Dort brodelt es von der ersten Minute an. Vorwürfe, insbesondere von der CDU, werden den Rednern des Regierungspräsidiums entgegengeschleudert – und das selbst bei Punkten, die bereits seit Jahren vom Tisch sind. Viel Unmut, der sich über Jahre angestaut hat, bricht sich in der Sitzung Bahn. Dem Bund wird Salamitaktik vorgeworfen beim Streichen von immer mehr Verbindungen. Viele fühlen sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Nur wenige können dem Entwurf auch etwas abgewinnen. „Am besten alles so lassen, wie es ist“, lautet der unerwartete Vorschlag aus dem Rat, der erstaunliche viel Zustimmung erhält. Mit großer Mehrheit lehnt der Rat die vorgestellten Planungsvarianten ab.
Worum geht es überhaupt?
Dafür lohnt sich ein Blick zurück: Bis in die 80er Jahre führte die B 295 noch mitten durch Renningen hindurch. Das biss sich mit der Idee, die Bundesstraßen B 295 (zwischen Renningen und Leonberg) und B 464 (zwischen Sindelfingen und Renningen) als durchgängige Bundesstraße auszubauen, um die Autobahn zu entlasten. Renningen erhielt daraufhin eine Ortsumfahrung.
Bis zur Vollendung der Projekte dauerte es viele Jahre. Der Übergang der beiden Straßen ist bis heute nicht richtig fertiggestellt. Seit 2013 sind sie durch ein Provisorium verbunden. Erste Pläne über die Ausgestaltung reichen sogar noch weiter zurück. Als feststand, dass der Lückenschluss nicht mehr rechtzeitig vor dem Ausbau der A 81 bei Böblingen fertiggestellt werden kann, geriet das Projekt etwas in den Hintergrund.
So sollte der Lückenschluss aussehen
Zahlreiche Planungsvarianten plus mehrere Untervarianten waren seitens des Bundes in Überlegung. 2006 wurde erstmals ein Entwurf vorgestellt, mit dem viele in Renningen zufrieden waren: Die Zahl der Anbindungen war identisch, zusätzlich sollte Renningen eine direkte Verbindung nach Warmbronn erhalten. Doch der Entwurf ließ sich nicht halten. Die Vorgaben, wie ein Anschluss von Bundesstraßen gestaltet sein muss, ließen das offenbar nicht zu, vor allem wegen der erneuten Kreuzungen. Der Gemeinderat verstand daher die Welt nicht mehr, als einige Jahre später die neuen Entwürfe vorgestellt wurden.
Darin wurde folgende Lösung dargestellt, die auch weiterhin Gültigkeit hat: Die Leonberger Straße (Renningen-Ost) wird über eine Überführung an die B 295 angebunden. Im Süden von Renningen werden die beiden Bundesstraßen über weite Auffahrten miteinander verbunden. Unklar war die Südanbindung. Die Magstadter Straße führt aktuell sowohl auf die B 295 als auch auf die B 464. Die B 295 fiel in den Vorentwürfen komplett raus. Die Anbindung an die B 464 stand auf der Kippe – erst 2018 gab es dafür vom Bund endgültig grünes Licht.
Renningen behält also zwei Verbindungen zur B 295 (Kindelberg und Leonberger Straße) und eine an die B 464 (Magstadter Straße). „Sie kappen eine Ausfahrtsstraße um zwei Drittel der Anbindungen“, hält Wolfgang Steudle (CDU) den Rednern vor, noch bevor der Vortrag begonnen hat. Immer wieder sei zugesichert worden, dass man die Anbindung an die B 295 noch einmal prüfen wolle. Dem widerspricht allerdings der Bürgermeister Wolfgang Faißt (Freie Wähler). „Das war in der Tat schon seit Jahren kein Thema mehr. Selbst um die Anbindung zur B 464 mussten wir lange kämpfen.“
Ergänzend erklärt der Vertreter des RP, dass selbst in Spitzenzeiten nicht mal 50 Fahrzeuge eine der bisherigen Fahrtbeziehungen an der Magstadter Straße verwenden. Die Anbindung an die B 464 sei daher bereits ein Kompromiss.
Was ist mit der Südrandstraße
Der größte Streitpunkt am Mittwoch betrifft aber gar nicht den „Lückenschluss“ als solchen, sondern das Streichen der Warmbronner Straße aus den Plänen. Stand jetzt führt die K 1008 von Warmbronn zur B 295. Diese Verbindung wird mit dem Lückenschluss gekappt. Stattdessen war in Überlegung, eine neue Verbindung von Warmbronn nach Renningen zu schaffen: über die B 295 zur Magstadter Straße und von da weiter Richtung Kindelberg – als sogenannte Südrandstraße. Dahinter stand der Wunsch von Renningen, mehr Verkehr aus der Innenstadt herauszuhalten – und eine Streckenverbindung für landwirtschaftlichen Verkehr zu schaffen, der sonst keine Verbindung mehr von Ost nach West hätte.
Allerdings handelt es sich bei der Südrandstraße nicht um ein Bauprojekt des Bundes. Initiatoren sind Stadt und Kreis. Die Frage, wer die Kosten übernimmt, hatten die Planung von Beginn an überschattet. Förderungen oder eine komplette Kostenübernahme durch Land und Bund kämen nur dann infrage, wenn eine ausreichende Auslastung der Straßen prognostiziert wird. Das wurde bereits vor Jahren stark in Zweifel gezogen. Jetzt hat Renningen es schwarz auf weiß: Die Auslastung wäre zu gering. Und zwar nicht nur westlich, sondern auch östlich der Magstadter Straße.
Frank Gericke vom Büro Modus Consult sprach von rund 2700 Fahrzeugen (Prognose für 2040), die die Verlängerung der K 1008 pro Tag nutzen würden. Eine Entlastung der Innenstadt wäre nicht gegeben. „Der Verkehr würde sich dadurch nur anders verteilen und man hätte mehr Verkehr im Süden statt im Norden.“
Wie geht es weiter?
Durch den derzeitigen Standpunkt des RP ergeben sich aus Renninger Sicht mehrere Schwierigkeiten: Eine fehlende Verbindung nach Warmbronn könnte den Einzelhandel beeinflussen, befürchten manche. Zudem plant Renningen in dem Bereich ein weiteres Gewerbegebiet. Ein wichtiges Thema schneidet Thomas Mauch (SPD) an: „Wie kommen die Landwirte von Ost nach West?“ Diese dürfen nämlich die Bundesstraße nicht benutzen. Auf diese Frage wissen die Vertreter des RP noch keine Antwort. „An dem Punkt sind wir noch gar nicht. Das wird überlegt werden müssen.“
Hinzukommt, dass das von Durchgangsverkehr geplagte Renningen bisher den Ansatz verfolgt hat, den Verkehr zu verteilen, statt ihn auf wenige Straßen zu konzentrieren. „Hier wird das genaue Gegenteil gemacht“, bedauert der Bürgermeister Wolfgang Faißt.
Frank Gericke von Modus Consult gibt in dem Zusammenhang aber eine deutliche Warnung auf den Weg: „Eine Anbindung darf auch nicht zu gut sein. Denn wenn die Verbindungen attraktiver sind als auf der Autobahn, wird die Situation für Renningen nur schlimmer.“ Und mehr Anbindungen – dazu gehört auch die zur B 464, die Renningen eingefordert hat, – bedeuten immer auch mehr Durchgangsverkehr.
Das bedeutet jedoch nicht das endgültige Aus für die Verbindung nach Warmbronn. Schließlich sind von dieser Planung noch mehr Kommunen betroffen, nämlich Magstadt und Leonberg. Der Kreis und die Kommunen können den Ausbau immer noch vorantreiben – bei den Kosten ist der Bund dann allerdings raus.