Luftfahrt Der Streit über die EADS spitzt sich zu

Von Thomas Magenheim 

Die Bundesregierung schreibt dem designierten Chef Tom Enders einen geharnischten Brief und sorgt damit vielerorts für Unverständnis.

Der künftige EADS-Chef Tom Enders ist in die Schusslinie geraten. Foto: dapd
Der künftige EADS-Chef Tom Enders ist in die Schusslinie geraten. Foto: dapd

Stuttgart - Politischem Proporzdenken ist der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS seit seiner Gründung im Jahr 2000 ausgesetzt. Bisher war es aber eher der französische Staat mit seinem 15-prozentigen Anteil, der das Unternehmen als politisches Spielfeld beansprucht hat. Ein Brandbrief von Peter Hintze, dem Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt an die Adresse des designierten deutschen EADS-Chefs Tom Enders stellt nun aber alle bisherigen Machtansprüche der Politik in den Schatten. „So etwas hat es noch nicht gegeben, nicht einmal von Frankreich“, sagt einer, der Hintzes Zeilen gelesen hat. Sie beinhalten ein Ultimatum und Vorgaben für die Struktur des Konzerns.

Die Machtgewichte innerhalb der EADS hätten sich nach Frankreich verschoben, deutsche Werke drohten zur verlängerten Werkbank zu verkommen, wettert Hintze. „Mit großer Sorge betrachtet die Bundes­regierung die Konzentration und Zentralisierung im Bereich der Forschung und Entwicklung in der Konzernzentrale in Toulouse, die ein erheblichem Maße zum bestehenden Ungleichgewicht beigetragen hat“, schreibt er und setzt Enders das Messer an die Kehle. Bis ersten Januar 2017 müsse die EADS auf den ersten fünf Hierarchieebenen paritätisch mit deutschem und französischem Personal besetzt sein, um künftig eine faire Arbeitsteilung zu gewähren. Sonst stehe die EADS-Förderung des Bunds infrage und auch die Übernahme eines 7,5-prozentigen Daimler-Anteils der EADS durch die deutsche Staatsbank KfW.

Selbst deutsches EADS-Personal ist angesichts dieses Tons entsetzt. „Der Brief spricht für sich, eine Basis auch nur für Gespräche ist er nicht“, sagte ein deutscher Konzernsprecher. Inhaltlich widerspricht man Hintze entschieden. 2011 habe die EADS in Deutschland 1800 Stellen aufgebaut. Ebenso viele seien 2012 geplant. Binnen zehn Jahren habe der Konzern hierzulande 9500 auf heute 48 600 Arbeitsplätze aufgebaut. In Frankreich sei der Zuwachs mit 11 800 auf 51 600 Stellen vergleichbar gewesen. Zusagen in puncto Personal habe man übererfüllt. Jüngste Enders-Pläne, Kompetenzen von den Standorten Paris und München abzuziehen, um vor allem das Finanzressort im französischen Toulouse anzusiedeln, beträfen nur einige Dutzend Manager. Gewichte würden sich dadurch nicht gravierend verschieben.

Offener Streit wird mit Erstaunen registriert

Kopfschütteln herrscht bei EADS über Hintzes Forderung, die fünf oberen Hierarchieebenen paritätisch zu besetzen. „Das wären mehrere Tausend Leute“, rechnet ein Insider vor. In diesen Ebenen arbei­teten viele Spanier, Briten oder andere Nationalitäten, weil nicht der Pass, sondern Qualifikation entscheidend sei. „Sollen wir die rauswerfen?“, fragt man sich im Haus.

Gelassen reagiert man auf die Drohung, die KfW werde Daimler keine EADS-Anteile abnehmen. „Enders würde mehr als glücklich sein“, heißt es in seiner Umgebung. Der Deutsche, der im Juni den Franzosen Louis Gallois als EADS-Chef ablösen soll, ist ein strikter Gegner staatlicher Aktionäre und will den Konzern von politischen Zwängen befreien.

Auch seitens der umfangreichen EADS-Zulieferindustrie wird der offene Streit zwischen Bund und Enders mit Erstaunen registriert. „Undiplomatischer geht es nicht mehr“, wundern sich Branchenkenner. Inhaltlich könne man aber schon Verständnis für Hintze haben. Das größte deutsche Airbus-Werk Hamburg sei klarer Befehlsempfänger von Toulouse. Auf operativer Ebene unterhalb des seit der EADS-Gründung paritätischen Topmanagements hätten eindeutig Franzosen das Sagen. In Frankreich würden die EADS-Töchter Airbus und Eurocopter als französisch empfunden. Und Hintzes Drohungen seien nicht zahnlos. Ohne deutsche Fördergelder könne EADS nicht leben.

Große Zulieferer des Luft- und Raumfahrtkonzerns hoffen, dass die Streithähne zu einem Kompromiss finden und das Geschäft nicht leidet. Hintze denkt indessen nicht daran einzulenken. Die EADS-Kritik auf seinen Brief hat der Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel umgehend zurückgewiesen. Die Bundesregierung werde sich weiter für deutsche Interessen bei der EADS starkmachen. Das klingt nicht so, als habe Enders wirklich eine Chance, den Konzern politikfrei und zu einem normalen Unternehmen zu machen.