Mannheim „Second Exile“ von Oliver Frljic bei den Schillertagen

Hannah Müller, Anne-Marie Lux, Boris Koneczny, Linda Begonja, Fabian Raabe, Enes Salkovic, Jacques Malan Foto: Christian Kleiner
Hannah Müller, Anne-Marie Lux, Boris Koneczny, Linda Begonja, Fabian Raabe, Enes Salkovic, Jacques Malan Foto: Christian Kleiner

Mit einer Endzeit-Performance von Signa sind die Schillertage gestartet. Mit der Jetztzeit-Performance „Second Exile“ von Oliver Frljic haben sie am Wochenende ihr überzeugendes Finale gefunden.

Leben: Nicole Golombek (golo)
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Mannheim - Auslastung: 97 Prozent. Fast alle Vorstellungen der 19. Mannheimer Schillertage waren ausverkauft. Eine Quote wie bei Wahlen im Sozialismus. Einer Staatsform, in der Regisseur Oliver Frljic seine Kindheit verbracht hat, bis die Menschen beschlossen, dass sie besser ohne einander leben. Jugoslawien in Einzelrepubliken zu zerschlagen, dauerte fast zehn Jahre, es gab hunderttausende Tote, Vergewaltigte, Vertriebene. Auch das war Thema von „Second Exile“, einer Uraufführung zum Abschluss des Festivals.

Burkhard C. Kosminski, Schauspielchef in Mannheim, hat die alle zwei Jahre stattfindenden Schillertage jetzt zum letzten Mal geleitet. Der designierte Intendant des Staatsschauspiels Stuttgartverabschiedet sich mit einem riesigen Erfolg. Er hat in Gastspielen Inszenierungen renommierter Regisseure gezeigt (Michael Thalheimer, Stefan Bachmann), mit Workshops den Theaternachwuchs nach Mannheim gelockt und mit neuen Produktionen Gespür für virulente Themen bewiesen. Zum Auftakt involvierte die Gruppe Signa mit „Das Heuvolk“ das Publikum in eine Sekten-Endzeit-Performance. Zum Finale hat Kosminski jetzt mit Oliver Frljic einen umstrittenen und gefragten Regisseure verpflichtet. Beide Arbeiten umkreisen religiösen Wahn (der zu Fragen wie Terror und Freiheit führt) und sind damit auch dem Schillertage-Motto „Nach der Freiheit“ verpflichtet.

In seinem Stück „Fluch“ hat sich Frljic mit der katholischen Kirche angelegt

Oliver Frljic floh 1991 als 16-Jähriger aus Bosnien ins kroatische Split, lebte Mitte der 90er Jahre für kurze Zeit als Asylbewerber in Deutschland, kehrte zurück nach Kroatien, wurde Theaterdirektor in Rijeka, flüchtete jetzt wieder nach Deutschland. Fluchtgeschichte konkret im Hier und Heute. Beziehungsweise im Nebenan - den EU-Ländern Kroatien und Polen - und Heute: zuletzt im Februar 2017. Sich in einem Stück wie „Fluch“ mit der katholische Kirche anzulegen, führte zu heftigen Demonstrationen vor dem Theater im polnischen Warschau. Am Theater im kroatischen Rijeka eine Pace-Flagge statt der Landes-Flagge am Nationalfeiertag zu hissen, um darauf hinzuweisen, dass das Land Minderheiten und sexuelle Vielfalt nicht wirklich toleriert, hatte bösere Folgen: Todesdrohungen, Einbrüche in die Wohnung. Frljics biografisch angelegter Abend „Second Exile“ erzählt davon. Aber erstaunlich und beeindruckend: mit Witz, Ironie und tieferer Bedeutung.

Dem Regisseur eilt der Ruf eines Provokateurs voraus. Er macht dies zum Thema, zuweilen erschreckend selbstquälerisch. Er zeigt, es gibt keinen Ausweg aus dem Dilemma, wenn er Schauspieler darüber spekulieren lässt, ob er nur sein Ego aufpoliert und Profiteur der Skandale wird. Enes Salkovic, hier als Stellvertreter für den Regisseur, wird gefesselt und befragt, wie er es findet, dass sein Sohn in Kroatien wegen seiner betont staatskritischen Haltung beschimpft wird, während er hier in Deutschland an Theatern arbeitet. Enes Salkovic desavouiert ihn als einen, der positiv diskriminiert, der Regisseur habe ihn nicht engagiert, weil er ein guter Schauspieler sei, sondern weil er Moslem ist. Jedenfalls, sagt er, sei das ja schon eine Beleidigung, zuckt mit den Schultern und bekennt nonchalant pragmatisch: „Aber hey, ich verdiene hier mehr als daheim. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich davon profitiere, ein Moslem zu sein.“ Wobei seine Religionszugehörigkeit freilich an dem Abend keinerlei weitere Rolle mehr spielt.

Der Regisseur will zeigen, welche theatralen Mittel sich verbraucht haben

Frljic nutzt brachiale Mittel und plakative Szenen auch um zu zeigen, welche theatralen Mittel sich verbraucht haben. Billige semierotische Fummelaktionen etwa entpuppen sich als Vorlagen für andere Szenen, in denen sich Schauspieler genau darüber mokieren.

Die biografischen Erzählungen erinnern an öffentliche Beichten, wie sie beispielsweise an Marienfesten in katholischen Kirchen Osteuropas vor großem Publikum praktiziert werden. Schuld wird verhandelt, um den Opferstatus gerungen. Die Schauspielerin Anne-Marie Lux berichtet von Kindesmissbrauch, Alkoholismus, Depression. Boris Koneczny, Fabian Raabe, Hannah Müller geraten in Wut über Rollenklischees, über Heuchelei im Theaterbetrieb – zur Zeit der Wende in Ostdeutschland oder heute, wo man als Schauspieler ohne ganz eigene Katastrophengeschichte fürchtet, zu einer unerwünschten Minderheit zu werden. Jacques Malan gibt eine eindrückliche Geschichtslektion, die sich von den religiöser Verfolgung der Hugenotten bis zur Apartheid in Südafrika erstreckt.




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