Mafia in Baden-Württemberg Festnahme in Bad Urach 23 Jahre nach dem Mord

Ein SEK-Beamter überwacht auf diesem Symbolfoto aus einem gepanzerten Fahrzeug den Zugriff seiner Kollegen. Foto: StZN/Feyder

Während das SEK in Bad Urach einen mutmaßlichen Mafia-Mörder zwei Jahrzehnte nach einer Bluttat festnahm, entflammt in der Politik erneut ein Streit um den richtigen Umgang mit der N’drengheta in Baden-Württemberg.

23 Jahre lang lebte der Gesuchte wo auch immer auf dieser Welt. Die letzten vier Jahre offenbar in Bad Urach bei Reutlingen: Eine Wohnung mit seiner Familie. Völlig unauffälliges Leben. Angestellter in einer Firma. Bis ein Hinweis eines Zentrums aus Alexandria im US-Bundesstaat Virginia in Deutschland einging. Das National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC), dem Nationalen Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder, hatte den Mann im beschaulichen Bad Urach mit Kinderpornografie in Verbindung gebracht – und damit ohne es zu wissen auch den Hinweis auf einen mutmaßlichen Mörder gegeben.

 

Am Samstagnachmittag des 26. Februars 2000, erschoss im süditalienischen Städtchen Strongoli ein Mordkommando den 39 Jahre alten Boss einer sizilianischen Mafiagruppe, Salvatore Valente, seine beiden Leibwächter und – wohl zufällig – den 73 Jahre alten Rentner Fernando Chiarotti. Die Mörder, so berichteten es die italienischen Zeitungen, hätten im Herzen des 7000 Einwohner zählenden, 2700 Jahre alten Städtchens einfach auf der Piazza in die Menge geschossen.

Es sei, waren sich Ermittler und Staatsanwälte schnell einig, ein Krieg zwischen rivalisierenden Mafia-Gruppen gewesen. Als die Militärpolizisten der Carabinieri auftauchten, so berichteten es italienische Zeitungen damals, wurden sie von der Mörderbande mit einem Kugelhagel aus Kalaschnikow-Sturmgewehren empfangen. Die Täter entkamen unerkannt. Die kalabresische N’drangheta habe sich für einen Mord an einem ihrer Bosse zum Jahreswechsel ins neue Jahrtausend gerächt – und schlussendlich die Region von den Sizilianern übernommen.

Kalabresische N’drengheta breitet sich seit den 1950er Jahren in Deutschland aus

Nach Deutschland expandierten die kalabresischen Mafiosi bereits in den 1950er Jahren, bauten ihre Präsenz zunächst in Nordrhein-Westfalen, dann auch in Bayern und Niedersachsen systematisch aus. In Baden-Württemberg fassten sie im Großraum Stuttgart, aber auch in Freiburg, Ludwigsburg, Mannheim, Ravensburg und Mannheim Fuß.

Am vergangenen Mittwochmorgen nahmen Beamte des Spezialeinsatzkommandos gegen 4 Uhr einen für den 23 Jahre zurückliegende Mord in Strongoli Beschuldigten in seiner Wohnung in Bad Urach fest. Dem seien „umfassende Abstimmungen mit den italienischen Behörden und akribische verdeckte Ermittlungen“ unter der Federführung des Landeskriminalamtes vorausgegangen, heißt es in einer Pressemitteilung des Amtes. Mit an Bord waren auch Kriminalisten des Reutlinger Polizeipräsidiums, spätestens seit ihren gemeinsamen Ermittlungen mit dem FBI zu Cyberstraftätern vor einigen Monaten bestens in den USA vernetzt: Sie durchsuchten wegen der Verbindungen zur Kinderpornografie die Wohnung des Beschuldigten.

Aus der Politik kommt Kritik am Umgang mit der Mafia in Baden-Württemberg

Immer wieder brandete in den vergangenen Monaten in der Landespolitik der Streit auf, ob Baden-Württembergs Polizei genug dafür tut, dass Mafiosi den Südwesten nicht als Rückzugs- und Ruheraum missbrauchen und ausbauen. SPD-Generalsekretär und Innenexperte Sascha Binder sagt: „Das SEK und das Polizeipräsidium Reutlingen haben bei der Festnahme in Bad Urach hervorragende Arbeit geleistet. Die Festnahme bestätigt allerdings auch: Baden-Württemberg ist Hauptrückzugsort der Mafiosi in Deutschland und sie können unbehelligt hier leben. Auch in diesem Fall konnte die Festnahme nur aufgrund großer Unterstützung aus dem Ausland gelingen. Es ist überfällig, endlich mit eigenen Mitteln der Mafia im Land den Kampf anzusagen.“

Anfang Juni strahlte der SWR eine TV-Diskussion zwischen dem Sozialdemokraten und LKA-Präsident Andreas Stenger aus. Der gelernte Kripo-Mann verwies zwar darauf, dass sich in seinem Haus eine Zentralstelle für Finanzermittlungen zur Organisierten Kriminalität mit etwa 30 Beamtinnen und Beamten befinde. Er stimme sich aber noch mit Justiz- Finanz- und Innenministerium ab, um eine eigene Ermittlungsgruppe, eine Task Force, aufzubauen.

Beschuldigter bis zur Auslieferung in Untersuchungshaft

Aber, ergänzte Binder, anders als beispielsweise eine 70-köpfige Ermittlungsgruppe in NRW werde auch diese sich nicht ausschließlich mit der italienischen Mafia befassen, ergänzte Binder. Es fehle ein erkennbarer Schwerpunkt in der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität aus Italien. Von bundesweit 770 namentlich bekannten, in Deutschland lebenden Mafiosi lebten mehr als 170 in Baden-Württemberg, hatte Innenminister Thomas Strobl (CDU) im Mai in einer Landtagsdebatte gesagt. Zwar habe es im vergangenen Jahr 36 Verfahren gegen die Organisierte Kriminalität gegeben, davon jedoch nur drei gegen die italienische Mafia, räumte Strobl ein.

Der in Bad Urach gefasste mutmaßliche Mafia-Mörder soll an Italien ausgeliefert werden: Die Staatsanwaltschaft sucht ihn mit europäischem Haftbefehl. Das Oberlandesgericht Stuttgart hat bereits einen Haftbefehl zur Auslieferung ausgestellt. Bis dahin ist er in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim in Untersuchungshaft.

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