Ludwigsburg Flüchtlingsarbeit verändert sich stark

Wegweiser in Flaggenform zeigen in Ludwigsburg den Weg zum Service-Center für Ukrainer. Foto: Archiv (Simon Granville)

Hatten die Sozialarbeiter der Stadt Ludwigsburg zuvor nur mit Geflüchteten zu tun, die sich schon länger in Deutschland aufhalten, ist das seit dem Ukraine-Krieg anders.

Ludwigsburg: Andreas Hennings (hen)

Die Ukraine-Krise stellt die hiesige Betreuung von Flüchtlingen vor neue Herausforderungen. Das zeigt sich am Beispiel der Stadt Ludwigsburg, deren Integrationsmanager Ansprechpartner von Menschen sind, die das Asylverfahren bereits durchlaufen haben. Waren das zu Beginn dieses Jahres noch 650 an der Zahl, sind es inzwischen 1200. Bis Jahresende rechnet die Stadt mit 1400 – mehr als doppelt so viele wie vor einem Jahr. Der Grund: Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, durchlaufen im Normalfall kein Asylverfahren. Zuständig für sie ist damit nicht zuerst das Bundesland, sondern direkt die Städte und Gemeinden.

 

Das knapp 20-köpfige Team an Integrationsmanagern in Ludwigsburg, inklusive Teilzeit-Mitarbeitern, stößt daher an Grenzen und soll vergrößert werden. Stellen sind ausgeschrieben. „Der Bedarf hat sich verdoppelt, unser Team aber noch nicht“, sagt Raphael Dahler, Leiter des Fachbereichs Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Soziales und Sport, in dem die Sozialarbeiter angesiedelt sind. Dass die Stadt die Betreuung der Geflüchteten selbst übernimmt, ist die Ausnahme. In den meisten Kommunen wurde das Trägern wie der AWO oder Caritas übertragen.

Ukrainer schlagen direkt in der Stadt auf

Das Ziel ist überall dasselbe: Die Menschen zu unterstützen, sich mit der Bürokratie zurechtzufinden, damit sie ankommen, heimisch werden und ein selbstständiges Leben führen können. „Wir beraten so, dass wir die Menschen nicht ewig an uns binden, sondern sie nach einer Zeit sagen: Ich brauche Sie nicht mehr“, sagt Michelle Rath, eine der Integrationsmanagerinnen in Ludwigsburg bei einem Pressegespräch.

Durch den Ukraine-Krieg veränderte sich ihre Arbeit und die ihrer Kollegen in manchen Bereichen grundlegend. Hatten sich Geflüchtete etwa aus Afghanistan, Syrien oder afrikanischen Ländern während des Asylverfahrens zurechtfinden und erste Deutschkenntnisse aneignen können, ehe sie von den Integrationsmanagern betreut werden, ist das bei den Menschen aus der Ukraine anders. Sie brauchen teils erst einmal eine Erstausstattung. „Die Frage nach einem Kochtopf war für uns jetzt ganz neu. Aber wer bereits länger hier ist, hat natürlich schon einen“, schildert Raphael Dahler ein Beispiel. Eingerichtet hat die Stadtverwaltung ein Service-Center für Ukrainer. Die Sozialarbeiter besuchen auch die Unterkünfte, bieten zudem offene Sprechstunden mit Dolmetschern an.

Es geht jetzt auch um allererste Schritte

„Es geht jetzt zusätzlich um ganz andere Themen. Um Existenzsicherung. Um die ersten Schritte“, erläutert Michelle Rath. Neben der Erstausstattung sind das die Anmeldung für den Deutschkurs, den Kindergartenplatz, den Schulbesuch oder der Brief an die Krankenkasse. Eine große Rolle spielt anfangs das Geld, da Geflüchtete auf dieses oft zwei bis vier Wochen warten müssen. Und über allem steht die Frage nach dem Wohnen – alles andere als ein neues Problemfeld. „Es gibt auch Geflüchtete, die schon einen Aufenthaltstitel und Beruf haben, aber denen die Wohnung fehlt. So lange bleiben sie in der Anschlussunterbringung“, sagt Raphael Dahler. Neun weitere Mitarbeiter im besagten Ludwigsburger Fachbereich kümmern sich speziell ums Thema Unterbringung.

Die Integrationsmanager haben also alle Hände voll zu tun in einem Bereich, der schon vorher nicht einfach zu stemmen war. „Es gibt auch viele Geduldete, die schon fünf, sechs Jahre hier sind, die nicht arbeiten dürfen, aber auch nicht in ihre Heimat dürfen. Die befinden sich im Vakuum, in dem nichts vorangeht“, berichtet Michelle Rath von „politischen Grenzen“. Ein Ehrenamt für die Betroffenen zu suchen, sei dann oft die einzige Hilfsmöglichkeit. Veränderung soll hier das sogenannte Chancen-Aufenthaltsrecht bringen, das die Bundesregierung Mitte Oktober beraten hat und das unter bestimmten Voraussetzungen ein Bleiberecht ermöglichen soll.

Es geht mehr um Schicksale als um Zahlen

Immerhin: Dass Ukrainer von der Regierung unter politischen Gesichtspunkten gegenüber anderen Geflüchteten bevorzugt werden, führe bei den Geflüchteten untereinander zu keiner Missstimmung, berichtet Constanze Kölz, die ebenfalls als Integrationsmanagerin in Ludwigsburg arbeitet. Sie spricht offen darüber, die zunehmende Belastung zu spüren. Sie habe die Befürchtung, als Sozialarbeiter abzustumpfen. „Weil man all die heftigen Schicksale sonst nicht aushält.“ Dass sich die Mitarbeiter jede Woche zwei Stunden lang über ihre Fälle austauschen können, sei sehr wertvoll. Umso schöner, ergänzt Michelle Rath, sei dann die Teilhabe daran, wenn etwas – wenn auch manchmal nach langer Zeit – entscheidend vorangeht. „Wir sind oft der einzige Mensch aus unserem System, mit dem sie zu tun haben.“ Da gehöre es dazu, nicht nur zu helfen, sondern auch einfach ansprechbar zu sein. Sich das Leid klagen zu lassen, aber vor allem auch Mut für die Zukunft zu machen.

Das ist auch Raphael Dahler wichtig. „In der Flüchtlingskrise redet man meist nur über Zahlen, etwa wie viele Flüchtlinge gekommen oder Betten verfügbar sind. Dabei geht es eigentlich um viele Schicksale. Klar ist: Flucht ist nie schön, egal von wo. Und das prägt unsere Arbeit.“ Eine Arbeit, deren Bedarf nicht zuletzt durch den Ukraine-Krieg noch einmal deutlich gestiegen ist.

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