Magstadt: Gedenken an die Opfer vom September 1944 Als es Christbäume regnete

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Zum 70. Jahrestag des verheerenden Bombenagriffs gedenkt die Gemeinde den Opfern. Die 84 Jahre alte Zeitzeugin Hilde Seffert erinnert sich.

Die Aufnahme  vom Winter  1944/45 zeigt die Alte Stuttgarter Straße mit der ehemaligen Zehntscheuer, die völlig zerstört wurde (rechts). Das Alte Schulhaus (ganz links) blieb einigermaßen erhalten, daneben ist die  Gaststätte Hirsch zu sehen. Foto:  
Die Aufnahme vom Winter 1944/45 zeigt die Alte Stuttgarter Straße mit der ehemaligen Zehntscheuer, die völlig zerstört wurde (rechts). Das Alte Schulhaus (ganz links) blieb einigermaßen erhalten, daneben ist die Gaststätte Hirsch zu sehen. Foto:  

Magstadt - Einer der schwersten Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs im Großraum Stuttgart hat am 10. September 1944 Magstadt getroffen. 56 Menschen starben im Bombenhagel, 129 Gebäude wurden total zerstört, 343 schwer beschädigt. Damit war der Schrecken des Krieges aber noch lange nicht vorüber. Beim Einmarsch der Franzosen wurden zahlreiche Frauen vergewaltigt. Anlässlich des 70. Jahrestags befasst sich die Gemeinde mit den furchtbaren Ereignissen und gedenkt der Opfer. Auch die 84 Jahre alte Hilde Seffert hat die Angriffe der Alliierten aus der Luft erlebt und ist dem Tod nur knapp entronnen.

Sie wird in den Luftschutzkeller geschleudert

„Der 10. September war ein schöner Spätsommertag, ein Sonntag. Der Gottesdienst in der Kirche war gerade zu Ende. Ich befand mich auf dem Heimweg in die Weilemer Straße“, berichtet Hilde Seffert. Es seien die Sirenen losgegangen: „Das war nichts ungewöhnliches, sie gehörten zum Alltag.“ Doch dann hörte die damals 14-Jährige das Motorengeräusch der Bomber. „Ich wollte so schnell wie möglich in den Luftschutzkeller“, erinnert sich Hilde Seffert. Sie hatte bereits die Türklinke in der Hand. „Da krachte es hinter mir“. Hilde Seffert wurde in den Bunker geschleudert und fand sich zwischen anderen Schutzsuchenden wieder. „Sie haben alle vor Angst geschrien.“ In letzter Sekunde hatte sich Hilde Seffert retten können.

Zehn Minuten später sei es still geworden. Die Wände des Luftschutzkeller hatten gezittert, das Licht war ausgefallen. Jemand habe gerufen: „Raus“. Die Menschen tasteten sich die Bunkertreppe hoch, doch die Türe ließ wegen des davorliegenden Schutts nicht öffnen. „Nach einigen Minuten, die uns wie Stunden vorkamen, konnten wir durch einen Spalt in der Wand ins Freie kriechen“, schildert Hilde Seffert die bangen Momente. Was sie dann sah, kann sie auch jetzt nur mit Mühe beschreiben: „Alles war weg. Wo zehn Minuten vorher noch die Häuser standen, war nun einziges Trümmerfeld.“ Dreck und Staub wirbelten durch die Luft: „Die Sonne war nicht mehr zu sehen.“

„Nichts ist in Magstadt kriegswichtig gewesen“

Für sie und viele Magstadter stellt sich immer noch die verzweifelte Frage nach dem Warum. Auf den damals 3000 Einwohner zählenden, von Landwirtschaft geprägten Ort waren immer wieder Angriffe geflogen worden, „sodass es manchmal schon gar keine Entwarnung mehr gegeben hat“, berichtet Hilde Seffert. „Sie schossen aus der Luft auf uns. Kein Bauer auf dem Feld war sicher.“ In Magstadt habe es keinen Militärstützpunkt gegeben, nichts aber auch gar nichts sei irgendwie kriegswichtig gewesen. Später habe sie gehört, dass die Bombenangriffe von den Alliierten auch mit Notabwürfen gerechtfertigt worden seien. Wohl seien die Fliegerverbände von den Dächern des Mercedes-Werks in Sindelfingen aus ins Visier genommen und von der Stellung der Hitlerjugend beschossen worden. Doch in diesem Fall am 10. September seien zuerst Rauchbomben niedergegangen, die das Angriffsziel markierten. Es habe sich also um eine geplante Attacke gehandelt, erklärt die 84-Jährige. Wie auch nachts, wenn Leuchtkugeln die Vorboten eines Bombenabwurfs waren. „Sie haben den Himmel wie Christbäume erhellt“, hat Hilde Seffert noch vor Augen.

Ihr Haus war an jenem Sonntag stehen geblieben, das Dach war abgedeckt, die Fensterländen abgerissen. Sie und andere Magstadter versuchten, vor den Häusern mit ihren Händen den Schutt wegzuräumen, wo sie Verschüttete vermuteten. Doch fanden sie niemanden mehr. In der Traubenstraße, wo Hilde Seffert jetzt wohnt, sei der alte Herr Groß zusammengesunken unter einem Balken gesessen, der zu seiner Eingangstüre gehört hatte. „Als wir ihn hochziehen wollten,bemerkten wir, dass ihm ein Bein fehlte. Das lag auf der Straße.“ Die Beerdigung der Toten habe übrigens mehrmals verschoben werden müssen. „Weil die Flieger mit ihrer todbringenden Last pausenlos über uns kreisten“, fügt die 84-Jährige noch hinzu.

Bei Hilde Seffert sitzt der Schrecken noch tief

Peter Schöck vom Heimatgeschichtsverein Magstadt sammelt Fotos von damals. Er kennt ebenfalls unzählige Geschichten vom verheerenden Bombenangriff. Ein Nachbar berichtete ihm von dessen Großvater, der beim Vesper und einem Krug Most gesessen sei, als das halbe Haus wegflog und er sich im Freien befand. Dieser habe zu seinem Sohn, der Ortsgruppenleiter war, dann ironisch gesagt: „Das haben wir davon. Der Hitler hat uns luftige und sonnige Wohnungen versprochen.“

Das Grauen war damit aber noch nicht zu Ende. Als die Soldaten des vierten marokkanischen Regiments vom französischen Armeekorps am 20. April 1945 Magstadt stürmten, „betrachteten sie Frauen und Mädchen als ihre persönliche Beute“, schrieb der Magstadter Pfarrer Richard Tramer, von dem Hilde Seffert konfirmiert wurde, in sein Tagebuch. „Sie benahmen sich schlimmer als Tiere“, hielt Tramer fest. In dem damals kleinen Ort wurden 260 Frauen misshandelt und vergewaltigt.

Bei Hilde Seffert sitzt der Schrecken noch tief. „Ich habe Angst, einen Aufzug zu benutzen“, sagt sie. Sie halte es nicht aus, wenn sich eine Türe schließe. Dann bekomme sie Platzangst – wie im Luftschutzkeller, als sie eingeschlossen war.




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