Stuttgarter Ballett Mackenzie Brown – neue Erste Solistin ohne Lampenfieber

Sie vertraut auf Gott und arbeitet hart: die Tänzerin Mackenzie Brown, hier mit Martino Semenzato in „Sospiro“ von Vittoria Girelli. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Nach ihrem berührenden Julia-Debüt wurde Mackenzie Brown noch auf der Bühne zur Ersten Solistin des Stuttgarter Balletts ernannt – Porträt einer himmlisch Beschenkten.

Wer Mackenzie Brown tanzen sieht, gerät ins Schwärmen. Diese Linien: superb! Ihre Freude: mitreißend! Diese Lockerheit gepaart mit technischer Brillanz! Und das als Aurora auf Spitze in Marcia Haydées „Dornröschen“ genauso wie als hypererregtes Wesen in Marco Goeckes „Nachtmerrie“. Die Ende Oktober nach ihrem ergreifenden Julia-Debüt zur Ersten Solistin ernannte US-Amerikanerin hat sich beim Stuttgarter Ballett in drei Jahren ganz nach oben getanzt. Anfangs während der Pandemie ohne Publikum. „Ich glaube, dass alles, was passiert, einen tieferen Sinn hat“, blickt die Anfang-20-Jährige auf diesen erschwerten Start ins Berufsleben zurück. „Es war eine Zeit, um zu sich zu kommen, über sich und die Welt zu reflektieren“, meint sie und setzt hinzu: „Aber sie war zu lang!“ Sagt’s und bricht in ansteckendes Lachen aus.

 

Mit drei Jahren zur Sportgymnastik

Geerdet, ernsthaft und immer wieder ungemein heiter. So sitzt einem die Tänzerin mit dem schottischen Vornamen beim Gespräch gegenüber. Das haselnussbraune Haar ist zum Zopf geflochten, ihre Schlaghose aus grünem Cord mit Stricktop wirkt behaglich. Auffällig die weit geschwungenen Brauen, die ihren Blick noch offener erscheinen lassen. Aufgewachsen ist dieses All-American Girl in Virginia. „Ich komme aus einer sehr aktiven Familie, die ständig auf Trab ist“, erzählt Mackenzie Brown, die noch zwei ältere Brüder hat. Die Mutter schickte ihre Dreijährige zur Sportgymnastik und in die nächste Tanzschule. „Unterrichtet wurden alle Tanzformen: Jazz, Stepp, Hip-Hop, Ballett, Modern Dance und mehr.“ In dieser Vielfalt wurzelt Browns Begeisterung für Tanz. Doch da Ballett die Muskeln am besten stärkt, hielten Mutter und Tochter irgendwann Ausschau nach einer klassisch ausgerichteten Tanzschule. Fündig wurden sie in Fredericksburg. „Der Unterricht – nach der Waganowa-Methode – wurde dort mit größerem Ernst betrieben“, sagt Brown. „Das war ein Kontrast zu meiner ersten Schule, aber der richtige Ort, um mich technisch zu verbessern.“

Mackenzie Brown in Marco Goeckes „Nachtmerrie“ Foto: SB/Roman Novitzky

Ihr Können prüfte sie schon früh in Wettbewerben. Dennoch träumte sie nicht davon, Ballerina zu werden. „Ich wusste nicht einmal, dass es professionelle Tänzer gibt. Es war einfach die pure Freude zu tanzen, die mich antrieb.“ Auch wenn sie der Ballettunterricht zeitweise anödete. „Bis heute fühlt sich der zeitgenössische Tanz für mich natürlicher und freier an.“ Die Liebe zum nie enden wollenden Feilen an der Perfektion hat sie bei ihrem Stipendium an der Académie Princess Grace in Monaco für sich entdeckt. Das hieß: Goodbye, Mom and Dad! Goodbye, brothers! Und das mit 14 Jahren.

Mit 14 Jahren in Monaco

„Ich bin von Natur aus neugierig und habe immer Lust aufs Unbekannte“, erzählt sie. „Die Schule in Monaco habe ich sofort geliebt.“ Den nun eingeschlagenen Weg zur Profitänzerin ging sie nun einfach weiter: „Gott hat mir die Liebe zum Tanz gegeben. Egal, was ich tanze, ich genieße es. Das ist ein großes Geschenk und auch ein Auftrag.“

Im letzten Ausbildungsjahr begann Mackenzie Brown nach Kompanien Ausschau zu halten. „Wichtig war mir, klassisch wie auch zeitgenössisch tanzen zu können.“ Dass auf ihrer Liste auch das Stuttgarter Ballett stand, hat mit Roland Vogel und Thierry Sette zu tun. Die ehemaligen Stuttgarter Solisten – Roland Vogel war Erster Solist –, die im monegassischen Fürstentum als Ballettlehrer wirken, erwähnten gegenüber ihren Zöglingen Marcia Haydée.

„Wir alle waren naiv und kannten sie nicht. Unsere Lehrer waren schockiert: Wie kann das sein? Sie ist eine Ikone, ihr müsst sie kennen!“ Dermaßen aufgescheucht, durchstöberte Mackenzie Brown die Tanzliteratur und stieß bei ihren Recherchen auch auf die Rollen, die Haydée in Stuttgart geprägt hatte. Eine gute Vorbereitung fürs Vortanzen!

Dann die richtige Entscheidung: Stuttgart!

Auch wenn die ersten Monate in Stuttgart durch Kontaktbeschränkungen einsam waren, sagt sie heute: „Stuttgart war die richtige Entscheidung. Ich bin dankbar für das Privileg, zu einer Kompanie zu gehören, die sich wie eine Familie anfühlt, nicht wie eine Organisation.“ Und auch in Stuttgart fühle sie sich heimisch. Kein Wunder, mittlerweile sind ihre Eltern ins Schwabenland gezogen, um ihrer Tochter nah zu sein.

Kennt sie denn Lampenfieber? „Nein!“, antwortet Mackenzie Brown gelöst. Wer ihr Debüt als tragische Titelheldin in John Crankos „Romeo und Julia“ gesehen hat, muss ihr glauben. So souverän, wie sie Glückseligkeit, Entsetzen und tiefste Verzweiflung in Tanz verwandelte.

Es steckt viel Arbeit in der Vorbereitung auf eine solche Rolle. „Gibt es eine literarische Vorlage, lese ich das Stück, schaue mir Filme und Tanzvideos an. Ich setze mich auch in die Proben der anderen. Das hilft mir, die Rolle zu verstehen und meine eigene Version zu finden. Und dann versuche ich, mit dem ganzen Körper zu sprechen.“ Nicht nur, aber vor allem in den Cranko-Balletten, wo tatsächlich jede Geste etwas aussage.

Und wie verbringt sie ihre Freizeit? „Ich absolviere digitale College-Kurse, um später Kinder unterrichten zu können.“ Ihre Eltern haben ihr geraten, mit dem Lernen nie aufzuhören, und sie christlich erzogen. „Der Glaube leitet mich und prägt mein Selbstverständnis. In dem Sinn, dass ich eine Aufgabe in dieser Welt habe. Natürlich arbeite ich hart, aber für alles, was ich erreicht habe, habe ich ihm zu danken.“

Info

Ausgezeichnet
 Die US-Amerikanerin wuchs in Stafford, Virginia, auf. 2016 erhielt sie als Finalistin beim Youth American Grand Prix in New York ein Stipendium an der Académie Princesse Grace in Monte Carlo/Monaco. 2019 gewann sie beim Prix de Lausanne die Goldmedaille, den Contemporary Dance Prize sowie den Publikumspreis.

Stuttgart
Im Jahr 2020 kam sie zum Stuttgarter Ballett. Bereits 2021 stieg sie zur Halbsolistin auf, ein Jahr später wurde sie Solistin. Anfang Oktober 2023 wurde sie zur Ersten Solistin ernannt.

Aktuell
2024 tanzt sie in „Creations XIII-XV“ (7., 17. 1.) und in „Shades of Blue and White“ (ab 1. 2.).  

Termine unter : www.stuttgarter-ballett.de

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