Ludwigsburg Soziologe: Die Kirche überlebt – als Sekte

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Dirk Baecker meint, die großen Konfessionen seien am Ende, die Gläubigen müssten sich neu erfinden. Auf einem Vortrag an der EH in Ludwigsburg hat er seine Sicht auf die Zukunft der Kirche dargestellt.

Professor Dirk Baecker Foto: Zeppelin-Uni
Professor Dirk Baecker Foto: Zeppelin-Uni

Ludwigsburg - Ja, die Kirche wird überleben!“ Dirk Baecker hatte seine Zuhörer lange auf die Folter gespannt, bis er ihnen diesen positiven Bescheid gab. Dass der Soziologe allerdings noch den Nachsatz „Aber nur als NGO“ hinterherschickte, ging deshalb fast im erleichterten Aufatmen der Dozenten und Studierenden der Evangelischen Hochschule (EH) unter. Doch der Zusatz ist wesentlicher Bestandteil von Baeckers Diagnose: Denn weder der Protestantismus noch der Katholizismus haben demnach als Amtskirchen eine Zukunft. Überlebensaussichten bestünden in der globalisierten Welt nur für die Gläubigen, die sich auch als Gläubige ähnlich wie eine Nichtregierungsorganisation präsentieren. Der Auftritt werde an den von Sekten erinnern.

Säkularisierung setzt Kirche noch einmal unter Druck

Der Lehrstuhlinhaber für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen hatte auf Einladung der Ludwigsburger EH zum Thema „Kirche in der nächsten Gesellschaft“ referiert. Sein Wort wiegt für die künftigen und aktuellen Kirchenmitarbeiter auch deshalb so schwer, weil er von außen kommt. Von dem erklärten Nicht-mehr-Protestanten war kein Gefälligkeitsstatement zu erwarten, denn er interessiert sich für die Kirche als ein gesellschaftliches Phänomen unter vielen. Baecker gilt als einer der renommiertesten deutschen Sozialwissenschaftler. „Ich bin kein Trend- oder Zukunftsforscher“, betonte der einstige Niklas-Luhmann-Schüler, „aber ich möchte als Soziologe einen möglichst scharfen Blick auf die Gesellschaft werfen“. Bisher ist er vor allem mit Studien über den Strukturwandel von Institutionen wie Universitäten, Familie oder Wirtschaftsunternehmen in der vernetzten Welt sowie medientheoretischen Analysen hervorgetreten.

„Die Kirche wird noch einmal dem Druck der Säkularisierung ausgesetzt sein wie zu Beginn der Moderne“, meint Baecker, „aber sie wird nicht die gleichen Antworten geben können“. Denn die Konkurrenz sowohl mit Blick auf das Diakonische als auch das Spirituelle sei ungleich größer, seit der Mensch jederzeit mit jedem Ort vernetzt ist. Die Frage müsse darum lauten: Womit ist Kirche verwechselbar?

Die „nächste Gesellschaft“ – Baeckers Bezeichnung für die längst gegenwärtige, aber noch nicht zureichend analysierte Gesellschaft – sei „turbulent, verunsichert und übernervös“, der Mensch werde ständig von „Verknotungen verschiedenster Leistungen“ herausgefordert. Konnten sich Institutionen und Organisationsformen wie Familie, Universität oder Kirche noch bis zum 19. Jahrhundert „rational abgrenzen“, sei dieser Ausweg heute versperrt: „Die Gesellschaft glaubt nicht mehr an die Vernunft“, sagt Baecker.

Familie, Universität und Kirche haben viele Probleme gelöst

Auch wenn sich Soziologen jeder Prophetie zu enthalten hätten, könnten sie doch sagen, dass nicht jede Krisenzeit alles entwurzelt und mit sich weggerissen habe. „Wir haben dafür den Begriff der Einmal­erfindungen“, sagt Baecker. Darunter fallen etwa Familie, Universität und Kirche. Diese Phänomene seien einmal in die Welt gekommen und würden seither zumindest im Kern als unverhandelbar gelten, „weil sie viele Probleme gelöst haben“.

Die EH-Professorin Claudia Schulz, die selbst in Sachen Gemeindebildung forscht, um neue Wege für die Verkündung des Evangeliums in den verschiedensten Milieus zu finden, wollte wissen, wie groß der Bedeutungsverlust der Kirchen sein werde. Das wiederum hänge von der Flexibilität der Einzelnen ab, meinte Baecker. Und davon, wie gut es gelingen wird, die Liturgie in ein Event zu verwandeln. Gemeint sei damit keine seichte Unterhaltung, es gehe vielmehr um ein intensives Erlebnis, „das auch Momente der Stille mit einbindet“. Gehe es um die Inhalte des Evangeliums müsse der Soziologe schweigen, meint Baecker. Das müssten die Gläubigen mit sich selbst abmachen.