Mangel an Kinderärzten und Erziehern Kümmern um die Kleinsten

In vielen Kindergärten fehlt das Personal Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

Eltern suchen händeringend nach Kinderärzten, Kitas müssen früher schließen: Die derzeitige Lage wird auf dem Rücken der Kleinsten ausgetragen. Es gibt viel zu verändern, meint Jan-Philipp Schlecht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Es waren sage und schreibe 52 Anrufe. So oft versuchte es die Renningerin Carmela Saggio bei Kinderarztpraxen im Kreis Böblingen – ohne Erfolg. Natürlich ging immer irgendjemand ans Telefon. Doch die Aufnahme ihres zweijährigen Sohnes Alessio in die Patientenkartei wurde ihr jeweils verwehrt. Man sei übervoll, so die Antwort unisono. Letztlich versicherte sie sich privat, fand einen Arzt im Stuttgarter Osten. Man kann sich die Fahrerei mit einem kranken Kind von Renningen einmal mitten durch die überfüllte Landeshauptstadt bildlich vorstellen. Und es ist keine schöne Vorstellung. Der Fall der 28-jährigen Mutter zeigt, dass in diesem System etwas gravierend falsch läuft.

 

Ausgequetschte Zitrone

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) berechnet den ärztlichen Versorgungsgrad mit einem völlig veralteten Modell von vor über 30 Jahren. Doch seit Anfang der 1990er Jahre hat sich die Welt weitergedreht. Kinder werden mehr geimpft, es finden mehr Vorsorgeuntersuchungen statt und überhaupt suchen junge Eltern mit ihrem Nachwuchs häufiger den Kinderarzt auf. Wie der Fall von Carmela Saggio eindrücklich zeigt, droht das derzeitige System unter dieser Last zusammenzubrechen. Im Kreis Böblingen ist die Lage zusätzlich verschärft: Zwei Kinderarzt-Sitze sind derzeit unbesetzt. Einer davon in Renningen. Ein Sprecher des Berufsverbands bringt es auf den Punkt: „Die Zitrone wird immer weiter gequetscht.“

Kein Wunder also, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte scheuen, eine eigene Praxis zu eröffnen. Noch dazu haben sie selbst häufig Kinder, um die sie sich kümmern wollen, statt täglich zwölf Stunden in der Praxis zu stehen. Neue Modelle sind also gefragt, Praxisgemeinschaften in geeigneten Räumen zum Beispiel. Dort können Ärzte besser in Teilzeit arbeiten, sich die Last der inzwischen immensen Gesundheitsbürokratie aufteilen. Vor allem aber tut eine Reform der von der KV vorgegebenen Versorgungssituation dringend Not. Die Zahl der Sitze reicht eindeutig nicht.

Lage in Kitas ebenfalls alarmierend

Wenig rosig ist die Lage auch bei der Betreuung des Nachwuchses, wenn dieser gesund ist. Kindertagesstätten müssen immer häufiger ihre Betreuungszeiten reduzieren, weil das Personal fehlt. Und wer einen neuen Platz ergattern will, sollte sich am besten schon mit der Geburt des Kindes auf die Warteliste setzen lassen, so angespannt ist die Lage. Auch hier ist die Infrastruktur vielerorts nicht in der gleichen Geschwindigkeit mitgewachsen, wie es die gesellschaftliche Entwicklung verlangt.

In Böblingen stehen derzeit rund 500 Kinder auf der Warteliste. Die Stadt könnte locker zwei weitere große Kitas füllen, allein es fehlt das Personal. Schon jetzt zahlt man kräftige Zulagen und wirbt in Südeuropa neue Fachkräfte an. Doch die Maßnahmen können die Not kaum lindern. Es bräuchte zusätzlich eine Flexibilisierung des Betreuungsschlüssels, um zumindest bei akuter Überlastung das Personal besser aufteilen zu können. Und die Anforderungen an die Ausbildung der Fachkräfte gehören gelockert. Denn letztlich geht der Personalmangel an den Kindern, deren Eltern und in letzter Konsequenz den Arbeitgebern raus.

Mehr Flexibilität vom Gesetzgeber

Wer selbst Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen muss, weiß, wie auf Kante genäht die Lage hier oft ist. Nur eine halbe Stunde weniger Betreuungszeit kann die gesamte Tagesplanung durcheinander bringen. Und wenn dann auch noch eine Grippe- oder gar Coronawelle durch die Kita rollt, wird es erst richtig happig. Der Gesetzgeber sollte also nicht auf der einen Seite die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordern, solange nicht die große Not bei der Betreuung und medizinischen Versorgung gelindert ist. Der Reformstau in diesen Bereichen ist gravierend.

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