Logen in Stadien Beste Plätze für die dritte Halbzeit

Arminia Bielefeld hat eine Loge im Angebot, die sich an Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen und anderen Einschränkungen richtet. Foto: DSC Arminia/ielefeld

Früher waren Logen in Stadien ein Treffpunkt für Großkopferte. Heute fungieren sie als Konzertbühne, Rückzugsort für Autisten oder als Herzblutprojekt für Architekten.

2024 steht aus fußballerischer Sicht im Zeichen der Europameisterschaft. Doch während die deutsche Nationalmannschaft bisher wenig Begeisterung verursacht, strömen die Fans in den ersten drei Profiligen in die Stadien und feiern nach Corona eine Party, die in den Logen oft in die Verlängerung geht.

 

Dabei zeigt sich zwischen Bielefeld, Heidenheim und St. Pauli eine interessante Entwicklung: Waren Logen früher vor allem ein Rückzugsort, um Geschäfte zu machen, werden die Separees in Stadien heute anders genutzt, zum Beispiel als Konzertbühne oder als Rückzugsort für Menschen mit Behinderung.

Was macht eine gute Loge aus?

„Vereine müssen zur Vermarktung ihrer Logen immer kreativer werden, denn Themen wie Compliance machen eine Nutzung der Logen für Firmenkunden immer schwieriger. Insofern gibt es da eine Entwicklung, die ich am Ende für alle Beteiligten als positiv bewerten würde“, sagt Cedric Ebener, Kreativdirektor der Agentur ce+co.

Der Hamburger hat 2011 das Buch „Die besten Fußball-Logen Deutschlands“ veröffentlicht, Untertitel: „Alles außer Unentschieden“. Was macht eine gute Lounge im Stadion in seinen Augen aus? „Eine gute Firmenloge schafft es, die Werte oder Themen des Gastgebers mit der Emotionalität von Fußball zu verknüpfen“, sagt Ebener, der bei der Frage zu seiner eigenen Lieblingsloge nicht objektiv antworten kann: „In aller Bescheidenheit: nach wie vor unsere eigene, die Bannerwerkstatt von ce+co auf St. Pauli!“, erklärt Ebener, dessen Loge den German Design Award gewonnen hat: Seine Gäste haben mit Kittel, Pinsel und Farbe selbst Banner während des Spiels gestaltet.

Ebenfalls auf St. Pauli befindet sich eine weitere Loge, die mit der Vorstellung vom exklusiven Häppchen-Club aufräumt. Das Séparée 31 ist eine Konzertbühne, die Frank Otto, Sohn des Otto-Versand-Gründers, 2010 ins Leben gerufen hat. Der 66-Jährige ist Musiker, großer Unterstützer der Hamburger Musikszene und hat am Millerntor eine der kleinsten Livebühnen der Stadt etabliert.

Anfangs sei es eher ein Ort für Singer-Songwriter und akustische Acts gewesen. „Über die Jahre wurden die Bands immer umfangreicher und mittlerweile ist es eher selten, dass diese Bühne ohne ein Schlagzeug und Gitarren- und Bassverstärker bespielt wird“, so Otto.

Die dritte musikalische Halbzeit auf St. Pauli

Läuft die schönste Nebensache der Welt im Séparée 31 eher nebenher, weil hier der Fokus auf der Musik liegt? „Nein“, antwortet Frank Otto, „der Fokus liegt klar auf St. Pauli und dem Fußballspiel, welches dann mit einer ,3. musikalischen Halbzeit‘ abgerundet wird.“

Otto kuratiert die Lounge gemeinsam mit seinem Team. „Meistens werden die Bands angefragt, nachdem wir sie in einem der vielen Clubs in Hamburg auf der Bühne gesehen haben. Man kann sich als Band aber auch bewerben. Am besten mit einem kurzen Videomitschnitt von einem Konzert und einem Link zu aktueller Musik per Mail an booking@separee31.net“, erklärt der Hamburger Medien-Unternehmer, der über die musikalischen Präferenzen seiner Loge abschließend den schönen Satz sagt: „St. Pauli ist halt eher laut.“

Im Alm-Stadion zu Bielefeld ist man keinen Deut leiser als auf St. Pauli. Im Stadion von Arminia Bielefeld gibt es aber eine Loge für alle, die einen besonderen Bedarf an Ruhe haben und dennoch Lust verspüren auf ein ganz besonderes Spieltagserlebnis.

2019 etablierte der Verein Deutschlands erste inklusive Loge für Menschen mit psychischen Erkrankungen, Autismus-Spektrum-Störungen und anderen Einschränkungen. Die Inspiration für diese besondere Einrichtung fanden die Verantwortlichen der Arminia in London: „Die Idee ist bei einem Besuch im August 2018 im Emirates Stadium des FC Arsenal entstanden. Dort haben wir mit einer Delegation den neu eröffneten sensorischen Zuschauerraum inspiziert“, erklärt Malik Schacht aus der Kommunikationsabteilung der Arminia.

Klangwasserbett, Lichtröhren und Sitzsäcke zum Entspannen

Arminias Ruheraum ist rund 18 Quadratmeter groß. Zu den Einrichtungsgegenständen zählen ein Klangwasserbett, Lichtröhren und Wasserblasensäulen, Sitzsäcke zum Entspannen und eine zusätzliche Musikanlage. „Der gesamte Raum ist schallreduziert und verhindert so Irritationen von außen“, so Malik Schacht weiter.

Bei der Konzeption der Loge haben die Verantwortlichen der Arminia unter anderem mit Arsenal London, dem Verein Autismus Ostwestfalen-Lippe und dem Westfälischen Institut für Entwicklungsförderung und Autismus zusammengearbeitet.

150 Menschen haben die Loge bisher genutzt

An Spieltagen wird die Einrichtung, die von den Fans sehr gut angenommen wird, von zwei geschulten ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut. Karten sind bisher bei nahezu jedem Heimspiel ausverkauft, erklärt Schacht, der schätzt, dass die Loge bisher von rund 150 Menschen genutzt wurde.

Von der Alm auf die Alb: Der 1. FC Heidenheim belegt in der Fußball-Bundesliga aktuell einen respektablen neunten Platz. In der Logen-Rangliste der deutschen Bundesligisten befindet sich der Aufsteiger mit immerhin 37 Logen bei gerade mal 15 000 Zuschauern Gesamtkapazität sogar auf Platz acht.

Feine Zeit außerhalb des hektischen Alltags

Eine der Logen teilt sich Architekt Markus Bamann, Geschäftsführer von Merz Objektbau, einer Agentur, die Architekturprojekte in ganz Deutschland umsetzt, seit 2019 mit der Firma Geiger, einem Familienunternehmen aus der Papier- und Druckmedienbranche.

Passend zum Aufstieg des FCH in die Bundesliga wurde die Loge im vergangenen Sommer komplett umgestaltet. Die Lounge hat jetzt einen sehr coolen, detailverliebten, Club-artigen Look, der von einer klassisch-bräsigen Loge für am Fußball nur mittelmäßig interessierte Geschäftsführer so weit entfernt ist wie die Schwäbische Alb vom Mittelmeer.

„Der Hauptzweck unserer Lounge besteht darin, mit Geschäftspartnern und Freunden eine feine Zeit außerhalb des hektischen Geschäftsalltags zu verbringen“, sagt Bamann über sein Herzblutprojekt. Es gibt definitiv schlechtere Orte, um den Fußball und eine dritte Halbzeit erstklassig zu feiern.

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