Margeritenhaus in Nürtingen In dieser Villa entsteht eine WG für junge Mütter

In diesem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus aus den 1960er Jahren wollen Constanze und Stephan Ruthardt bald jungen Müttern ein neues Zuhause anbieten. Foto: Ines Rudel

Ein junges Paar aus Stuttgart schafft in einer Nürtinger Villa Wohnraum für Mütter in Not. Die künftigen Bewohnerinnen sollen dort ambulant betreut werden. So sieht es in den neu eingerichteten Räumen aus.

Region: Corinna Meinke (com)

Aus einem Lost place in Nürtingen wollen Constanze und Stephan Ruthardt ein Zuhause für junge Mütter und deren Kinder machen. Entstehen soll ein Rückzugsort, in dem seelisch, psychisch oder gesundheitlich belastete junge Frauen Hilfe und Begleitung erfahren. Eine Idee, die in Nürtingen auf großes Interesse stößt, wie Ruthardts berichten. Seitdem die Idee publik wurde, erfahren sie eine große Welle der Hilfsbereitschaft.

 

Vieles ist gespendet worden

„Das sind alles gespendete Möbel“, sagt die Geschäftsführerin Constanze Ruthardt, die die gemeinnützige Unternehmergesellschaft Future-Up Margeritenhaus für die ambulante Betreuung gegründet hat, während das Haus von einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts getragen wird. Ruthardt zeigt auf den großen massiven Esstisch mit gedrechselten Beinen samt den passenden Stühlen dazu. Nebenan verbreitet eine mit goldfarbenem Velours bezogene Stilmöbelgarnitur eine behagliche Atmosphäre in dem großzügig bemessenen Wohnzimmer, und sogar ein Klavier steht für die künftigen Bewohnerinnen bereit. Ein mit Mosaiken verzierter Brunnen neben einem Wasserbecken, in dem sich früher vermutlich einmal Goldfische tummelten, erzählen von einer großbürgerlichen Vergangenheit des Gebäudes.

Auf einem Teppich vor der Terrassentür warten nun Spielsachen, Kuscheltiere und ein Schaukelpferd auf kleine Entdeckerinnen und Entdecker, von denen die ersten bereits im März oder April einziehen können. Bewerbungen würden ab sofort angenommen, sagt die Betreiberin.

Das Haus sei ein Glücksfall, berichten die 31-jährige Erzieherin und ihr 34-jähriger Ehemann, der in der Softwarebranche im Vertrieb arbeitet. Zwei Jahre lang hat das Paar aus Stuttgart-Birkach nach der passenden Immobilie in der Region Stuttgart gesucht. In Nürtingen wurden die beiden fündig und stießen auf eine verständnisvolle Vermieterin, die nicht nur einen Mietnachlass gewährt und Umbauten toleriert, sondern auch noch eine Rampe bauen lassen will, damit die Mütter mit ihren Kinderwagen direkt zum Eingang gelangen können.

Fachkräfte werden die Mütter beraten

Noch führt zu dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus aus den 1960er Jahren mit 370 Quadratmeter Wohnfläche und dem großen Garten nur eine breite Außentreppe, die ein hilfsbereiter Nachbar mit einem Hochdruckreiniger von der Patina der Vergangenheit befreit hat. Sechs oder sieben Jahre lang stand das Haus leer. Jetzt soll neues Leben einziehen. Die ersten Zimmer der künftigen Mütter-WG sind bereits mit weiteren Spenden möbliert, und nebenan machen Handwerker das Badezimmer wieder flott. Auch im Unter- und Obergeschoss sollen Duschbäder eingerichtet werden.

Das Wohnzimmer ist schon eingerichtet. Foto: Ines Rudel

„Eigentlich fehlen nur noch ein paar Betten, Teppiche, Bettwäsche und Handtücher“, sagt die Erzieherin, die jungen Müttern in einer Krise ein eigenständiges Leben ermöglichen möchte. Gewalt, eine zerrüttete Ehe und Familienprobleme können alleinerziehende Frauen stark belasten. Hier, im künftigen Margeritenhaus, sollen sich pädagogische Fachkräfte um bis zu neun volljährige Klientinnen kümmern, sie im Alltag, bei der Erziehung und bei Behördengängen unterstützen. Vor allem ganz junge Frauen, die schwanger werden, fehle oft der nötige Rückhalt, erklärt Ruthardt, die selbst mit 16 Jahren zum ersten Mal Mutter wurde und trotz Partner mit manchen Vorbehalten zu kämpfen hatte.

Neben einer Standortleiterin und einer weiteren pädagogischen Fachkraft wird auch eine Hauswirtschafterin dort arbeiten. Im Gegensatz zur stationären Langzeitunterbringung in anderen Mutter-Kind-Häusern ist das neue Nürtinger Mütterhaus als ambulante Einrichtung konzipiert, erklärt die Geschäftsführerin, die dafür die besagte gemeinnützige Unternehmergesellschaft Future-Up Margeritenhaus gegründet hat.

„Ich wollte schöne und große Räume für die Mütter“, so begründet Ruthardt ihre Entscheidung, mit ihrem Projekt nicht unter das Dach eines großen Trägers zu schlüpfen. Zu viele Vorschriften und Reglementierungen seien damit verbunden. Zwei Jahre lang habe sie sich bei ihrem Lizenzgeber Netzwerk Future-Up Unit unter dem Dach einer Berliner Consulting-Gesellschaft weitergebildet sowie sich rechtlich und steuerlich beraten lassen, erklärt die Geschäftsführerin.

Therapiekühe sollen angeschafft werden

Neben den Einzelzimmern bietet das Haus Platz für die Büros von Future-Up, für eine Gemeinschaftsküche und Aufenthaltsräume. Ergänzt wird das Angebot von einem großen Garten, den die Ruthardts momentan mit Hilfe ihrer Eltern herrichten, damit dort Platz für einen Spielbereich und bald zwei Therapiekühe entsteht. Und wenn das Konzept aufgeht, können sich Ruthardts auch noch zwei Tinyhäuser auf dem Gelände vorstellen, in denen junge Mütter noch mehr Selbstständigkeit leben könnten.

Ein Netzwerk soll entstehen

Hilfe
 Die künftigen Bewohnerinnen sollen im Mütterhaus ambulant beraten werden. Dazu zählen neben einer Mutter-Kind-Beratung die Ambulante Erziehungshilfe, Sozialpädagogische Einzelfall- und Familienhilfe auf Basis des Sozialgesetzbuchs Nummer acht. Dazu gehört laut Betreiberin auch die Klärung der sozialrechtlichen Einordnung sowie Art und Umfang des jeweiligen Hilfebedarfs, der in einem Hilfeplan festgelegt wird.

Finanzierung
 Die Bewohnerinnen der Mütter-WG bezahlen Miete. Wenn Anspruch auf Bürgergeld oder Wohngeld besteht, übernimmt das Jobcenter die Kosten.

Partner Das Mütterhaus strebt die Zusammenarbeit an mit dem Tagesmütterverein, Ärzten, Therapeuten und Psychologen,Geburtskliniken, Jugendämtern und Behörden, Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, Zentren der beruflichen Förderung sowie Vereinen und Freizeiteinrichtungen.

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