Lungenkrebs Bluttest verrät Erfolg von Immuntherapien

Ein Arzt zeigt auf ein Röntgenbild einer von Krebs befallenen Lunge. Foto: Felix Hörhager/dpa/Felix Hörhager

Um Lungenkrebs besser zu behandeln, kommen Immuntherapien zum Einsatz. Doch nicht bei jedem Patienten schlägt die Therapie gut an. Um die Erfolgschancen besser einschätzen zu können, haben Tübinger Onkologen nun einen Test entwickelt.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Der andauernde Husten hat ihn stutzig gemacht. Apostolos Valuxidis war sein bisheriges Leben lang das, was man im Schwäbischen ein „Schaffer“ bezeichnet. Ursprünglich aus Griechenland stammend, hat er sich im Ländle längst eine neue Heimat gebaut. Er wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Reutlingen, hat eine gute Anstellung bei einem Hersteller für Kunststoffverpackungen. „Es hätte einfach so weitergehen können“, sagt der 55-Jährige.

 

Das Röntgenbild zeigt einen zwei Zentimeter großen Tumor in der Lunge

Wäre da nicht dieser andauernde Husten gewesen: Wahrscheinlich eine Bronchitis, sagte der Hausarzt und schickte Valuxidis zum Lungenfacharzt. Der stellte keinen auffälligen Befund fest – vermittelte aber einen Termin beim Radiologen. Ein Computertomogramm (CT) offenbarte Ende des Jahres 2021 die Ursache: Eine zwei Zentimeter große Geschwulst in seinem Brustkorb. Der Krebs hatte gestreut.

Immuntherapien geben vielen Patienten Hoffnung

Eine solche Diagnose löst bei den meisten Menschen Todesängste aus. Galt es doch lange Jahre selbst in Medizinerkreisen bereits als Erfolg, wenn Lungenkrebs-Patienten mithilfe einer Chemotherapie ihre Lebenszeit um einige Monate verlängern konnten. Doch inzwischen werden immer mehr Möglichkeiten entdeckt, Bronchialkarzinome mit zielgerichteten Arzneimitteln oder Immuntherapien beizukommen. Sie versetzen die Körperabwehr der Patienten in die Lage, die Tumorzellen zu erkennen und wirksam zu bekämpfen.

Besonders erfolgversprechend sind dabei Immuntherapien mit sogenannten Checkpoint-Hemmern: Sie hebeln einen Mechanismus aus, mit dem Tumore den Killerzellen des Immunsystems entgehen. Allerdings wirken bei manchen Erkrankten diese Medikamente nicht oder nicht genügend. So bewegt sich die längerfristige Ansprechrate bei Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkarzinom – der häufigsten Form von Lungenkrebs – zwischen 15 und 20 Prozent.

Die Vorhersage über den Erfolg einer Therapie ist schwierig

Um herauszufinden, für welchen Patienten diese Form der Immuntherapie geeignet ist, wird eine Gewebeprobe des Tumors mittels einer Bronchoskopie entnommen. Die Krebszellen werden auf bestimmte Oberflächenmoleküle untersucht – meist auf das Protein PDL1, das die Tumorzelle nutzt, um einen der komplexen Signalwege in der Immunabwehr zu unterbrechen.

Tübinger Onkologen entwickeln Bluttest

Auch bei Valuxidis wurde eine Gewebeprobe entnommen. „Bei mir hat die Chemotherapie nicht angeschlagen.“ In der Uniklinik Tübingen wurde ihm zusätzlich eine Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren vorgeschlagen. Die Ergebnisse der Biopsie hätten gezeigt, dass diese Behandlung eine gewisse Erfolgschance berge.

Tatsächlich gilt diese Untersuchung bei Experten als nicht immer zuverlässig: „Die Tumore sind sehr heterogen und so spiegelt eine einzelne Biopsie die Gesamtheit des Tumors nur unzureichend wider“, sagt etwa Lars Zender, Ärztlicher Direktor der Klinik für Medizinische Onkologie und Pneumologie am Uniklinikum Tübingen. Es kann nicht sicher bestimmt werden, ob ausreichend PDL1 Moleküle auf den Tumorzellen vorhanden sind, um einschätzen zu können, ob eine Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern erfolgversprechend ist.

Bestandteile des Blutes tragen Eiweiße von Krebszellen mit sich

An der Uniklinik Tübingen, einem der im Jahr 2020 neu ausgewählten Standorte des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT), haben Onkologen um Lars Zender und seinem Kollegen Clemens Hinterleitner daher an einer Alternative gearbeitet. Beide forschen im einzigen onkologischen Exzellenzcluster „iFIT“ in Tübingen daran, neue Krebstherapien zu entwickeln. Ihr Ziel ist es, einen Bluttest auf den Markt zu bringen, der die Gewebeproben-Entnahme ersetzen soll: „Wir haben herausgefunden, dass bestimmte Bestandteile im Blut – die Blutplättchen – in der Lage sind, Proteine von anderen Zellen, mit denen sie in Kontakt kommen, aufzunehmen“, so Hinterleitner. Darunter also auch das Oberflächenprotein PDL1 von Tumorzellen. Schließlich strömen die Blutplättchen mehrere hundert Mal am Tag durch das Tumorgewebe. „Eine Blutprobe reicht daher aus, um den individuellen PDL1-Wert herauszufinden und auch regelmäßig zu überprüfen“, so Hinterleitner.

Wie die Tübinger Onkologen im Journal „Nature Communications“ berichten, ist dieser individuelle Wert ein idealer Indikator dafür, ob die gewünschte Immunreaktion mit den Checkpoint-Hemmern anschlägt – und wie lange die Behandlung sinnvoll ist. Noch braucht es eine prospektive multizentrische klinische Studie, um die bisherigen Erkenntnisse zu verfestigen. Diese werde derzeit vorbereitet, sagt Zender, der auch Sprecher des iFIT Exzellenzclusters ist.

In Tübingen wird eine klinische Studie vorbereitet

Lungenkrebspatienten wie Valuxidis hoffen dabei auf schnelle Ergebnisse: „Dass Ärzte sicher voraussagen können, wie gut die Erfolgschancen einer Therapie sind, hilft Betroffenen sehr.“ Bei ihm hat die Gewebeprobe nicht zu viel versprochen: Seit Beginn der Antikörpertherapie werden die Metastasen und die Krebsgeschwulst in der Lunge kleiner. Er sei zuversichtlich, sagt Valuxidis. „Ich lebe mein Leben.“ Das zähle, nicht der Krebs.

Exzellente Forschung bei Lungenkrebs

Lungenkrebs
 In Deutschland erkranken jährlich rund 57 500 Menschen an Lungenkrebs. Das Fachwort für Lungenkrebs lautet Bronchialkarzinom. Fachleute unterscheiden zwischen nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (abgekürzt: NSCLC) und kleinzelligem Lungenkrebs (abgekürzt SCLC).

Exzellenzcluster
 Mit den „Exzellenzclustern“ werden international wettbewerbsfähige Forschungsfelder an deutschen Universitäten und Universitätsverbünden projektbezogen von Bund und Ländern gefördert, um die Spitzenforschung zu stärken. Darunter auch die Uniklinik Tübingen.

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