Staatlich gestützte Airline Lufthansa droht nach erneutem Milliardenverlust mit Entlassungen

Von red/dpa/rtr 

Die staatlich gestützte Lufthansa verliert noch immer in rasendem Tempo Geld. Weil gleichzeitig die Sparverhandlungen mit den Gewerkschaften nicht vorankommen, droht sie nun mit Entlassungen.

Der Kranich hat Flugprobleme: Der Lufthansa geht es schlecht. Foto: AFP/DANIEL ROLAND
Der Kranich hat Flugprobleme: Der Lufthansa geht es schlecht. Foto: AFP/DANIEL ROLAND

Frankfurt/Main - Nach einem weiteren Milliardenverlust hat die staatlich gestützte Lufthansa mit Entlassungen in Deutschland gedroht. Der Vorstand stimmte die Mitarbeiter am Donnerstag auf betriebsbedingte Kündigungen ein, weil neben der schleppenden geschäftlichen Entwicklung auch die Sparverhandlungen mit den Gewerkschaften nicht schnell genug vorangekommen seien. Das Ziel der Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen sei nicht mehr realistisch, sagte Vorstandschef Carsten Spohr.

Der Zusammenbruch des Flugverkehrs in der Corona-Krise hat der Lufthansa im zweiten Quartal einen weiteren Milliardenverlust eingebrockt. Unter dem Strich stand im Quartal ein Minus von rund 1,5 Milliarden Euro nach einem Gewinn von 226 Millionen ein Jahr zuvor, wie der inzwischen vom Staat gestützte Konzern in Frankfurt mitteilte. Dass es nicht noch schlimmer kam, verdankte das Unternehmen einem Rekordergebnis seiner Frachttochter Lufthansa Cargo, die von der stark gestiegenen Nachfrage nach Frachtflügen profitierte.

Konzernverlust von 3,62 Milliarden Euro

Zur Jahreshälfte 2020 beträgt der Konzernverlust unter dem Strich 3,62 Milliarden Euro. Vor einem Jahr hatte dort ein saisontypisches Minus von 116 Millionen Euro gestanden. Seine Liquidität bezifferte der Konzern einschließlich der deutschen Staatshilfe von rund 9 Milliarden Euro auf 11,8 Milliarden Euro. Die staatlichen Stützungsprogramme aus der Schweiz, Österreich und Belgien in Höhe von 2,4 Milliarden Euro sind noch nicht berücksichtigt. Diese werden voraussichtlich mit dem deutschen KfW-Kredit verrechnet.

Der Konzern will seine Kosten bis zum Jahr 2023 um 15 Prozent senken, die Flotte um mindestens 100 Flugzeuge verkleinern und 22 000 Vollzeitstellen abbauen. Davon entfallen rund 11 000 auf Deutschland. Bis Ende Juni hat die Lufthansa die Zahl ihrer Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr bereits um knapp 8300 auf 129 400 gesenkt, allerdings fast ausschließlich im Ausland. Unter anderem in den USA habe man Leute entlassen, sagte Spohr. In Deutschland sei bislang kaum etwas passiert.

Gewerkschaften weisen Kritik zurück

Es fehlen Sparabkommen mit Verdi und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Auch die Mitglieder der Kabinengewerkschaft Ufo haben dem erreichten Eckpunkte-Papier, mit dem Entlassungen verhindert werden sollen, noch nicht zugestimmt. „Es geht mir viel zu langsam“, kritisierte Spohr. „Selbst mit der Bundesregierung waren wir schneller als mit den Gewerkschaften am Boden und im Cockpit.“

Die Gewerkschaften wiesen Spohrs Kritik zurück. Ein Krisenpaket müsse auch die mittelfristige Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sichern und Schutz vor Ausgründungen bieten, verlangte Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle. Sie vertritt viele Mitglieder bei der Wartungstochter Lufthansa Technik, für die der Konzern verschiedene Optionen wie Teilbörsengang oder Joint Venture prüft.

Die Ufo mahnte vom Unternehmen erneut konkrete Umsetzungspläne für Arbeitszeitverkürzungen und Abfindungen an. „Jetzt mit Kündigungen zu drohen, ist unnötig und in der Kabine sogar vertragswidrig“, sagte Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies. Ein Sprecher der VC verwies auf die laufenden Verhandlungen. Erst nach Abschluss könne man sagen, ob es vereinzelte Personalüberhänge gebe. Spohr hatte gesagt, dass allein die Lufthansa-Kerngesellschaft 800 Piloten zu viel an Bord hat.

Keine schnelle Erholung

„Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs“, sagte Spohr zur aktuellen Lage. „Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau.“ Das wäre ein Jahr später als bisher geschätzt. Vor allem auf den Langstreckenverbindungen werde es wegen fehlender Einreiseregelungen keine schnelle Erholung geben. Spohr forderte, dass Passagiere mit negativem Corona-Test ungehindert reisen könnten.

„Auf diese Situation können wir nicht mit den Methoden, Prozessen und Zeithorizonten der Vergangenheit reagieren“, betonte der Vorstand in dem Brief an die Mitarbeiter. In den kommenden Wochen soll über die endgültige Stilllegung einzelner Flugzeugtypen und Teilflotten entschieden werden. Dort könnten Personalüberhänge über Jahre hinweg entstehen. Lufthansa ist zudem nicht bereit, die Fluglizenzen der Mitarbeiter für ausgemusterte Flugzeugtypen beispielsweise über Simulator-Trainings aufrecht zu erhalten.

Milliardenverlust für Gesamtjahr ausgemachte Sache.

Bereits bekannt sind die Schließungspläne für Germanwings und die deutsche Tochter des Joint Ventures mit Turkish Airlines, SunExpress. Bei den Flugzeugtypen stehen besonders die vierstrahligen Großflugzeuge Airbus A380, A340 sowie die Boeing 747 auf dem Prüfstand. Die Zahl der Flugbetriebe im Konzern soll von 12 auf 10 sinken.

Mit den Erstattungen für stornierte Tickets ist Lufthansa vorangekommen. Im Juli sei fast eine Milliarde Euro an Kunden ausgezahlt worden. Laut Konzern stehen noch Rückzahlungen von etwas weniger als einer Milliarde Euro an 1,8 Millionen Kunden aus. Dies betreffe fast ausnahmslos jüngere Fälle, die aus der umfassenden Änderung des Sommerflugplans vor einigen Wochen resultieren.

Obwohl die Lufthansa ihren Flugverkehr inzwischen wieder schrittweise hochfährt, rechnet Spohr für die zweite Jahreshälfte mit tiefroten Zahlen im laufenden Geschäft. Nachdem sich der operative Verlust in den ersten sechs Monaten bereits auf 2,9 Milliarden Euro summierte, ist ein Milliardenverlust auch für das Gesamtjahr ausgemachte Sache.

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