Weil er den Landjägern entgehen wollte, hat sich Johannes Hägele einst in einer der aufregendsten Schluchten des Schwäbisch-Fränkischen Waldes versteckt. Die Tour zu den spektakulären Felsformationen ist nur zu empfehlen, wenn es nicht zu nass ist. Unsere Serie über Lost Places in der Region

Es muss so in den 30er- oder frühen 40-er-Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, als Johannes Hägele die Schnauze vom Militärdienst in Württemberg endgültig voll hatte. Von 1827 an, so ist es überliefert, hatte der gelernte Weber aus Ebersberg, einem Ortsteil Auenwalds, diesen Dienst für andere und natürlich gegen einen ordentlichen Batzen Bares mehrfach übernommen. Der Sohn eines Söldners „verdingte sich gegen Geld“, wie es damals hieß, als „Einsteher“ für die Söhne reicher Familien. Diese umgingen damit ihren eigenen Militärdienst per Zahlung für den Stellvertreter.

 
Verstecke gibt es genügend zwischen Felsen in der Klinge. /Gottfried Stoppel

Nach einigen Jahren desertierte Hägele aus der königlich-württembergischen Armee, wohl weil er den Drill und die Zwänge des Militärlebens nicht mehr aushielt. Ob die Landjäger womöglich auch noch aus anderen Gründen auf der Suche nach ihm waren ist nicht bekannt. Jedenfalls versteckte sich Johannes Hägele forthin und offenbar für längere Zeiträume in einigen der steilsten, tiefsten und – möchte man heute ergänzen – schönsten und spektakulärsten Felsklingen des Schwäbischen Waldes.

Tour zum Lost Place Hägelesklinge

Die Bauern hätten ihm geholfen, erzählen heute noch die Naturparkführer bei den geführten Touren zur Hägelesklinge. Sie hätten ihn wohl ein bisschen bewundert, weil er sich dem Staat widersetzte. Die seit den 1960er-Jahren unter Naturschutz stehende Hägelesklinge und die unweit davon gelegene Brunnenklinge sind heute – privat oder geführt – ein regionales Tourenziel der ganz besonderen Art.

Dem Deserteur Hägele ist der Aufenthalt im doch ziemlich beschwerlich bewohnbaren und im Winter ziemlich nasskalten Felsidyll übrigens gesundheitlich offenbar nicht gut bekommen. Er starb mit knapp über 50 Jahren den Überlieferungen zufolge 1859 in seinem Heimatdorf Ebersberg – angeblich an „Auszehrung“ mit als Folge des schweren Lebens in der Felsklinge und beim Militär. Mit der Hägelesklinge hat zumindest der Nachname des desertierten Einsiedlers aus dem 19. Jahrhundert bis heute überdauert.

Noch heute sind die Touren in die Klingen nicht ganz gefahrlos. Foto: Gottfried Stoppel

Angesichts überhängender Felsformationen und beeindruckender Mengen an Totholz und ganzen umgefallenen Bäumen kann man sich dort unten in der Hägelesklinge durchaus vorstellen, dass ein einigermaßen handwerklich versierter Einsiedler sich hier durchaus ein akzeptables, hölzernes Notlager bauen kann. Feuerholz kein Problem – falls trocken zu bekommen. Die Feuchtigkeit allerdings ist selbst im Sommer meist allgegenwärtig – und gar kein Spaß im Winter. Und der Speiseplan bei Feldhase, Flusskrebs, Moos und Beeren könnte dort unten auch zum Problem werden.

Lost Place mit gefährlichen Stufen

Auch heute noch ist es nicht ungefährlich in den kleinen Schluchten des Welzheimer Waldes bei Kaisersbach. In der Hägelesklinge sind – das zeigt auch das Zeitungsarchiv – immer wieder Beckenverletzungen oder verstauchte Knöchel zu beklagen Wie im Frühjahr 2011 als ein 70-jähriger Senior mit seinem zehnjährigen Enkelkind einen Abhang hinabstürzte und beide schwere Verletzungen erlitten. Das Kind war auf den in den Felsen der Klinge eingehauenen Stufen unterwegs. Deren Beseitigung hatte der damalige Kaisersbacher Bürgermeister Bodo Kern bereits gefordert, als im Jahr zuvor Rettungskräfte „wieder einmal“ verletzte Personen hatten abtransportieren müssen.

Nach dem neuerlichen Vorfall hat damals das Regierungspräsidium in Stuttgart vorgeschlagen, das gesamte Naturschutzgebiet von beiden Seiten her komplett abzusperren, damit dort niemand mehr durch die Klingen wandern und zu Schaden kommen könne. Das Forstamt hat schließlich einen Kompromiss vermittelt und eine Steinmetzfirma verfüllte die rutschigen Stufen mit geeignetem, rutschfestem Mörtel.

Geologisch war die enge spaltartige Hägelesklinge einst der hintere Teil einer wesentlich größeren Klinge, deren vorderer Teil irgendwann eingestürzt ist. Die benachbarte Brunnenklinge, so schreibt der Tourenspezialist Dieter Buck in seinem Band „Erlebnis-Wanderungen“, ist eine halbkreisförmige Sandsteingrotte, umgeben von bizarren Felsformationen, Nischen, Simsen und kanzelartigen Vorsprüngen. Diese sind durch „die sprengende Wirkung des Frostes und des nachfolgenden Auftauens in den Fels gegraben worden“.

Beide Klingen bei Kaisersbach, erreichbar vom Parkplatz Täle aus, nehmen eine Fläche von gut fünf Hektar ein. Sie liegen im sogenannten Höhlensandstein. Dessen typische Erscheinungsformen: Große Grotten, Klüfte, gigantische Felsbrocken und wie moderne Skulpturen geformte Felsgebilde. Dies bot gute Verstecke für Deserteur Hägele. Wenn die Landjäger den geflohenen Soldaten suchten, dann soll er sich bisweilen auch auf den hohen Tannen versteckt haben.

Lost Places in der Region Stuttgart

Lost Places
Der Begriff beschreibt verlassene Orte, oftmals handelt es sich um aufgegebene, dem Verfall überlassene Gebäude. Nicht immer haben diese historische Bedeutung. Gemein ist ihnen ihre geheimnisvolle Aura. "Lost Place" ist ein Pseudoanglizismus, der sich im deutschsprachigen Raum etabliert hat.

Serie
In loser Folge stellen wir in den kommenden Wochen Lost Places in der Region Stuttgart vor, erzählen ihre Geschichte und dokumentieren fotografisch ihr morbides Ambiente. Manche dieser Orte sind offen sichtbar, andere verfallen – teils seit Jahrzehnten – unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Geheimnisvolles Stuttgart
Auch direkt in der Landeshauptstadt finden sich Überraschungen. Von Tipps und Ausflugszielen bis hin zum Lost Place für Verliebte sammeln wir sie online unter dem Titel „Geheimnisvolles Stuttgart“.