Stadtkind Stuttgart

InterviewMarius Lehnert über 10 Jahre Discotronic Wenn der DJ erst einmal zum Frisör muss

Von Martin Elbert 

An diesem Freitag feiert die elektronische Partyreihe Discotronic ihr Zehn-Jahr-Jubiläum im Kowalski und die 101. Veranstaltung. Wir sprachen mit Discotronic-Veranstalter  Marius Lehnert, der die Discotronic aufgebaut und gepflegt hat, über die letzten zehn Jahre und die Zukunft.

Marius Lehnert veranstaltet seit 10 Jahren die Discotronic...  Foto: Marc Schäfer 4 Bilder
Marius Lehnert veranstaltet seit 10 Jahren die Discotronic... Foto: Marc Schäfer

Stuttgart - An diesem Freitag feiert die elektronische Partyreihe Discotronic das zehnjährige Jubiläum und die 101. Veranstaltung. Im Kowalski in der DJ-Kanzel: Marek Hemmann, Frankey & Sandrino, Alexander Maier und Discotronic-Veranstalter und Resident-DJ Marius Lehnert. Einst gestartet im Rocker33 fand man nach dessen Ende im Kowalski eine neue Heimat. Wir haben mit Marius Lehnert, der die Discotronic aufgebaut und gepflegt hat, über die vergangenen zehn Jahre und die Zukunft gesprochen.

2007 und 2017 – was für Unterschiede/Veränderungen gibt es zwischen damals und heute?
Marius Lehnert: 2007 lag ein etwas anderer musikalischer Fokus: Der Sound war minimaler, weniger flächig, heutzutage dominiert im House-Bereich wieder mehr das Melodiöse. Die Stuttgarter Szene war weitaus größer und bedeutender, auch was die Wahrnehmung von außen anging. Es wurde vor zehn Jahren auch weitaus exzessiver gefeiert, die Clubszene lebte förmlich. Heutzutage wird mehr Eventbezogen ausgegangen.

Trauert man nach 10 Jahren manchmal den „alten Zeiten“ hinterher?
Lehnert: Grundsätzlich blicke ich immer nach vorne und arbeite an der neuen Zeit. Gleichzeitig gibt es durchaus auch Momente, wo man nostalgisch wird und sich gerne an vergangene Zeiten erinnert – dann auch durchaus mit Wehmut, weil es in den letzten zehn Jahren viele schöne Erlebnisse gab, die so nicht mehr passieren werden. Die „guten, alten Zeiten“ gibt es halt doch!

10 Jahre, 101 Veranstaltungen in verschiedenen Locations – wird man da nicht ein bisschen grauer als Veranstalter?
Lehnert: (lacht) In der Tat sind meine Schläfen durchaus etwas ergraut, aber aus Veranstaltersicht führt es eher dazu, dass man reifer und erfahrener wird. Man hat das meiste schon gesehen beziehungsweise erlebt, Abläufe sind routiniert. Da es aber immer wieder neue Herausforderungen, neue Konzepte, neue Locations, neue Menschen gibt, bleibt es stets spannend! Grundsätzlich: man wird nicht grauer, man wird weiser.

Die 10 besten Acts in 10 Jahren?
Lehnert: Für mich persönlich waren diese zehn Acts die Highlights in den letzten zehn Jahren: David August, Dixon, Guy Gerber, Âme, Stephan Bodzin, Seth Troxler, Hot Since 82, Joris Voorn, Mano Le Tough, Marek Hemmann. Die Liste müsste aber eigentlich mindestens verdoppelt werden.

Die größte Artist-Enttäuschung?
Lehnert: Jeder Artist, der sich zu wichtig nimmt und sein Ego über alles andere stellt.

Welche Acts waren in den 10 Jahren am häufigsten bei einer Discotronic?
Lehnert: Dominik Eulberg (14 mal), André Galluzzi (8), Marek Hemmann (8) und Stephan Bodzin (7).

Welche 10 Begriffe beschreiben das Discotronic-Publikum am besten?
Lehnert: Interessiert, offenherzig, exzessiv, freudig, mannigfaltig, vital, lebenslustig, divergent, nimmermüde, leidenschaftlich.

Geile Erlebnisse, Kuriositäten, Meilensteine in 10 Jahren? Pack aus die Geschichten!
Lehnert: Es gab viele einprägsame Abende: die letzte Discotronic Night und gleichzeitig die Vierjahresfeier im ehemaligen Rocker 33 im H7-Gebäude, als die Schlange so lang war, dass sie bis weit nach den damaligen Rolltreppen in die Hauptbahnhofunterführung führte - die Nacht war entsprechend exzessiv und lange.

Aber auch aktuelle Abende haben das Zeug dazu, sich einzubrennen: als Stephan Bodzin im Juni dieses Jahres seinen Liveact als einen von ganz wenigen Clubgigs 2017 präsentiert hat, gab es im Kowalski kein Halten mehr. Die Schlange hat sich bis um die Ossietzkystraße gewunden, zum Glück war Sommer und die Gäste nutzten die gesamte Fläche mitsamt Terrasse, um bis zum nächsten Mittag um 12 Uhr richtig abzuraven.

Kurios war sicher eine Begebenheit mit dem israelischen DJ Guy Gerber, der schon wochenlang auf Tour war und, am Flughafen Stuttgart gelandet, erst einmal zum Frisör im Terminal 1 „musste“, um sich seinen Bart stutzen zu lassen. Er hatte zudem schon eine Weile nicht mehr geschlafen und war sehr emotional unterwegs.

Endlich mit etlicher Verspätung im Club zum Soundcheck angekommen, musste nachträglich noch ein ganz spezieller Wodka besorgt werden, der nicht im Vertrag stand – letztlich zog sich der Soundcheck dann über mehr als zwei Stunden, da Guy sich immer wieder im Sound verlor.

Es war irgendwann halb zwölf - eigentlich hätte der Rocker 33 schon seit einer halben Stunde offen sein müssen -, sodass ich das ganze radikal beenden musste. Am Ende hatten wir aber eine Wahnsinnsnacht und alle waren versöhnt.

Deine aktuellen nicht-elektronischen Lieblingslieder?
Lehnert: Nils Frahm – All Melody (okay, nur zu einem Teil nicht-elektronisch), Antonio Vivaldi – Winter, Wu-Tang Clan – Frozen.

10 Dinge, die Marius abseits von DJ- und Veranstalter-sein am liebsten macht?
Lehnert: Gut essen (gehen), gute Bücher lesen, gute Serien und Filme schauen, Spiele meines VfBs anschauen, Zeit mit meinen Liebsten verbringen.

Aussichten – wie packt die Discotronic die nächsten 100 Veranstaltungen an? Auf was kann man sich freuen?
Lehnert: Genauso wie die ersten 100: voller Elan, mit viel Engagement und Willen, die Stuttgarter Musikszene voranzubringen und den Stuttgartern musikalische Highlights und Künstler zu bieten, die sie sonst nicht hätten.

10 Jahre Discotronic: mit Marek Hemmann, Frankey & Sandrino, Marius Lehnert, Alexander Maier und Visuasl by A Free Mind, Freitag, 9.12, ab 23:45 Uhr im Kowalski

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