Ludwigsburg „Wir sind keine Bittsteller mehr“

Antonio Florio (Bild) organisiert zusammen mit dem Hochschulprofessor Jo Jerg   eine Podiumsdiskussion zur UN-Behindertenrechtskonvention. Foto: factum-Weise
Antonio Florio (Bild) organisiert zusammen mit dem Hochschulprofessor Jo Jerg eine Podiumsdiskussion zur UN-Behindertenrechtskonvention. Foto: factum-Weise

Antonio Florio ist spastisch gelähmt. Er kämpft seit Jahren für die Rechte behinderter Menschen. Zusammen mit Jo Jerg, Professor für Inklusion an der Evangelischen Hochschule, will er mit einer Podiumsdiskussion am Donnerstag, 4. Dezember, über die Situation im Kreis informieren.

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Ludwigsburg - Vor etwa fünf Jahren wurde die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland verbindlich. Dennoch gibt es im Kreis Ludwigsburg noch jede Menge zu tun, um die Situation behinderter Menschen zu verbessern, finden Antonio Florio und Jo Jerg.
Herr Florio, Herr Jerg, was hat die Behindertenrechtskonvention der UN im Kreis Ludwigsburg gebracht?
Antonio Florio Ich kann hauptsächlich zum Bereich Wohnen mit Persönlicher Assistenz etwas sagen: Da hat sich eigentlich nicht so viel getan. Die UN-Konvention ist zwar schon fünf Jahre alt, aber sie ist noch relativ unbekannt. In dem Dokument ist klar festgeschrieben, dass Menschen mit Behinderung frei entscheiden dürfen, wo, wie und mit wem sie wohnen wollen. Es ist eindeutig formuliert, dass niemand zu einer bestimmten Wohnform gezwungen werden kann. Wie diese Formulierung umgesetzt werden soll, ist jedoch Auslegungssache.
Jo Jerg Das sehe ich etwas anders. Die UN-Konvention hat durchaus mehr Bewegung in die Diskussion gebracht, wie das Leben behinderter Menschen gleichberechtigter gestaltet werden kann. Immerhin setzt diese internationale Vereinbarung die Politik unter Druck: Man muss künftig mehr auf die Wünsche der einzelnen Personen eingehen. Im Kreis Ludwigsburg wurden in dem Zuge beispielsweise die Flexiblen Hilfen erprobt. Das ist ein Zusammenschluss aller Einrichtungen, die sich mit den Belangen behinderter Menschen beschäftigen. Ziel ist es, dem Einzelnen möglichst seine Wünsche zu erfüllen, was Wohnform und Lebensführung angeht.
Beim Thema Wohnen liegt offenbar noch einiges im Argen. Was läuft denn gut im Kreis Ludwigsburg?
Jerg Allgemein sind Kreis und Stadt Ludwigsburg sehr offen, was Inklusion angeht. Das könnte auch daran liegen, dass die Selbstvertretung der behinderten Menschen hier sehr aktiv ist. Die Betroffenen wollen mitreden und mitgestalten. Insgesamt ist die schulische Inklusion besonders in der Diskussion, das ist in ganz Baden-Württemberg so. Hintergrund ist hier natürlich die geplante Abschaffung der Sonderschulpflicht. Aber es spielt sicher auch eine Rolle, dass das Thema Schule eine andere gesellschaftliche Relevanz hat als etwa das Thema Wohnen, denn Wohnen ist etwas sehr Privates.
Florio Ein Problem im Kreis Ludwigsburg ist der Wohnungsmarkt. Wenn ein Mensch mit Behinderung sich auf den Weg gemacht hat und alle Anträge gestellt und bewilligt bekommen hat, heißt das noch nicht, dass er auch eine Wohnung findet. Denn es gibt nicht viele barrierefreie Wohnungen – und wenn, dann sind sie sehr teuer. Da muss etwas getan werden.
Herr Florio, Sie selbst haben jahrelang darum gekämpft, in einer eigenen Wohnung leben zu können. Wie ist Ihre Situation jetzt?
Florio Sehr gut. Der Weg war lang, aber jetzt habe ich keine Probleme mehr. Die Finanzierung ist gesichert und ich habe genügend Assistenzkräfte. Generell ist es nicht so einfach, Personal zu finden. Aber ich bin Mitreferent bei Seminaren an der Evangelischen Hochschule und sitze damit an der Quelle: Viele Studenten suchen während des Studiums noch einen Minijob.
Sie beide veranstalten am Donnerstag eine Podiumsdiskussion zur UN-Konvention. Was wollen Sie damit erreichen?
Florio Wir wollen, dass die Behindertenrechtskonvention in den Köpfen der Menschen ankommt. Denn wenn die Leute nicht verstehen, worum es dabei geht, kann man diese auch nicht umsetzen. Deshalb muss man die Inhalte transportieren, da ist vor allem auch die Politik gefordert. Wichtig ist, dass wir dank der Konvention keine Bittsteller mehr sind. Inklusion ist keine Gnade mehr, sondern ein Recht. Allerdings müssen die Menschen mit Behinderung dieses auch einfordern.
Jerg Es geht uns auch darum, auf die Menschen mit hohem Assistenzbedarf hinzuweisen, die teilweise 24 Stunden Betreuung am Tag brauchen. Denn Inklusion wird oft eher für diejenigen realisiert, die weniger Unterstützung brauchen. Da gibt es schon die Angst, dass eine Restgruppe hinten runterfällt. In erster Linie geht es um Bewusstseinsbildung: Inklusion beginnt in den Köpfen. Wir wollen aber nicht anklagen, sondern hier vor Ort Veränderungsprozesse anstoßen.
Wie sieht es neben Schule und Wohnen in anderen Bereichen mit der Inklusion aus?
Jerg Arbeit ist ein sehr schwieriges Thema, denn dieser Bereich hat viel mit Leistung zu tun. Es gibt zwar verschiedene Angebote für Menschen mit Behinderung, aber hier muss noch viel mehr entstehen. Auch Mobilität ist ein großes Thema. Immerhin bringt barrierefreier Nahverkehr auch anderen Menschen etwas: denen mit Kinderwagen oder Rollator zum Beispiel.
Florio Inklusion betrifft alle Lebensbereiche. Deshalb hoffen wir, dass sich die UN-Konvention möglichst bald in nationalem Recht niederschlägt. Schließlich ist diese Vereinbarung bindend.




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