„Love is in the Bin“ in der Staatsgalerie Stuttgart Schnappatmung wegen Banksys Schnipsel

Bitte nicht anfassen: Zwei gut behütete Damen staunen über den geschredderten Banksy in Baden-Baden. Foto: dpa

Banksys Werk „Love is in the Bin“ ist am Montag in Stuttgart angekommen und ist von Donnerstag an in der Staatsgalerie zu bestaunen. Der Hype um das Werk sagt viel über die heutige Kunstszene aus.

Stuttgart - Schnipsel, Konfetti, Karneval: passend zur närrischen Woche ist der Wanderzirkus der Kunst am Rosenmontag in Stuttgart angekommen. „Love is in the Bin“, das Werk des Street-Art-Künstlers Banksy, sorgt immer noch für Aufregung. Banksy hatte sein Bild im vergangenen Herbst mittels Fernsteuerung im Londoner Kunsthaus Sotheby’s geschreddert. Was für ein wunderbar absurdes Theater: Ein Künstler, der anonym bleiben will und die Kunstwelt seit Jahren narrt. Eine Sammlerin, die das geschredderte Werk für 1,2 Millionen Euro kauft – und anonym bleiben will. Ein Kunstwerk, für das die Besucher bis Sonntag vor dem Museum Frieder Burda in Baden-Baden Schlange standen und das jetzt, ab Donnerstag, in Stuttgart bewundert werden kann.

 

Wie es sich für gutes Theater gehört, haben auch die Banksy-Festspielwochen mehr zu bieten als Schnipsel und Schnappatmung. Der Hype um Banksy erzählt von den Veränderungen in unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahren. Es geht um eine digitale Generation mit neuen Sehgewohnheiten und Bedürfnissen. Sehen alleine reicht nicht mehr, man muss beim Sehen gesehen werden, und zwar im Netz. Der passende Künstler für diese Generation ist Banksy. Bei Instagram hat der vermutlich 1974 in Bristol geborene, ehemalige Graffiti-Künstler 5,6 Millionen Abonnenten. Zum Vergleich: Der ähnlich schräge Konzeptkünstler Damien Hirst bringt es bei dem digitalen Netzwerk auf 500 000 Anhänger.

„Love is in the Bin“ sind drei Werke in einem

Wie sehr Banksy für Aufregung sorgt, war im Februar in Baden-Baden zu bewundern, wo das Werk vier Wochen lang präsentiert wurde. Kurze Stippvisite Ende vergangener Woche: Eine Stadt wie eine Kulisse, in der es im Frühling nach neuem Geld und 4711 riecht. Im Museum Frieder Burda muss man sich vor „Love is in the Bin“ durch eine Menschenmasse kämpfen. Das verbindende Element zwischen den Besuchern: das Smartphone. Es wird fotografiert, bis der Speicher voll ist.

Was macht den Reiz des Bildes aus? Anruf bei Ulrich Blanché, Experte für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg und Verfasser zahlreicher Bücher und Aufsätze über Banksy. „Anfangs wirkt Banksy vielleicht wie ein flacher Witz, er ist aber unglaublich anschlussfähig in die Felder Architektur, Performance oder Videokunst“, sagt Blanché. „Love is in the Bin“ seien drei Werke in einem: das Ausgangsbild, der Akt der Zerstörung als Performance und die übrig gebliebenen Relikte. „Eigentlich braucht Banksy das Museum nicht, die Performance selbst war ihm wichtiger als das Bild. Was jetzt noch übrig geblieben ist, wirkt wie die Requisite eines Theaterstückes.“ Blanché ist Teil dieser Inszenierung, sein Alter verrät auch er nicht: „Da habe ich mich von meinem Forschungsgegenstand inspirieren lassen. Ich bin vermutlich 37 Jahre alt.“

28 000 Menschen wollten Banksy in Baden-Baden sehen – in zwei Wochen

Christiane Lange, die Direktorin der Staatsgalerie, ist im Vergleich zu Ulrich Blanché eine Vertreterin der alten Schule. Soziale Medien nutzt die 55-Jährige persönlich nicht. Sie steht morgens früh auf, um eine Stunde Zeitung zu lesen. Über ihr eigenes Haus liest sie dabei nicht nur gute Nachrichten. Die Staatsgalerie kann Banksy gerade ganz gut gebrauchen. In Langes Büro steht eine Flipchart mit den 100 erfolgreichsten Staatsgalerie-Ausstellungen seit 1985. Auf Platz 1: „Edouard Manet und die Impressionisten“, 283 809 Besucher zwischen September 2002 und Februar 2003. „Die Meister von Meßkirch“, die jüngste Ausstellung, die es in diese Top 100 geschafft hat, steht auf Platz 63 mit knapp 33 000 Besuchern zwischen Dezember 2017 und April 2018. Zum Vergleich: Banksys „Love is in the Bin“ wollten in Baden-Baden 60 000 Menschen sehen.

Spricht man Lange auf den Besucherrückgang in der Staatsgalerie an, wird es grundsätzlich. „Wir haben im Jahr 2018 Ausstellungen gemacht, auf die wir sehr stolz sind. Marcel Duchamp oder Wilhelm Lehmbruck sind keine Blockbuster, sondern Künstler, mit deren stiller Schönheit wir es in lauten Zeiten aber schwer haben. Jetzt sind wir gespannt, wie laut es rund um Banksy bei uns wird.“

Die Staatsgalerie kämpft mit einem Besucherrückgang

Woran liegt es, dass die Staatsgalerie im vergangenen Jahr 18 Prozent weniger Besucher hatte im Vergleich zu 2017, während das Kunstmuseum am Schlossplatz zuletzt bei der Ekstase-Ausstellung mal wieder aus allen Nähten platzte? Liegt es nur an der Lage auf der falschen Seite der Stadtautobahn, gesegnet zwar mit einer eigener Stadtbahnhaltestelle, die sich aber im Dauerbaustellenzustand befindet? „Das Publikumsverhalten hat sich in den vergangenen zehn Jahre drastisch verändert. Früher war man Teil von einem großen Ganzen. Heute will jeder mit allem auf Augenhöhe sein, Kunst soll auch nicht größer sein als man selbst“, sagt Christiane Lange.

Fast alles, was bei Instagram viele Herzchen bringt, ist nur einen Billigflug entfernt. Es sei schwieriger geworden, Bindungen herzustellen, meint Lange: „Wieso soll ich ein Abo kaufen oder einem Freundeskreis beitreten, wenn ich weiß, dass ich in zwei Jahren wieder weg bin, weil ich dann in Peking arbeite? Für diese neue Klientel ist die Welt klein, die wissen dafür die Perlen vor der eigenen Haustüre nicht ganz so zu schätzen. Wie auch, wenn ich für 19 Euro nach Florenz fliegen kann, um Fotos in den Uffizien zu schießen.“

Dass Banksy in Stuttgart zu sehen ist, wurde bei einem Abendessen entschieden

Wieso ist Banksy eigentlich ausgerechnet in der Staatsgalerie gelandet und nicht etwa im British Museum, in dem der Künstler 2005 eines seiner Bilder in der Abteilung über das altrömische Britannien platzierte, ehe es nach drei Tagen entdeckt wurde? Christiane Lange saß bei einem Dinner zufällig neben der Sammlerin. „Der Kunstzirkus ist eine Wandergesellschaft, man lernt sich über die Jahre kennen. Wir sind bei einem Abendessen zusammengesessen, ich habe die Versteigerung bei Sotheby’s angesprochen, wir haben uns über das Spektakel ausgetauscht, ehe sie verraten hat, dass sie das Werk ersteigert hat!“ Kurz vor der Nachspeise war die unbefristete Leihgabe verabredet.

Montagvormittag. Das geschredderte Ballonmädchen ist in einer riesigen Klimakiste verpackt in der Staatsgalerie angekommen. Geöffnet wird das kostbare Paket nicht sofort. „Das Werk muss sich zunächst 24 Stunden lang akklimatisieren“, erklärt die Registrarin Karin Hämmerling. Bis Aschermittwoch wird es innerhalb der Sammlung platziert, am Donnerstag wird es schließlich der Öffentlichkeit präsentiert. Bei Pressesprecherin Anette Frankenberger haben sich so viele Medien angemeldet wie noch nie. Selbst das ansonsten nicht für seine Kunstaffinität bekannte Fußballmagazin Kicker hat erstmals über die Staatsgalerie geschrieben. Tenor des Artikels: Der VfB ist in den Reißwolf geraten. Dafür hat Stuttgart jetzt Banksy.

Anmerkung zur Biografie:
Über den Street-Art-Künstler Banksy weiß man nur, dass er vermutlich 1974 in Bristol geboren wurde. Eine These lautete, hinter dem Künstler stecke Robert Del Naja, der Sänger der Band Massive Attack, der unter dem Pseudonym 3D selbst ein anerkannter Graffiti-Künstler war. Dem widerspricht Ulrich Blanché von der Uni Heidelberg: „Banksy hat einen Bezug zu Massive Attack und war mit der Band vermutlich auf Tour, mehr aber nicht.“

Anmerkung zum Werk:
„Love is in the Bin“ ist Banksys bisher erfolgreichstes Werk. Dabei ist „Girl with Balloon“, wie das Bild vor dem Schreddern hieß, seit 2014 als Motiv verbrannt. Damals hat sich Justin Bieber, der Popstar der Pubertierenden, das Motiv auf den Arm tätowieren lassen.

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