Herr Schnatterer, wie und wo haben Sie den Wahnsinn am letzten Zweitligaspieltag erlebt?
Ich bin mit meinem Team von Waldhof Mannheim gerade auf Mallorca und habe es hier – auch unter zahlreichen Fans des Hamburger SV – am Fernseher miterlebt. Mehr geht nicht! Der Aufstieg ist absolut verdient.
Der FCH ist jetzt Bundesligist – wie hört sich das für den einstigen „Mister Heidenheim“ an?
Ich gebe zu: Wenn ich mir anschaue, wer da alles sonst noch in der Bundesliga spielt, dann ist es doch schon sehr ungewohnt, nun auch den FCH in dieser Liste zu sehen.
Aber . . .
. . . es ist einfach auch ein sehr verdienter Erfolg, der nicht unbedingt überraschend kommt.
Warum nicht? Der FCH ist ein kleiner Verein, da gibt es selbst in der zweiten Liga ganz andere Schwergewichte.
Aber wenn man sich die Entwicklung in Heidenheim über die vergangenen Jahre anschaut, wenn man sieht, wie nachhaltig dieser Prozess Schritt für Schritt gestaltet wurde, dann war es eigentlich nur eine logische Konsequenz, dass irgendwann auch dieser letzte Step gelingen wird.
Sie waren 13 Jahre lang Teil dieses Prozesses. Warum war in dieser Form möglich?
Natürlich kommt man bei der Suche nach den Gründen an den beiden prägendsten Figuren des Clubs nicht vorbei.
Sie meinen den Vorsitzenden Holger Sanwald, der seit 1994 dabei ist, und Frank Schmidt, der seit 2007 Cheftrainer ist.
Genau. Das Zusammenspiel der beiden ist der elementare Grund für den Erfolg des Vereins. Holger Sanwald hatte die Idee, die Vision – und hat sich von ihr auch nicht abbringen lassen, wenn es mal nicht ganz so gut lief. Und Frank Schmidt als Trainer des FCH – das hat schlicht wie die Faust aufs Auge gepasst. Von Anfang an.
Trotzdem ist es etwas Besonderes, dass ein Cheftrainer so lange bei einem Verein tätig ist.
Absolut. Aber das zeigt doch: In Heidenheim wird nicht nur von langfristiger gemeinsamer Arbeit gesprochen – sie wird tagtäglich gelebt. Man feiert zusammen Erfolge, legt, wenn es mal schwierig wird, aber auch offen und ehrlich den Finger in die Wunde. Diese geschlossene Einheit neben dem Platz hat dann auch wieder Auswirkungen auf die sportliche Entwicklung einer Mannschaft. Es wird nicht ständig alles über den Haufen geworfen, stattdessen strahlen die Verantwortlichen eine große Ruhe aus.
Besondere Spielertypen für den FCH
Allein dadurch fallen noch keine Tore.
Das stimmt. Aber wenn man sich in der Ausrichtung des Clubs und der Mannschaft einig ist, weiß man auch stets genau, welche Typen gefordert sind. Da legen die Heidenheimer bei der Kaderzusammenstellung schon auch großen Wert drauf.
Bedeutet: Nicht jeder Profi ist geeignet für den Standort Heidenheim?
Ich will es so beantworten: Ein Spieler kann überragende Fähigkeiten haben, und dennoch kann es sein, dass die Verantwortlichen des FCH zu dem Schluss kommen, dass es eben nicht passt. Da wird wohlüberlegt gehandelt, sodass sich ein Gerüst bilden kann, das dann über Jahre für den Verein spielt. Dass immer wieder die Besten den Club verlassen haben, konnte so meist sehr gut aufgefangen werden.
Welche Typen sind es also, die nach Heidenheim passen?
Das Wichtigste war und ist: Der FCH holt meist junge Spieler, die hungrig sind. Die brennen, die weiterkommen wollen – und die daher bereit sind, die vom Trainerteam gestellten hohen Anforderungen zu erfüllen. Wer den Heidenheimer Weg nicht mitgehen möchte, sollte so ehrlich sein und dann auch nicht zum FCH wechseln.
Was macht diesen sportlichen Weg aus?
Viel harte Arbeit. Unglaublicher Zusammenhalt. Eine gute Mentalität. Hohe Laufbereitschaft. Der Wille, immer an die Grenze zu gehen. All das wird jeden Tag, in jedem Training eingefordert. So kommt am Ende natürlich auch die spielerische Komponente zum Tragen.
In der Bundesliga werden die Anforderungen höher. Muss der 1. FC Heidenheim die bisherige Herangehensweise nun überdenken?
Aus meiner Sicht wäre das nicht Heidenheim-like. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es plötzlich ein krasses Umdenken gibt und der FCH irgendwelche verrückten Dinge macht. Wobei man sich natürlich schon auf einem anderen Level nach Neuzugängen umschauen wird als bisher. An der grundlegenden Philosophie wird das aber nichts ändern.
Mal abgesehen von der Mannschaft – ist das Umfeld in Heidenheim denn bereit für Liga eins? In der zweiten Liga oben mitzuspielen hat die Menschen an der Brenz ja auch glücklich gemacht.
Wenn man sich die Größe der Stadt, das Stadion und das Umfeld anschaut, kann man natürlich zu dem Schluss kommen: Dafür ist die zweite Liga die perfekte Umgebung. Aber noch mal: Mit Blick auf den Prozess der vergangenen Jahre kommt der Aufstieg nun schon auch recht. Und ich bin sicher: Die Leute, die nun sagen, wir würden lieber in der zweiten Liga bleiben – die hätten auch gemotzt, wenn es nicht geklappt hätte. (Lacht) Und ich sehe sie bestimmt bald trotzdem im Stadion wieder.
Reicht es zum Klassenverbleib?
Apropos Stadion. Es gibt die bauliche Möglichkeit, die Kapazität der Voith-Arena deutlich zu erhöhen. Muss das nun gleich geschehen?
Wenn dir einer garantiert, dass der Umbau innerhalb eines Monats erledigt ist, dann gerne. Ansonsten freue ich mich eher auf eine alle zwei Wochen mit 15 000 Zuschauern ausverkauften Arena. Wenn das erste Jahr in der Bundesliga gut gelaufen ist, kann man sich über alles weitere Gedanken machen.
Vor drei Jahren war der FCH schon einmal nah dran gewesen an der Bundesliga. Nach zwei Unentschieden scheiterten Sie damals nur wegen der Auswärtstorregel an Werder Bremen.
Das war für mich persönlich natürlich bitter damals, weil wir zwei wirklich ordentliche Auftritte gezeigt haben. Aber seitdem hat sich der Club noch einmal weiterentwickelt, ganz nach dem Motto: Stillstand ist Rückschritt. Und ich komme im Sommer ja auch wieder zurück nach Heidenheim und freue mich extrem, dass ich die Bundesliga dann bei meinem Verein in einer anderen Rolle, aber dennoch hautnah miterleben darf.
Freuen Sie sich auf einen Gegner ganz besonders?
Wir haben gegen viele namhafte Vereine ja schon gespielt in den vergangenen Jahren – in der zweiten Liga, im Pokal, in Testspielen. Das Besondere wird nun sein, dass wir alle zwei Wochen solche Gegner in Heidenheim zu Gast haben. Ich freue mich auf jedes dieser Heimspiele – und muss sagen: Da wird auf der Ostalb ein Traum wahr.
Hat der FCH das Zeug, den Klassenverbleib zu schaffen?
Man hat ja in dieser Bundesligasaison gesehen, wie viele Mannschaften sich schwertun. Von daher traue ich dem FCH auf jeden Fall zu, seine Saison zu spielen, in der sie bis zum Ende um den Klassenverbleib kämpfen. Und auch, dass sie dann zwei oder drei Mannschaften hinter sich lassen können.
Wäre denn dies wenigstens eine Überraschung?
(Lacht) Für Heidenheim wär’s eine Sensation.
Mister Heidenheim
Talent
Im November 1985 wird Marc Schnatterer in Heilbronn geboren, er wächst in Neckargartach auf. Beim TSV Bönnigheim begann er, Fußball zu spielen. 1998 wechselte der offensive Mittelfeldspieler in die Jugend des VfB Stuttgart, seine aktive Karriere begann dann aber beim SGV Freiberg. Nach zwei Jahren beim Karlsruher SC II ging er 2008 zum 1. FC Heidenheim.
Kapitän
Mit dem FCH stieg der langjährige Kapitän von der Oberliga bis in die zweite Liga auf. In insgesamt 457 Pflichtspielen für den Club von der Ostalb erzielte er 121 Tore. Im Sommer 2021 wechselte er zum Drittligisten Waldhof Mannheim, wo er nun seine Karriere beendet. Als Nachwuchstrainer und Clubrepräsentant kehrt der Familienvater dann nach Heidenheim zurück.