War es ein Traum oder Realität? In Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ wissen dies zwei junge Athener Liebespaare nach den durch Feen- und Elfenzauber ausgelösten amourösen Verwicklungen nicht mehr zu unterscheiden. In Pucks Monolog am Ende des Stücks wird gar der Zuschauer vor die Frage gestellt, ob nicht das ganze eben Gesehene nur Täuschung war: „Wenn wir Schatten euch beleidigt, denkt nur dies – und wohl verteidigt /sind wir dann. Ihr alle schier / habet nur geschlummert hier / und geschaut in Nachtgesichten / eures eignes Hirnes Dichten.“
Heutzutage braucht man für Imaginationen dieser Art nicht einmal mehr das eigene Hirn – eine VR-Brille reicht, um in täuschend echt anmutende, künstliche Welten abzutauchen. Inwiefern man diese Technik in musikalisch-künstlerischen Kontexten einsetzen kann, das konnte man nun im Ludwigsburger Areal Urbanharbor erfahren, wo im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele das Mendelssohn Virtual Reality Projekt gezeigt wurde.
Man steht mitten im Orchester
Das weitläufige Areal ist in seinem hippen Industriecharme eine passende Location. Die Raumdimensionen dort sind riesig, doch für das 3-D-Projekt reicht eine überschaubare Fläche im Erdgeschoss völlig aus. Neben einem Tisch mit VR-Brillen und einem mit Symbolen beklebten Boden fällt noch ein Wandbild ins Auge, auf dem ein ins Meer reichender Steg abgebildet ist: Abtauchen in unbekannte Tiefen? Um das zu erleben, musste man sich als Besucher für die jeweils 15-minütigen Slots vorab anmelden. Wer an der Reihe ist, bekommt eine VR-Brille und einen Kopfhörer aufgesetzt und befindet sich plötzlich vor einem Orchester – nein, mitten im Orchester, denn auf allen Seiten sitzen die Musiker des Mahler Chamber Orchestra und spielen das berühmte Scherzo aus Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik zu „Ein Sommernachtstraum“.
Man braucht eine Weile, um sich zu orientieren. Die Musiker sehen schemenhaft aus, etwa so wie während des Beamens in der Serie „Raumschiff Enterprise“, wenn die Körper sich aufzulösen beginnen. Man kann durch die Reihen wandeln, sogar durch die Musiker durchgehen, die unbeeindruckt weiterspielen, und dann merkt man plötzlich, dass der Klang sich je nach Position im Raum verändert. Etwas näher an die Bratschen, und man hört sie lauter, so, als stünde man tatsächlich neben ihnen.
Was spielt die Flöte da genau?
So kann man den Musikern akustisch auf den Zahn fühlen, einzelne Stimmen aus dem Kontext lösen: Was eigentlich spielt die Flöte da genau? Was die Trompete? Wer freilich versucht, zu weit nach hinten zu gehen, den warnt eine sich vor ihm aufbauende Wand aus bunten Rechtecken. Das alles ist ziemlich faszinierend. Die fünfzehn Minuten gehen vorbei wie im Fluge.
Ist das nun die Zukunft? Müssen wir bald unser Haus gar nicht mehr verlassen, um uns ein Konzert anzuhören? Tatsächlich, so der Geiger Timothy Summers, der das Projekt für das Mahler Chamber Orchestra leitet, sei geplant, ein solches Erlebnis auch für private Zwecke zu ermöglichen. Allerdings könne das noch etwas dauern, denn die zu verarbeitenden Datenmengen sind enorm – die noch etwas krisseligen Darstellungen der Musiker sind dem geschuldet. Aber eigentlich, so Summers, gehe es gar nicht darum, das Livekonzert zu ersetzen. Die Absicht sei eher, bewusst zu machen, was in einem Orchester während einer Aufführung passiert. „Hier kann man entscheiden, was man hören will, und es wird auch gezeigt, wie das gemacht wird. Wie viele kleine Entscheidungen jedes einzelnen Musikers dazugehören. Wenn man dann später ein Konzert besucht, wird man vieles anders hören.“
Es ist auch unterhaltsam, den Besuchern beim Wandeln zuzusehen
Das Mendelssohn Projekt ist schon das dritte dieser Art. Der Start war 2020 in der Coronazeit, finanziert als Pandemieprojekt vom Bundeskulturministerium, als die Menschen keine Konzerte besuchen konnten. Henrik Oppermann, ein Experte für mehrdimensionale Audiotechnik, leitete damals die VR-Aufnahme eines Mozart’schen Streichquintetts. Die Musiker, so erzählt Summers, fingen sofort Feuer, und bald folgte das nächste Projekt mit Charles Ives’ Stück „The Unanswered Question“, in dem es auch um die Frage geht, was Realität eigentlich ist. Bei einem Konzert im Berliner Radialsystem kam dann der Kontakt mit dem Ludwigsburger Festspielintendanten Jochen Sandig zustande. „Er war gleich sehr enthusiastisch“, sagt Summers.
In Ludwigsburg nun hat es einen beträchtlichen Unterhaltungswert, den Besuchern beim Wandeln durch das imaginäre Konzert zuzusehen. Wieso bückt sich da einer? Will er die Instrumente von unten betrachten? Oder hören, wie es am Boden klingt? Ein anderer macht eine Bewegung, als wolle er einem Musiker durchs Haar streichen. Gar nicht schlecht vielleicht, dass es zunächst nur virtuelle Welten sind.