suche nach Rohstoffen. Die Coronapandemie und der Überfall Russlands auf die Ukraine haben die Zerbrechlichkeit wichtiger Lieferketten vor Augen geführt, deshalb arbeitet die Politik daran, unabhängiger von einzelnen Lieferanten zu werden. Das gilt vor allem für China. Denn wenn Peking es will, stehen in Europas Fabriken die Räder still. China beherrscht den Weltmarkt für wichtige Rohstoffe, die sich in zahlreichen Geräten befinden. Sie werden etwa zur Herstellung von Computerchips benötigt, die dann in Kaffeemaschinen, Smartphones oder Windkraftanlagen und Autos eingebaut werden.
Die Europäische Union hat sich nun zum Ziel gesetzt, diese Abhängigkeit zurückschrauben. Aus diesem Grund wird an einem Gesetz über wichtige Rohstoffe gearbeitet, das unter anderem Produktionsziele für Europa festlegt. „Wir beziehen 98 Prozent unserer seltenen Erden und 93 Prozent unseres Magnesiums aus China“, begründete EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen jüngst den Schritt.
Die im sogenannten Critical Raw Materials Act formulierten Ziele sind überaus ambitioniert. Bis zum Jahr 2030 sollen mindestens 10 Prozent der von der EU benötigten strategisch wichtigen Rohstoffe in Europa abgebaut werden. Weitere 15 Prozent sollen durch die Wiederverwertung dieser Rohstoffe gedeckt werden. Unabhängig davon sollen mindestens 40 Prozent des EU-Verbrauchs jedes einzelnen wichtigen Rohstoffs auch in Europa verarbeitet und raffiniert, also veredelt, werden.
Da die Zeit drängt, setzt die Kommission vor allem auf schnellere Genehmigungsverfahren für strategisch wichtige Projekte. Die sollen auf maximal 24 Monate begrenzt werden, wenn es um den Abbau von wichtigen Rohstoffen geht. Vereinfacht werden sollen auch die Beihilferegeln, und die Verwendung von EU-Mitteln soll flexibilisiert werden.
Geplant ist auch, zum Beispiel Genehmigungsvorschriften für neue Bergbauprojekte zu lockern. Damit sind allerdings die Probleme vorprogrammiert. „Meine Hauptsorge gilt heute dem gesellschaftlichen Widerstand, den wir in Europa gegen die Entwicklung dieser Art von Minen haben“, sagte Portugals Wirtschaftsminister António Costa Silva beim Treffen mit seinen EU-Kollegen in Brüssel. „Die Menschen möchten eine sehr fortschrittliche technologische Zivilisation entwickeln, aber sie lehnen die Entwicklung neuer Minen vollständig ab.“ Der Minister spricht aus eigener, leidvoller Erfahrung. Seit Jahren wehren sich Anwohner gegen den Versuch, eine neue Lithiummine in der Nähe des Dorfes Covas do Barroso zu eröffnen. Dies hat zu mehreren Verzögerungen im Versteigerungsverfahren geführt, das ursprünglich für 2018 geplant war.
Widerstände in der Bevölkerung
Auch Horst Kreuter, Geschäftsführer der Vulcan in Insheim, muss gegen Widerstände aus der Bevölkerung ankämpfen. Was ihn ärgert, ist, dass die Menschen oft nicht genügend über die modernen technischen Möglichkeiten informiert seien. Aus diesem Grund legt das Unternehmen Vulcan inzwischen viel Wert auf die offene Kommunikation mit den betroffenen Gemeinden. Seine Erfahrung ist, dass bisweilen eine kleine, aber sehr laute Minderheit versuche, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und dabei vor allem mit den Ängsten der Bürger arbeite. Soziale Medien wie Facebook würden für regelrechte Kampagnen genutzt. „Dahinter stecken oft nur zwei oder drei Akteure“, sagt Horst Kreuter.
Der Geschäftsführer erkennt allerdings einen beginnenden Umschwung in der öffentlichen Meinung. Zu tun habe das auch mit den rapide steigenden Energiepreisen. So habe etwa im nahen Landau die Aussicht auf eine sichere und finanziell kalkulierbare Versorgung mit Wärme die Bürger nach anfänglichem Zögern letztendlich von den Vorteilen der Geothermie überzeugt.