Jahrzehntelang hat die protestantische Pfarrerin Pionierarbeit geleistet. Sie stand im Rampenlicht und unter Beobachtung – mal, weil sie die Jüngste, oft, weil sie die erste Frau war: 1983 im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen, als Gemeindepfarrerin, Studienleiterin, 1994 als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Mit 41 Jahren wurde sie Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, 2009 zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und 2012 zur Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 berufen.
Keine Berührungsängste
Doch nicht Titel und Ämter haben die promovierte Theologin bekannt und beliebt gemacht. Wenn sie bei Evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen predigt, diskutiert oder liest, müssen die Hallen oft wegen Überfüllung geschlossen werden. „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung“, habe Jesus den Aposteln als Auftrag gegeben, heißt es im Markusevangelium. Käßmann gelingt es mit ihrer natürlichen Art und verständlichen Sätzen, die christliche Botschaft zu den Menschen zu bringen. Dabei zeigt sie keinerlei Berührungsängste: Sie spricht mit Kindern und Jugendlichen, besucht Kranke und Alte, macht sich für die stark, die oft ausgegrenzt und übersehen werden.
Wie schnell Menschen fallen können, hat sie am eigenen Leib erfahren – nur wenige Monate nach ihrer Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden, dem Höhepunkt ihrer Karriere. Unter Alkoholeinfluss überfuhr sie eine rote Ampel und wurde von der Polizei gestoppt. Obwohl ihr die Kollegen im EKD-Rat das Vertrauen aussprachen, trat sie von ihren Kirchenämtern zurück. Sie bereue ihren Fehler zutiefst, erklärte sie, „kann und will aber nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind“. Schon zuvor hatte sie Krisen durchlebt: 2006 war sie an Krebs erkrankt, 2007 wurde ihre Ehe geschieden.
„Bischöfin der Herzen“
Dass sie eigene Nöte und Niederlagen nicht verschwieg oder beschönigte, sondern darüber sprach und schrieb, hat ihr Bewunderung und Kritik eingetragen. Für manche wurde die zierliche Frau zur „Bischöfin der Herzen“, andere warfen ihr Selbstdarstellung vor. Von Vorbehalten und Widerständen hat sich die Tochter einer Krankenschwester und eines Automechanikers nie entmutigen lassen. In ihrer ersten Kirchengemeinde durfte sie sich mit ihrem Mann die Pfarrstelle nicht teilen – wegen der Kinder. Also schrieb sie eine Doktorarbeit über „Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche“. Auch bei ihrer Kandidatur um das Bischofsamt stieß sie auf Hürden. Das schaffe sie als Mutter von vier Kindern nicht, sagte ihr ein Altbischof. Bei ihrem Gegenkandidaten, Vater von fünf Kindern, war das kein Thema. Von ihrer Mutter habe sie gelernt, sich nicht wegzuducken, erzählt sie, von der Großmutter das Vertrauen: „Wenn der liebe Gott jemandem ein Amt gibt, dann gibt er ihm auch die Kraft, das auszuführen“, sagte diese. Dass andere an sie geglaubt hätten, habe ihr viel Kraft gegeben.
Besonders in schweren Zeiten. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hatte Käßmann als EKD-Ratsvorsitzende in ihrer Neujahrspredigt 2010 erklärt und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Sie habe doch keine Ahnung und solle sich heraushalten, wurde ihr entgegengeschleudert.
Zu Missständen zu schweigen fällt ihr schwer. Geprägt hat sie als Schülerin ihr Aufenthalt in den USA. Für weiße Kinder gab es beste Bildung, schwarze Kinder hingegen konnten gute Schulen nur besuchen, wenn sie besonders begabt waren und ein Stipendium erhielten. Das empörte sie. Auch bei ihren Reisen für den Ökumenischen Rat und als Reformationsbotschafterin begegnete sie viel Ungerechtigkeit. Dass Kirchenvertreter Unrecht anprangern, passt nicht allen. Sie sollten sich weniger um die Politik und mehr um das Eigentliche kümmern, hat auch Käßmann oft zu hören bekommen. „Die Bibel lässt sich nicht in eine private Nische pressen oder zur Beruhigung der Gemüter benutzen“, entgegnete sie in ihrer Kolumne in der „Bild am Sonntag“ nach Kritik an ihren angeblich zu politischen Weihnachtspredigten. „Sie erzählt von Gott, von Jesus und dem Glauben und Leben der Menschen. Das ist manchmal sehr persönlich, aber oft auch politisch, weil es in der Politik eben auch um Menschen und ihr Leben geht.“
Anfeindungen wegen Flüchtlingen
Etwa um Flüchtlinge. Dass sich viele Kirchengemeinden für Asylsuchende einsetzen und diese bei der Integration unterstützen, macht sie froh. Dem Fremden Schutz zu bieten sei ein christliches Gebot. Als sie beim Kirchentag 2017 das familienpolitische Programm der AfD wegen Ausländerfeindlichkeit kritisierte, machte die Partei mit einem falschen Zitat Stimmung gegen sie, Hassmails und Drohungen folgten. Viele löschte sie, auf einige ging sie ein, andere leitete sie an die Staatsanwalt weiter. Es gehe nicht um sie, sagt sie – sondern darum, die Hetze zu stoppen. „Wir dürfen Antisemitismus, Rassismus und die Diffamierung von Muslimen nicht zulassen.“ Dieses Gift bedrohe die Demokratie.
Mit Sorgen verfolgt sie daher den Streit zwischen der CDU und der CSU. „Markige Sprüche auf Kosten von Menschen von sich zu geben, die auf der Flucht sind – ich denke, das zahlt sich nicht aus, sondern führt zu einer weiteren Verrohung“, sagt sie mit Blick auf die CSU. „Eine Partei, die sich christlich nennt, sollte auch Nächstenliebe und Barmherzigkeit üben und sich ihrer Verantwortung bewusst sein.“
„Wirtschaft verdient an Kriegen“
Stattdessen müsse mehr getan werden, um die Fluchtursachen zu bekämpfen und um die sozialen Probleme hierzulande zu lösen. „Wenn wir unsere Militärausgaben erhöhen und die Rüstungsexporte in Krisenregionen steigern, verdient unsere Wirtschaft insgesamt an den Kriegen“, sagt sie. „Die Menschen, die vor diesen Kriegen fliehen, stehen dann als Geflüchtete vor unserer Tür.“ In Deutschland sieht sie vor allem die Pflege als große Aufgabe. Und die Verbesserung von Bildung und Betreuung. Wie schwer Kinder und Beruf noch immer zu vereinbaren sind, erlebt sie bei ihren Töchtern. Daher will sie im Notfall einspringen. Und an ihre Enkel weitergeben, was ihr wichtig ist – wie sie selbst von ihrer Großmutter und ihre Kinder von ihrer Mutter geprägt wurden. Familien ohne ein starkes Netz müsse der Staat besser unterstützen, fordert sie. „Bildung ist ein Schlüssel zu Gerechtigkeit und zu einem guten Leben.“ Das sei schon ein Ur-Anliegen von Martin Luther gewesen. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche, damit jeder sie lesen konnte.
In der biblischen Geschichte, die Käßmann bei ihrer Predigt im Abschiedsgottesdienst an diesem Samstag in Hannover auslegen wird, geht es auch um einen Übergang. Moses fühlt sich alt und verbraucht, Josua soll seine Aufgabe als Stammesführer übernehmen. Moses macht den Seinen, die in ein neues Land aufbrechen, Mut. „Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, dein Gott, wird selber mit dir wandeln und wird die Hand nicht abtun noch dich verlassen.“
Margot Käßmann geht gelassen in die Zukunft, sie freut sich über die neue Freiheit. Die will sie auch nutzen, um sich in einer Entwicklungs- oder Friedensorganisation zu engagieren und die Welt ein bisschen besser zu machen.