„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein“ – die Zeilen aus einem Gedicht des Lyrikers Rudolf Otto Ziemer ist eines der Zitate, die nachhallen nach der rund eineinhalbstündigen Veranstaltung mit Margot Käßmann. Die ehemaligen Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Landesbischöfin von Hannover zieht heute immer noch viele in ihren Bann, wie auch die mit knapp 400 Gästen sehr gut besuchte Deckenpfronner Gemeindehalle am Freitagabend zeigte.
Ein Grund: Die Nahbarkeit der Theologin und Autorin, die laut Ankündigungstext „zu den glaubwürdigsten und prominentesten Frauen Deutschlands“ zählt. Auch in der Wahl der Bühne spiegelte sich diese Nähe zu ihren Mitmenschen wider: Die normale Hallenbühne an der Kopfseite blieb verwaist, stattdessen war ein niedriges Podest an der Längsseite der Halle, um das die Stuhlreihen in U-Form angeordnet waren, in Scheinwerferlicht getaucht.
„Besuch. Geburt. Hirten.“ – so lauteten die drei Szenen mit Engeln aus der biblischen Weihnachtsbotschaft des Lukasevangeliums, die Margot Käßmann in Bezug zum aktuellen Weltgeschehen und Themen wie Armut, Flucht und Vertreibung setzt. Das tat sie in dem Format, das sie „Konzertmeditation“ nennt, nicht allein, sondern gemeinsam mit dem Blockflötisten und Komponisten Hans-Jürgen Hufeisen sowie dem Pianisten Thomas Strauß als dessen musikalischem Begleiter. Hufeisen nahm in seinem Flötenspiel die Worte und Gedanken Margot Käßmanns in seinen Melodien auf. Mal als Antwort, mal als hintergründige Untermalung, entspann sich so ein Dialog zwischen Worten und Musik. Manchmal geheimnisvoll verfremdet, fast flüsternd interpretierte Hufeisen dabei eigentlich bekannte Kirchen- und Weihnachtsmelodien, ein anderes Mal unterstreicht er mit einem beschwingt gespielten „Kommet ihr Hirten“ die Eile der Hirten auf dem Weg nach Bethlehem, nachdem ihnen des Herrn Engel auf den Feldern die Botschaft „Fürchtet Euch nicht!“ verkündet hatte.
„Eine Frau, ein Mann, ein Kind, die nichts haben, Habenichtse“, so beschrieb die 65-Jährige die Geschehnisse im Stall von Bethlehem: „Diese Geburt verändert alles.“ Friede, so die bekennende Pazifistin, die Waffenlieferungen in Kriegs- und Krisengebiete grundsätzlich ablehnt, könne entstehen, wenn Menschen offen seien für andere, Freude an Vielfalt hätten und aufhörten, ihre Mitmenschen in Kategorien einzusortieren. Auch wenn es Angst, Not und Vertreibung gebe: „Die Sehnsucht nach Frieden lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Sie klingt immer wieder durch“, gibt Käßmann ihrem Publikum mit auf den Weg.
Nach rund eineinhalb Stunden endete der Abend, der nicht nur nachdenklich war, sondern an dem auch gelacht wurde – unter anderem über das mit Zitaten, die viele Familien wohl selbst von Heiligabend kennen, augenzwinkernde Gedicht „Weihnachten zu Hause“ aus der Feder von Agnes Hüfner – mit lang anhaltendem Beifall – und einer besonderen Zugabe: Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“, gesungen von allen gemeinsam. Schon zuvor waren dreimal die Sangeskünste und Textkenntnisse des Publikums bei „Macht hoch die Tür“, „Es ist ein Ros entsprungen“ sowie „Ich steh an deiner Krippen hier“ gefragt.
So ein Abend, an dem sie Menschen, die sich um die Zukunft sorgen oder Existenzängste hätten, Ermutigung geben könne, „erfreut mir selbst das Herz“, beschreibt Käßmann bei einem Gespräch in der Künstlergarderobe vorab ihren Antrieb. Daher möchte die 65-Jährige, die inzwischen kürzergetreten ist und ihre regelmäßigen fixen Termine wie ihre Zeitungskolumne und einen Podcast aus ihrem Kalender gestrichen hat, die acht Konzertmeditationen in der Adventszeit – Deckenpfronn war die siebte Station – nicht missen. Hans-Jürgen Hufeisen kenne sie schon seit rund 40 Jahren, blickte sie zurück. Vor „gut zehn Jahren“ hätten sie festgestellt, dass die auf der Bühne gut harmonieren. Damals hätten sie zu Käßmanns Buch „Sehnsucht nach Leben“ die erste Konzertmeditation entwickelt.
Und Weihnachten? Das wird im Hause Käßmann – schon aus Platzgründen –, Margot Käßmann hat vier Töchter und ist inzwischen siebenfache Großmutter – „in Etappen gefeiert“: „Früher sind alle zu mir gekommen. Heute reise ich“, gab Margot Käßmann lächelnd bereitwillig einen Einblick in ihr Familienleben.