Machtmissbrauch in der Katholischen Kirche „Die Situation ist unerträglich“

Für den Pastoralreferenten Reinhold Walter ist entscheidend, dass die Menschen die Kirche vor Ort als etwas Positives, als ein Stück Heimat, empfinden. Foto: picture alliance / dpa/Matthias Schrader

Die Katholische Kirche in Filderstadt thematisiert offensiv den Missbrauchsskandal und den Umgang mit homosexuellen Menschen in der Katholischen Kirche. Wir haben mit dem Pastoralreferenten Reinhold Walter darüber gesprochen, warum dem Pastoralteam das wichtig ist.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Filderstadt - Derzeit wird viel über den Missbrauch in der Katholischen Kirche diskutiert. Auch in Ihrer Gemeinde?

 

Selbstverständlich. Es ist das Gesprächsthema nach den Gottesdiensten und in den Gremien. Es beschäftigt die Menschen. Und es kommt eben die große Frage auf: Kann man sich noch guten Gewissens in dieser Kirche engagieren, oder kann man überhaupt noch Kirchenmitglied sein?

Wie beantworten Sie diese Frage?

Das A und O für mich ist, dass Kirche die Menschen sind, die an Christus glauben, und die ihren Glauben leben. Das bedeutet, dass Bischöfe und Papst nicht mehr Kirche sind, als wir hier vor Ort. Das Entscheidende ist, dass Menschen Kirche hier als etwas sehr Positives, als ein Stück Heimat empfinden, als einen Ort, wo sie ihren Glauben und Gemeinschaft erleben können. Und auf der Ebene kann man sich sehr wohl engagieren und Kirchenmitglied sein.

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Um jeder Form von Missbrauch vorzubeugen, gibt es in Ihrer Gemeinde seit vielen Jahren ein Präventionskonzept. Gab es dafür damals einen Anlass?

Ein solches Präventionskonzept gibt es mittlerweile nicht nur in unserer Gemeinde. Das ist in unserer Diözese vorgegeben. Aber wir waren an der Stelle ein bisschen ein Vorreiter. Uns war wichtig, dass diejenigen, die sich in unserer Gemeinde engagieren, mehr Sicherheit zu geben. Dieses Präventionskonzept soll Vertrauen geben, soll zeigen: Da steht jemand hinter ihnen, und sie stehen nicht unter Generalverdacht.

Im Rahmen dieser Präventionskonzepte gibt es Schulungen. Was berichten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Schulungen?

Von der Diözese werden solche Schulungen angeboten. Bei uns ist das Spezielle, dass wir diese Schulungen innerhalb der Gemeinde durchführen. Das macht federführend vor allem unsere Jugendreferentin, teilweise unterstützt vom Pastoralteam. Hintergrund ist für uns: Man kennt sich, und dadurch ist eine andere Vertrauensbasis da. Es müssen nicht alle engagierten Mitglieder der Gemeinde diese Schulung machen, sondern all diejenigen, die in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv sind, und Erwachsene, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Was lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei diesen Schulungen?

Uns ist es vor allem wichtig, sie zu sensibilisieren für gedankenloses und übergriffiges Verhalten. Das bedeutet zum einen: Sensibel für sich selber, dass man sich genauer überlegt, wie verhalte ich mich gegenüber Kindern und Jugendlichen und gegenüber dem anderen Geschlecht. Ich sollte mir beispielsweise überlegen, ob ich ein Kind in den Arm nehme oder streichle. Das könnte durchaus falsch ankommen, manchmal auch falsch sein, ganz klar. Zudem soll der Blick auf die Mitmenschen gerichtet werden, zum Beispiel die Mitgruppenleiter. Bei einer Kinder- und Jugendfreizeit ist es wirklich wichtig, dass das Team so eine Schulung hatte. Nicht in dem Sinn, dass man sich ständig kontrolliert, sondern in dem Sinn, dass man aufeinander achtet und vielleicht auch mal Rückmeldung gibt, wenn etwas nicht gut ist.

Welche Komponenten umfasst das Präventionskonzept noch?

Auf alle Fälle eine sogenannte Ehrenerklärung, die jeder unterschreibt, der eine solche Schulung macht. Diese Ehrenerklärung muss auch jeder unterschreiben, der in unserer Gemeinde angestellt ist. Es ist eine Selbstverpflichtung, dass ich eben bestimmte Dinge nicht tue und dass ich auf bestimmte Dinge achte. Und zum Präventionskonzept gehören auch Gesprächsangebote. Wenn Unsicherheiten da sind, dann stehen unsere Jugendreferentin und unser Pfarrer für Gespräche zur Verfügung.

Reicht so ein Präventionskonzept aus?

Ein solches Präventionskonzept wird immer wieder überarbeitet und neu durchdacht, das ist nichts, was für die Ewigkeit steht. Die Schulungen finden alle zwei Jahre statt. Wir führen Listen, wer die Schulung gemacht hat. Im Bereich Jugend sollen die Schulungen alle vier Jahre wiederholt werden. Einfach, damit man an dem Thema dranbleibt.

Bei der Veranstaltung am Samstag soll es auch um das Thema Homosexualität in der Katholischen Kirche gehen. Die Gemeinden positionieren sich da unterschiedlich. Wie positioniert sich ihre Gemeinde?

Das Thema kam durch die Dokumentation „Out in Church“ auf, wo sich viel kirchliche Mitarbeiter geoutet haben. Sie stellen ihre Situation dar, und die ist einfach unerträglich. Ich kenne mehrere Kollegen und Kolleginnen, die das direkt betrifft. Zum Teil ist es in den Gemeinden bekannt, dass jemand mit seinem Partner oder seiner Partnerin homosexuell zusammenlebt, aber man darf das nicht nach außen geben, weil es durchaus rechtliche Konsequenzen haben kann: von der Abmahnung bis zur Kündigung. Und darum geht es: So etwas darf nicht sein, dagegen wehren wir uns! Da muss sich auf der Ebene der Kirchenleitung ganz grundlegend was ändern. Denn für die meisten Menschen ist ganz klar: Auch wenn ich selber vielleicht Schwierigkeiten habe mit Homosexualität, habe ich keine Schwierigkeiten damit anzuprangern, dass Kirche so nicht mit Menschen umgehen darf!

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Wie kam es zu der Veranstaltung, die nun für Samstagabend geplant ist?

Erst wurde das Missbrauchsgutachten in München vorgestellt, dann kam die Dokumentation „Out in Church“. Wir sind dann nach den Gottesdiensten von vielen Leuten angesprochen worden, wie unmöglich das ist und dass es ihnen unter den Nägeln brennt. Da haben wir gesagt: Es muss da ganz schnell eine Veranstaltung geben, wo man sich darüber austauscht. Da reicht keine Stellungnahme, die man nur vorliest oder so. Das Entscheidende ist, dass man miteinander ins Gespräch kommt.

Info

Person
 Reinhold Walter (57) ist Diplomtheologe und bischöflich beauftragt als pastoraler Ansprechperson und verantwortlicher Gemeindeseelsorger der Kirchengemeinde Liebfrauen in Filderstadt-Bonlanden/Plattenhardt, wo er seit 2007 tätig ist. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Termin
 Unter der Überschrift „Katholische Kirche: Fünf vor zwölf oder schon zu spät?“ lädt die Katholische Kirche in Filderstadt am Samstag, 12. Februar, zu einem Spätschoppen in den Gemeindesaal Liebfrauen ein. Beginn ist um 19 Uhr.

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