Ludwigsburg „Da ist nichts im Lot“

Die Idylle  trügt: Christa Lieb und Marc-Oliver Bischoff beschäftigen sich mit Verbrechen – und wie es dazu kommen kann. Foto: factum/Weise
Die Idylle trügt: Christa Lieb und Marc-Oliver Bischoff beschäftigen sich mit Verbrechen – und wie es dazu kommen kann. Foto: factum/Weise

Christa Lieb und Marc-Oliver Bischoff sind mit ihren neuen Büchern bei den an diesem Montag beginnenden 14. Ludwigsburger Kriminächten vertreten. In beiden geht es um die Tötung eines Neugeborenen – ein Geschehen, das beim Schreiben keine Distanz erlaube.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
Ludwigsburg- - Wie findet ein Autor sein Thema, oder findet das Thema den Autoren? Christa Lieb sichtet dafür alte Akten. Marc-Oliver Bischoff schaut sich die Gegenwart an. Irgendwann springe der Funke über, sagen sie.
Guten Tag Frau Lieb, herzlich willkommen Herr Bischoff. Kennen Sie einander eigentlich als Ludwigsburger Autoren?
Lieb Persönlich nicht.
Bischoff Nein.
Wie sehen Sie sich denn selbst?
Lieb Ich fühle mich gar nicht als Autorin. Ich hatte nicht vor, das zu werden. Für mich ist es nicht so wichtig, dass ich Bücher schreibe und an den Mann bringe. Ich arbeite viel in Archiven und transkribiere alte Texte. Auch aus alten Zeitungen. Da sind mir einige Morde begegnet. Einer von 1900 zum Beispiel war ganz grausam. Im Staatsarchiv habe ich die Akten dazu gefunden. Das war der Fall Katharina R., deren Geliebter ihr hochschwanger das Kind aus dem Bauch geschnitten hat. Solche Sachen geschehen in der Wirklichkeit. Die Prozessakten habe ich abgeschrieben und mich schon dabei gefragt, was ich daraus machen könnte. Denn ich bin eigentlich keine Schriftstellerin. Ich ordne gerne und mache aus viel Material etwas Interessantes. Ich erfinde nichts dazu.
Sind Sie eine Chronistin?
Lieb Ja, eher. Das passt besser.
Herr Bischoff, sind denn Sie ein Erfinder?
Bischoff Auf gewisse Weise bin ich das. Ich würde aber auch sagen, dass ich ein Autor bin. Darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Die Geschichten finden den Autoren und nicht andersherum.
Sie haben beide zwei ähnliche Geschichten gefunden, in beiden Büchern geht es unter anderem um die Tötung eines Neugeborenen. Warum wurde die Geschichte der Emilie von Marbach, die 1850 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil sie ihr Kind nach der Geburt getötet hat, zu ihrem Thema?
Lieb Ich habe diese Geschichte gezielt gesucht.
Was fasziniert Sie daran?
Lieb Emilie ist so was von durchtrieben raffiniert. Man weiß ja gar nicht, wie das Kind umgekommen ist. Sie erzählt drei verschiedene Variationen, wie sie es getan hat. Ich habe nichts dazu erfunden. Alles ist in den Akten. Erschüttert hat mich, auf welche Ideen man kommt, um ein Neugeborenes zu entsorgen.
Emilie packt das tote Kind ein und gibt es ihrem ehemaligen Liebhaber mit.
Lieb Ja, und der legt es in den Zug. Einfach so. Da war das Kind schon eine Woche tot. Ich habe die Geschichten von vier Frauen gefunden, die alle heimlich ein Kind auf die Welt gebracht haben. Wie die Frauen das hinbekommen haben, ihr Kind unter diesen furchtbaren Umständen zu gebären. Alle haben heimlich versucht, das Kind zu entsorgen. Alle waren arme Mädchen, die von irgendjemand geschwängert worden waren. Ich habe ja selbst drei Kinder und neun Enkelkinder. Ich weiß, was es bedeutet, ein Kind zu bekommen.




Unsere Empfehlung für Sie