Als vor drei Jahrzehnten in Baden-Württemberg die Legislaturperiode von vier auf fünf Jahren verlängert wurde, geschah dies mit dem Anspruch, mehr wahlkampfbefreite Zeit zum Regieren zu gewinnen. Schon damals gab es warnende Stimmen. Dann beginne der Wahlkampf eben nicht ein Jahr vor der jeweils nächsten Landtagswahl, sondern zwei Jahre vorher. Und siehe da: So ist es gekommen.
Die grün-schwarze Koalition unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist bis 2026 im Amt, aber schon läuft sich der CDU-Jungstar Manuel Hagel warm. Und weil Hagel Realist ist, stellt er sich als Gegner auf den populärsten Politiker ein, den die Grünen nach Kretschmann aufbieten können: Cem Özdemir. Bereits jetzt wird in der Stuttgarter CDU-Zentrale jeder Atemzug des Bundesagrarministers protokolliert und jeder seiner Schritte einer strategischen Analyse unterzogen.
Der Landesparteichef verlegt sich vorerst darauf, die Traditionsbataillone der CDU um sich zu scharen. Doch als Landjunker mit Jägern, Waldbesitzern und Bauern im Rücken wird er keinen Erfolg haben. „Unsere Bauern“, postet er bei jeder Gelegenheit in den sozialen Medien. Nein, es sind nicht „unsere Bauern“. Es handelt sich um schwer arbeitende Menschen, deren berechtigte Einkommensinteressen unter den Bedingungen der herrschenden Agrarordnung weder mit dem Artenschutz noch mit dem Klimaschutz und auch nicht mit dem Wasserschutz korrespondieren. Das ist im Geschrei um die Bauernaufmärsche untergegangen, dringt aber allmählich ins Bewusstsein einer wankelmütigen Öffentlichkeit.
Auch fangen die kulturkämpferischen Kalauer à la „Ich lasse mir meine Rote Wurst nicht verbieten“ bereits an, ranzig zu werden. Manuel Hagels neuester Geniestreich („eine Art Ewigkeitsgarantie für die Schuldenbremse“) birgt ebenfalls Risiken: So schnell kann Hagel gar nicht gucken, wie Friedrich Merz bei Bedarf die Schuldenbremse lockern wird, sollte er tatsächlich Bundeskanzler werden. Und was die Südwest-CDU angeht: Sie ist beim Sparen bisher mit Sprüchen, nicht mit Taten aufgefallen.
Hagel will sich profilieren, sein wahrscheinlicher Kontrahent Özdemir sucht eher die Deckung. Bekannt ist er schon. Er braucht einen Rest an Beinfreiheit als Bundesminister. Mit seiner Biografie als schwäbisch sozialisiertes Migrantenkind mit grüner Agenda taugt Özdemir als Projektionsfigur für all jene, die dem Trend der Zeit – Rückfall in Klimaignoranz und fossiles Wirtschaften, Sozialabbau und Ethnonationalismus – ablehnen. Allerdings wollen die Grünen Özdemirs glorreiche Epiphanie im Land hinauszögern, schließlich soll Kretschmann noch zwei Jahre regieren. Und dies unbehelligt. Könige dulden keine Nebenkönige.