Luftfahrt Flugbegleiter als Lebensretter

Schon im hellen und warmen Schwimmbadwasser nicht leicht: Wie kommt man ins Rettungsfloß? Foto: /Steve Przybilla

Kaum ein Verkehrsmittel ist so sicher wie das Flugzeug. Wenn aber doch etwas passiert, entscheiden Sekunden über Leben und Tod. Besatzungen üben regelmäßig. Wir waren dabei.

Da sitzen sie, eng zusammengepfercht, Knie an Knie im Rettungsfloß. Die Schwimmwesten drücken gegen die Oberkörper, Chlorgeruch ist in der Luft. 21 Männer und Frauen. Was jetzt? „Da sind Trümmerteile im Wasser!“, ruft ein Mann mit T-Shirt und kurzer Hose. „Da ist Kerosin! Ihr habt nicht viel Zeit, paddelt! Hopp, hopp, hopp!“

 

In Wahrheit gibt es weder Trümmer noch Kerosin. Das Rettungsfloß treibt im Hallenbad Oerlikon in Zürich, nebenan der Zehnmeterturm, dahinter Frühschwimmer, die ihre Bahnen ziehen. Navid Kiser, der Mann in T-Shirt und kurzer Hose am Beckenrand, will den Ernstfall trotzdem so realistisch wie möglich darstellen. Der 44-Jährige ist Emergency Instructor bei der Fluggesellschaft Swiss. Seine Aufgabe: neuen Flugbegleitern beibringen, wie sie und ihre Passagiere eine Notwasserung überleben. Seine Ausrüstung: ein Rettungsfloß, Schwimmwesten und jede Menge Erfahrung. 23 Jahre hat er selbst als Flugbegleiter gearbeitet, seit sieben Jahren bildet er den Nachwuchs aus.

Die Teilnehmer von Kurs 38/23 beginnen zu paddeln – mit den Händen, was anderes haben sie nicht. Die weißen Overalls, die die Airline-Uniform simulieren sollen, saugen sich voll.

Im Klassenraum haben die Auszubildenden alle Handgriffe durchgespielt. In der Halb-Praxis im Schwimmbecken ist vieles komplizierter. „Wie hat sich das angefühlt?“, fragt Kiser, als die durchnässten Trainees aus dem Becken klettern. „Scheiße“, antwortet eine junge Frau. „Gar nicht so schlimm“, kontert ihre Kollegin.

Notfall-Trainer Kiser: „Wie hat sich das angefühlt?“ Foto: Steve / Przybilla

Sechs Wochen dauert die Flugbegleiter-Grundausbildung bei der Swiss. Die Szenarien, die Navid Kiser durchspielt, kommen in der Wirklichkeit zwar fast nie vor – falls doch, muss die Crew innerhalb von Sekunden richtig handeln. Davon hängt das Überleben mehrerer Hundert Menschen ab.

Wie kommt man bloß ins Rettungsboot?

Im Zürcher Schwimmbad treiben die Kursteilnehmenden inzwischen wieder im Wasser, das Gummiboot neben ihnen. Doch vom Wasser ins Trockene zu gelangen, klingt leichter, als es ist. Sobald zu viele Personen auf einer Seite hochklettern, kippt das Floß. Kurze Ratlosigkeit. Dann entscheiden sich die Trainees für Teamwork. Während die einen sich hochziehen, halten die anderen das Boot fest. Fehlt nur noch die „bewusstlose Person“, Schwierigkeitsstufe zwei. Ein Teilnehmer macht sich steif, die anderen schieben und hieven und quetschen. Geschafft! Ein paar Minuten später sind alle an Bord. Manchen ist kalt, andere sind außer Atem.

„Stellt euch vor, das Wasser hätte zwölf Grad!“

Viel Zeit bleibt Kurs 38/23 nicht zum Verschnaufen. Die Trainees müssen im Wasser einen Kreis bilden, je acht Personen, Arm in Arm, Knie angezogen, damit sie weniger Hitze abstrahlen. „Schneller, schneller“, ruft Ausbilder Kiser. „Stellt euch vor, das Wasser hätte zwölf Grad! Die Ersten unterkühlen schon!“

Die angehende Flugbegleiterin Sharon Kopp (20) resümiert: „In echt hätten wir Wellen, Haie, Salzwasser, ängstliche Menschen. Jetzt können wir zumindest besser einschätzen, wie man in einer solchen Situation reagiert.“ Die Frage ist berechtigt: Wie gut lässt sich ein Notfall simulieren? Das Wasser ist klar und beleuchtet, die Wassertemperatur beträgt 28,9 Grad Celsius, Beckentiefe: fünf Meter. Reicht eine Stunde im Schwimmbecken, um eine Crew auf einen Kampf um Leben und Tod vorzubereiten?

„Notwasserungen hat es in der Geschichte der Verkehrsluftfahrt nur extrem wenige gegeben“, sagt der Luftfahrt-Experte Andreas Spaeth. Trotzdem sei es wichtig, dass die Kabinenbesatzungen ein Gefühl dafür bekommen, vor allem für Notrutschen, die sich in Flösse und Rettungsinseln verwandeln. Spaeth bleibt aber skeptisch: „Wenn ich bei solchen Trainings dabei bin und sehe, dass viele junge Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen alles andere als sichere Schwimmer sind, scheint es mir unwahrscheinlich, dass sie bei einer tatsächlichen Wasserung viel ausrichten können.“

Ob eine Notlandung glimpflich abläuft, hängt auch vom Verhalten der Passagiere ab. Im November 2019 geriet eine Aeroflot-Maschine nach dem Aufsetzen auf der Landebahn am Flughafen Scheremetjewo in Brand. Weil sie es nicht rechtzeitig aus dem Flugzeug schafften, kamen 41 Personen ums Leben. Die Notausgänge waren unter anderem verstopft gewesen, weil manche Passagiere noch ihr Handgepäck hervorgekramt hatten.

„Natürlich möchte jeder erst noch sein Handy mitnehmen, auf dem 10 000 private Fotos gespeichert sind“, sagt Jorgen von der Brelie, Professor für Luftverkehrssysteme an der Hochschule Bremen. „Wenn aber 500 Passagiere das machen, haben Sie ein Problem.“

Angelhaken in der Notfall-Ausrüstung

Wenige Kilometer vom Hallenbad entfernt, am Flughafen Zürich, steht ein modernes Betongebäude. Die Lufthansa betreibt hier ein Trainingszentrum, das Angestellten der Tochterfirmen, zu denen die Swiss gehört, aber auch externen Airlines offensteht.

Eine Swiss-Crew betritt den Schulungsraum für ihren jährlichen Wiederholungskurs. An den Wänden hängen Gegenstände, die man als Passagier lieber nicht sehen möchte: Megafone, Schwimmwesten, Feuerlöscher. Auch das Inventar eines Rettungsfloßes ist aufgebahrt: Meerwasser-Entsalzungstabletten, Verbandsmaterial, Angelhaken. Damit im Ernstfall ein Fisch anbeißt, erklärt ein Überlebenshandbuch, wie die Nahrungssuche auf hoher See funktioniert.

Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA und ihr internationales Pendant, die ICAO, schreiben vor, was in welchen Abständen geübt werden muss. Neben medizinischen Grundkenntnissen gehört die Brandbekämpfung zur Ausbildung, ebenso der Umgang mit renitenten Fluggästen. Aus Sicherheitsgründen gewährt die Swiss bei diesem Teil der Schulung aber keine Einblicke.

Zurück in Zürich. Zeit für einen weiteren Notfall! Im Schulungszentrum sind mehrere Flugzeugrümpfe nachgebaut, die Notrutschen hängen schon vor den Türen. Bewegen kann sich der Simulator nicht, aber vor den Fenstern zieht eine digitale Startbahn vorbei: Take-off! Der Motor brummt, hin und wieder ertönt ein „Bing“ wie bei einem echten Flug. Ein Teil der Klasse spielt nun die Besatzung, der andere Teil die Passagiere.

90 Sekunden Zeit nach dem Aufsetzen im Wasser

Dann eine Durchsage: „Report to the flight deck!“ Der Captain fordert die leitende Flugbegleiterin auf, nach vorne zu kommen. Als sie zurückkehrt, schildert sie die Lage: „Wir müssen notlanden. Ein Triebwerk ist kaputt, aber das sagen wir den Passagieren nicht. Wir sprechen nur von einem technischen Defekt.“

Danach muss alles schnell gehen. Schwimmwesten anlegen, Notfallposition einnehmen. „Brace! Brace! Brace!“ – Bereit machen zum Aufsetzen! Eine Sirene ertönt, das Licht flackert. Wer durchs Fenster schaut, sieht das Wasser schwappen. 90 Sekunden hat die Besatzung nun Zeit, alle Passagiere zu evakuieren. Auch dies ist gesetzlich vorgeschrieben – und weltweit eine Voraussetzung, damit Flugzeuge überhaupt zugelassen werden. Welche Kommandos die Flugbegleiter bei der Evakuierung geben, soll in diesem Text lieber nicht geschrieben werden. Die Airline fürchtet, dass sich Fluggäste einen makabren Scherz auf Kosten der Sicherheit erlauben könnten.

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