Stuttgart - Die Zeit verrinnt. Sie festhalten – ein vergebliches Streben seit Menschheitsgedenken. Fotografien fangen Momente, Zeitpunkte ein – dem Metzinger Fotografen Benjamin Seyfang gelingt es, das Wimpernschlaghafte seiner Kunst zu überwinden. Wenn er in seinem neuen Band mit der Kamera in den Büroraum einer aufgegebenen Bettenfedernfabrik in Bad Cannstatt blickt, der Boden mit weißem Federflaum und entleerten Karteikästen bedeckt, wird die Zeitspanne greifbar, die zu diesem Zustand geführt haben muss. Vielsagend assistiert dem Fotograf in seiner Erzählung das knallbunte Graffiti an der Wand: Hey Leute, nicht nur Frau Holle ist seit der Schließung hier gewesen!
Die Region ist reich an Verfalls-Räumen
„Lost Places“ heißen solche verlassenen Orte; zerfallende Häuser, stillgelegte Mühlen, Fabrikhallen im Dornröschenschlaf, Schwimmbadbecken, die sich die Natur zurückholt: Sie sind Benjamins Seyfangs Leidenschaft. Einem ersten Bildband, der solche menschlichen Hinterlassenschaften in ganz Baden-Württemberg präsentierte, lässt er nun einen zweiten folgen, der sich auf Stuttgart und seine umgebenden Landkreise konzentriert. Wie reich Landeshauptstadt und Region an solchen vergessenen Verfalls- und Rest-Räumen sind – das erstaunt. Die Bandbreite reicht von einem Flakstollen im Stuttgarter Westen über einen Kino-Keller in Weilheim an der Teck bis zum wasserlosen Hallenbadbecken in Esslingen-Ruit.
Dreck, Staub, Rost, Schimmel
Der Zahn der Zeit, er sieht oft nicht appetitlich aus; Dreck, Staub, Rost und Schimmel haben sich über das gelegt, was Menschen nicht für nötig oder für zu teuer befanden, wegzuräumen, abzureißen. Vielleicht haben sie es auch einfach nur vergessen. Jahre und Jahrzehnte zeitigen Ablagerungen, und die setzen der Materie zu: Der Stoff, mit dem der Griff eines uralten Eisenbügeleisens umwickelt wurde, hängt in Fetzen. Anderes hingegen, etwa der Schreibtisch in einem alten Wendlinger Kesselhaus, sieht aus, als sei gerade einfach nur Pause. Hat hier eben jemand den Stift fallen gelassen?
Die Ästhetik des Verfalls
Die Zeit verrinnt, sie kann aber auch stehen bleiben, und jeder Ort hat eine Geschichte. Seyfangs Bilder schürfen nach diesen Erzählungen, setzen subjektive Assoziationen im Betrachter frei, und der Fotoprofi versteht es, die dem Verfall innewohnende Ästhetik in Szene zu setzen.
Respekt vor vergessenen Orten
Wie findet man solche Orte? Der 32-jährige „Urban Explorer“, also Stadterkunder, der im Hauptberuf Abwassertechniker mit Meisterbrief ist, fahndet in seiner Freizeit vorwiegend im Internet und in Archiven nach seinen Objekten; mit Google Maps etwa lassen sich marode Dächer, Abrisshäuser und Hinweise auf andere Raum-Ruinen entdecken. Um keine Nachahmer, die womöglich Vandalismus oder Diebstahl im Sinn haben, anzulocken, verzichtet Seyfang auf präzise Ortsangaben, das gebietet ihm der Respekt vor den verlorenen Orten. Seine Bilder geben ihnen ihr Leben zurück. Für einen Moment.
Benjamin Seyfang: Lost Places in der Region Stuttgart. Die Faszination verlassener Orte. Silberburg Verlag, Tübingen. 168 Seiten, 29,99 Euro.