Ludwigsburger Kultdisco Die Rockfabrik gibt es jetzt bei Minecraft

Charalambos Schmechel vor der einstigen Rockfabrik Foto: Simon Granville

Es ist ein Nostalgietrip mit Ecken und Kanten, zu dem der Ludwigsburger Charalambos Schmechel einlädt: Der 25-Jährige hat im Computerspiel Minecraft die Ludwigsburger Rofa detailliert nachgebaut – außen und innen.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Im Rondell mit seiner Bar und seinen Sitznischen macht der Chef die Theke höchst selbst. „Chris“ steht über der eckigen Figur, die dort von rechts nach links und wieder zurück tigert – gemeint ist natürlich Chris Albrecht, einstiger Chef der Ludwigsburger Rockfabrik. Tanzfläche und DJ-Kanzel weiter hinten, ein Stock höher der Raucherbereich und noch weiter oben der kleinere, nicht weniger legendäre Club 2, alles ist in dem exakt fünf Minuten und 39 Sekunden langen Youtube-Filmchen ganz klar zu erkennen. Und die Außenansicht erst. Vielen Anhängern von Rock und Heavy Metal dürfte bei diesem Anblick ganz warm ums Herz werden. Denn es ist zwar nicht die originale Rockfabrik, die da zu sehen ist. Es ist die „Minecraft“-Version des einstigen Rocktempels in der Ludwigsburger Grönerstraße, der Ende 2019 seine stählernen Pforten für immer geschlossen hat.

 

Der „Minecraft“-Architekt war einst selbst leidenschaftlicher Rofa-Gänger

Verantwortlich für diese ganz spezielle Rofa-Version ist Charalambos Schmechel. Der 25-Jährige war einst selbst leidenschaftlicher Besucher der Ludwigsburger Diskothek. Und auch ihm fehlt die Rockfabrik, ebenso wie Tausenden anderen Liebhabern harter Klänge. „In die Rofa konnte man auch alleine gehen und Party machen. Irgendwen hat man immer getroffen“, sagt der Metalcore-Fan, dessen Lieblingsband die Gruppe Bring Me The Horizon ist – und der in der Rofa viele Freundschaften geknüpft hat.

Während der Coronapandemie kam ihm schließlich die Idee. Warum die Rockfabrik nicht mit „Minecraft“ nachbauen? „Minecraft“ ist ein Computerspiel, in dem der Nutzer frei von der Leber weg Gebäude oder auch Schaltkreise bauen kann – nur, dass eben alles aus Würfeln verschiedener Größe besteht. Und dafür hat Charalambos Schmechel ein Händchen. „Eigentlich war das aber nur ein Witz“, sagt er.

Lediglich drei Tage lang werkelte er Anfang 2021 an dem Projekt. Wobei der erste Versuch noch ein ziemlicher Fehlschlag war. „Da hat die Skalierung nicht gepasst, neben dem Parkhaus war kein Platz mehr für die eigentliche Rofa“, sagt der 25 Jahre alte junge Mann und lacht. Beim zweiten Mal klappte es dann, auch mithilfe von ein paar Freunden – und fast ausschließlich aus der eigenen Erinnerung. „Die andern haben sich ab und zu auf den Server geschaltet und haben Anregungen und Tipps gegeben“, sagt der junge Mann, den alle eigentlich nur „Chari“ rufen. Er streamte die ganze Aktion auch live im Internet, da seien dann auch ein paar hilfreiche Kommentare gekommen. Von den nicht wenigen Videos, die er über seinen „Daydreamer“-Youtube-Kanal geteilt hat – hauptsächlich Streamingmitschnitte aus Videospielen, aber auch selbst komponierte Hip-Hop-Songs – ist der Rofa-Rundgang eines der am häufigsten geklickten.

Aktion dauerte drei Tage – und lief live im Internet

Im Film führt er den Zuschauer zunächst an der Straße entlang zur signifikanten Rampe des Kaufland-Parkhauses, vorbei am Rofa-Haupteingang geht es auf den Parkplatz. Nach einer kurzen Stippvisite im Parkhaus selbst betritt man die einstmals heiligen, manchmal auch unheiligen Hallen – und spätestens dann dürfte auch der härteste Metaller zumindest einen kleinen Kloß im Hals verspüren.

Schmechel hat an alles gedacht, auch an Schließfächer und Dartscheiben

Charalambos Schmechel hat an alles gedacht: die Konzertplakate an der einen Wand des Eingangscontainers, die Schließfächer an der anderen. Auch das Pizza- und Burgerrestaurant ist dort, wo es war, die Toiletten, die Sitzgelegenheiten und Dartscheiben . . . „Chari“ nimmt den Betrachter mit auf einen Rock-Nostalgietrip voller Ecken und Kanten. Dann geht es in die DJ-Kanzel, wo ein Schalter umgelegt wird. Durch die Scheibe – ja, auch die gibt’s – sieht man, wie die Lichter über der Tanzfläche anfangen zu blinken. „Dabei hatte ich ein bisschen Hilfe“, sagt der Block-Konstrukteur, „weil es dafür notwendig war, einen Schaltkreis zu erstellen.“

Mit 18 Jahren war Schmechel zum ersten Mal in der damals noch realen Rockfabrik. „Seitdem dann gefühlt jeden Freitag“, erinnert er sich an Double-Time-Abende mit Metal von Slipknot bis Iron Maiden, von Amon Amarth über Slayer bis Bullet for my Valentine. Virtuelle Aufenthalte in der „Minecraft“-Rofa habe es auch gegeben. „Zwei-, dreimal habe ich mich mit ein paar Kumpels auf dem Server eingeloggt, als alles fertig war. Es gab auch extra eine Playlist mit den besten Freitags-Songs“, berichtet er. Das Problem sei jedoch die Kommunikation gewesen. „Wir wollten eigentlich, dass man sich ganz frei im Raum unterhalten kann. Das hat aber nicht funktioniert.“

„Minecraft“-Rofa steht momentan im digitalen Archiv

So wanderte die blockige Version der Kultdiskothek erst einmal ins digitale Archiv. Ob sie von dort auch mal wieder hervorgeholt wird? „Der Server ist gerade offline“, sagt Charalambos Schmechel, „wir spielen gerade einfach kein ‚Minecraft‘ mehr.“ Wenn Anfragen kämen, könne sich das aber auch wieder ändern. Zum Download will er das Werk jedoch nicht bereitstellen. „Es ist ja nicht dazu da, damit jeder da für sich sein kann. Man soll sich dort sehr wohl treffen können“, sagt er. Apropos: Einen würdigen Nachfolger für die Rockfabrik hat Schmechel bis heute noch nicht gefunden. „Einen g’scheiten Ersatz gibt es da auch nicht“, sagt er.

Online zu finden ist der virtuelle Rundgang um und durch die von Charalambos Schmechel erbaute „Minecraft“-Rockfabrik auf der Plattform www.youtube.com (Suchbegriff: „Rockfabrik Minecraft“). Die Livestreams von Charalambos Schmechel zu verschiedenen Themen sind hier zu sehen: https://www.twitch.tv/xdaydreamer.

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