ExklusivMängel in Pflegeheim in Ludwigsburg Seniorenresidenz in der Kritik

In der Seniorenresidenz Anna Maria wohnen 130 betagte Menschen. Doch es kranke an Fachkräften, heißt es. Foto: factum/Granville
In der Seniorenresidenz Anna Maria wohnen 130 betagte Menschen. Doch es kranke an Fachkräften, heißt es. Foto: factum/Granville

Im Ludwigsburger Altersheim Anna Maria der Alloheim-Holding herrschen offenbar gravierende Mängel. Die Behörden haben strenge Auflagen erlassen. Der Betreiber steht auch bundesweit in der Kritik.

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Ludwigsburg - Die Gänge sind sauber, die Wände terrakottafarben gestrichen. Auf dem Gang in der Station mit dem wohlklingenden Namen Schloss Monrepos hängen Fotos von einem Ausflug ins Blühende Barock, Kürbisse und herbstliche Blätter dekorieren den Flur. Doch der idyllische Eindruck täuscht: Hinter den Kulissen der Seniorenresidenz am Hohenzol­lernplatz brodelt es. Die Alloheim-Holding, die bundesweit 126 Häuser betreibt, muss strenge Auflagen der Heimaufsicht und des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse (MDK) erfüllen, die Schließung stand unmittelbar bevor und konnte nur durch einen Krisenmanager aus der Düsseldorfer Zentrale abgewendet werden.

Ein Kenner des Ludwigsburger Heims, der nicht möchte, dass sein Name öffentlich genannt wird, schildert die Zustände schonungslos: Das Hauptproblem sei ein dramatischer Mangel an Fachkräften und fehlende Organisation. „Freiberufler werden in Doppelschichten eingesetzt – bis zu 40 Stunden am Stück“, berichtet der Insider. Zwar werde die Grundpflege ordentlich erledigt – etwa waschen und Mahlzeiten servieren. Doch wenn es um die sogenannte Behandlungspflege gehe, wenn also etwa eine Spritze zu setzen oder ein Verband anzulegen sei, fehle es schlicht an ausgebildetem Personal. „Die Mitarbeiter geben sich alle Mühe, aber es fehlt an Ausbildung und an ausreichend Personal.“

„Keiner geht Ursache auf den Grund“

Auch bei der Verpflegung der rund 130 Bewohner soll es Mängel geben. Obst sei Mangelware, die Ernährung eintönig. „Wenn es jeden Tag dasselbe gibt, verlieren die Senioren den Appetit“, erzählt der Informant, „dann wird lediglich notiert: Nahrung verweigert. Doch niemand geht der Ursache auf den Grund.“ Auch bei der Hygiene gebe es Probleme.

Die Beschreibung der Zustände ähnelt ziemlich der einer anderen Alloheim-Residenz in Simmerath bei Aachen in Nordrhein-Westfalen. Dort hat die Heimaufsicht Ende September nach etlichen Kon­trollen und Mahnungen die Schließung angeordnet. Mit der gleichen Begründung: zu wenige Pflegekräfte im Einsatz, mangelhafte medizinische Betreuung, schlechte Essensversorgung, eine „Gefährdung der Bewohner“ befürchtete die Aufsicht. Gegen eine ganze Reihe anderer Alloheim-Einrichtungen bundesweit gibt es immer wieder ähnliche Vorwürfe (siehe Artikel rechts).

In Ludwigsburg sollen die Heimaufsicht und der Medizinische Dienst der Krankenkassen ebenfalls mehrfach gewesen sein. So war der MDK in der vergangenen Woche drei Tage in der Einrichtung zu einer Intensivprüfung, was in der Branche als ungewöhnlich gilt. Die Auflagen, die er erlassen hat, sollen streng sein: So muss der Betreiber 2600 Stunden pro Monat mit ausgebildeten Fachkräften abdecken, ein Wert, den Experten für schwer erreichbar halten.

Offiziell äußert sich die Heimaufsicht im Landratsamt wegen des Datenschutzes nicht zum Alloheim am Hohenzollernplatz. Die Sprecherin Annegret Kornmann sagt nur allgemein: „Sollten Beratungen und Auflagen nicht reichen, hat die Heimaufsicht die Möglichkeit, Anordnungen zu erlassen. Der letzte Schritt wäre die Schließung.“

Unternehmen gehöre einer „Heuschrecke“, sagt Verdi

Bei der Gewerkschaft Verdi ist die Alloheim-Holding keine Unbekannte. „Das Unternehmen gehörte erst dem Private-Equity-Fonds Star Capital und wurde an die Carlyle-Gruppe verkauft, eine Heuschrecke“, erklärt Michael Musall, Fachsekretär für Altenpflege beim Verdi-Bundesverband. Alloheim gehöre „zu den schlechteren Arbeitgebern der Branche“, sei stark profitorientiert und versuche, die Gründung von Betriebsräten zu verhindern. „Der in Berlin sitzende Gesamtbetriebsrat durfte keinen Zettel in allen Heimen aushängen“, sagt Musall, „er ist deswegen vor das Bundesarbeitsgericht gezogen.“




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