Luftkrieg in Weilimdorf Militärattrappe sollte Stuttgart schützen

Von Bernd Zeyer 

In Weilimdorf wurde 1943 eine 175 Hektar große Scheinanlage errichtet. Sie sollte nachts alliierte Flieger täuschen und dazu verleiten, ihre Bomben auf Felder und Äcker statt auf die Stuttgarter Innenstadt abzuwerfen. Die neueste Ausgabe des Heimatblatts beschäftigt sich mit diesem Thema.

Edeltraud John, Norbert Prothmann und Erika Porten (von links) haben bei der aktuellen Ausgabe des Weilimdorfer Heimatblattes mitgewirkt. Foto: Bernd Zeyer
Edeltraud John, Norbert Prothmann und Erika Porten (von links) haben bei der aktuellen Ausgabe des Weilimdorfer Heimatblattes mitgewirkt. Foto: Bernd Zeyer

Weilimdorf - Auf dem Gelände zwischen Bergheimer Hof, Fasanengarten, Hausen, Gehenbühl und Gerlingen leben die Menschen heute in Ruhe und Frieden. Nur wenige dürften wissen, dass dieses Areal während des Zweiten Weltkrieges ein von Geheimnissen umwittertes Sperrgebiet war: Von 1943 bis zum Kriegsende befand sich dort eine 175 Hektar große Scheinanlage, die alliierte Nachtbomber dazu verleiten sollte, ihre tödliche Last nicht auf die Stuttgarter Innenstadt, sondern auf Felder, Äcker und Wiesen abzuladen. Mit diesem Kapitel der Ortsgeschichte befasst sich die neue Ausgabe des Weilimdorfer Heimatblattes, die kürzlich erschienen ist.

„Wir haben das Gelände damals gemieden. Es war gut bewacht, und wir wussten, dass scharf geschossen wird“, erzählt Erwin Herrmann. Der Weilimdorfer war in den letzten Kriegsjahren noch ein junger Mann, zu jung, um als Flakhelfer eingezogen zu werden. Er ist einer jener knapp 20 Zeitzeugen, die im Heimatblatt über ihre damaligen Erlebnisse berichten. In dem 40-seitigen Heft geht es nicht nur um die Scheinanlage, sondern auch um Themen wie Luftschutz, Fliegerabwehr und Blindgänger. Für Redaktion und Layout ist Edeltraud John verantwortlich, Autoren sind Martin Kreder, Erika Porten, Norbert Prothmann und Rolf Zielfleisch.

„Man soll aus der Geschichte lernen“

„Man soll aus der Geschichte lernen“, sagt Edeltraud John. Das könne man aber nur, wenn man die Geschichte auch kenne. Deshalb richte sich die Broschüre vor allem auch an junge Menschen, was nicht zuletzt durch eine moderne und übersichtliche Gestaltung zum Ausdruck komme. Viel Arbeit im Vorfeld haben Erika Porten und Martin Kreder geleistet, die seit längerer Zeit ein Heimatblatt zu diesem Thema geplant und deshalb schon fleißig recherchiert hatten. Neben Zeitzeugenberichten und zahlreichen Informationen finden sich in dem Heft auch viele historische Fotos und Luftbilder. Letztere stammen fast alle von der britischen oder amerikanischen Luftwaffe, die die Erfolge ihrer Angriffe auf diese Weise dokumentierten. Lange Zeit waren diese Aufnahmen nicht zugänglich.

Die Weilimdorfer Scheinanlage war eine Nachtanlage: Bei Bombenangriffen wurden von dort aus Leuchtraketen in den Himmel geschossen, die die alliierten Leuchtbomben, mit denen das Zielgebiet markiert wurde (so genannte Christbäume), nachahmen sollten. Auf diese Weise sollten die Bombenschützen in den Flugzeugen dazu gebracht werden, ihre Ladung über dem falschen Gebiet auszuklinken, also zwischen Gerlingen, Ditzingen, Weilimdorf und Korntal. Im Bereich der Anlage lagen drei schwere Flakbatterien, eine vierte befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Um die alliierten Flieger noch weiter zu täuschen und Brände im Stuttgarter Stadtgebiet zu simulieren, wurden in der Anlage vorbereitete Feuer entzündet. Tagsüber war die Scheinanlage, in deren Nähe sich auch ein Kommandobunker und eine Radarstation befanden, praktisch nicht zu erkennen.

Die Scheinanlage hat Leben gerettet

„Die Scheinanlage hat einige Leben gerettet“, sagt Norbert Prothmann. Es sei historisch und mathematisch belegt, dass Einrichtungen dieser Art wirksam gewesen sind. Andererseits sei aber auch klar, dass die Weilimdorfer unter der Anlage hätten leiden müssen, Verluste und Zerstörungen seien wissentlich in Kauf genommen worden. Ob und in welchem Umfang die Anlage zu Schäden in Weilimdorf geführt hat, lässt sich nicht belegen. Zwölf Mal wurde der Stadtteil im Zweiten Weltkrieg getroffen, alle diese Angriffe fanden ab September 1943 statt – also in der Zeit, in der die Anlage existierte. Besonders schlimm traf es Weilimdorf am 20. Oktober 1944 (16 Tote) und am 28./29. Januar 1945 (circa 50 Tote).

Da 20 Prozent der Anlage auf Gerlinger Gemarkung lagen, wird das Heimatblatt (mit anderem Einband und kleinen Änderungen) auch dort veröffentlicht. Zum Dank hat der Heimatpflegeverein Gerlingen einen Großteil der Druckkosten übernommen. Insgesamt sind 1000 Hefte gedruckt worden. Erhältlich sind sie zum Preis von drei Euro unter anderem in der Heimatstube, Ditzinger Straße 7, beim Bürger-Service im Bezirksrathaus, Löwenmarkt 1, und in der Stadtteilbibliothek, Löwenmarkt 1.

Sonderthemen