Junge Leute und sportliche Radfahrer, die anspruchsvolle Touren fahren möchten, setzen verstärkt auf E-Bikes – egal ob Mountainbikes, Gravelbikes für Schotterwege oder Rennräder. Bei sportlichen E-Bikes gibt es nach Zahlen des Zweirad Industrieverbands (ZIV) die größten Zuwächse.
E-Bike-Boom ist ungebrochen
Dass E-Bikes auch bei der jüngeren Generation ankommen, habe mit der technischen Entwicklung bei den Fahrrad- und Komponentenherstellern zu tun, sagt Reiner Kolberg vom ZIV. Der E-Bike-Zulieferer HGears in Schramberg kann das bestätigen. Für viele junge Leute sei das E-Bike ein Sportgerät, und der kleine Motor unterstütze auf der letzten Meile, sagt ein HGears-Sprecher. Das Unternehmen liefert Hochpräzisionsgetriebeteile, die in jedem zweiten E-Bike stecken, das in Europa verkauft wird. Der Markt boomt. In Deutschland dürften nach Angaben des Zweirad-Industrieverbands 2023 erstmals mehr E-Bikes als „normale“ Räder verkauft werden. Mit 2,2 Millionen verkauften E-Bikes lag der Anteil 2022 bei 48 Prozent des Gesamtmarktes gegenüber den 2,4 Millionen Fahrrädern ohne E-Antrieb.
Trend zum Zweitrad und Cargobike
Statistisch gesehen hat fast jede und jeder Deutsche ein Fahrrad, und der Bestand wächst weiter. Vergangenes Jahr gab es hierzulande 82,2 Millionen Fahrräder und E-Bikes. Wachstumstreiber sei der Trend zum Zweitrad, von einer Marktsättigung könne nicht die Rede sein, sagt Branchenexperte Kolberg. Zum urbanen Fahrrad oder E-Bike komme oft ein sportives Rad oder ein Lastenrad, ein sogenanntes Cargobike – mit oder ohne Antrieb. In Großstädten sind E-Bikes jedoch noch nicht richtig angekommen. Das dürfte sich dieses Jahr ändern, weil Hersteller elektrische Stadtflitzer anbieten, die mit kleinen Akkus für den Stadtverkehr konzipiert sind.
Umweltaspekte spielen eine Rolle
Die insgesamt knapp zehn Millionen E-Bikes in Deutschland – genauer gesagt Pedelecs, also Fahrräder mit eingebauter elektrischer Tretunterstützung bis zu einem Tempo von 25 Kilometer – machen das Elektrofahrrad zu einer bedeutenden Option im Verkehr, gegenüber dem Bestand von rund einer Million E-Autos. Immer mehr Zeitgenossen setzen auf Lastenräder, um Dinge umweltfreundlich zu transportieren: 212 800 Lastenräder wurden allein im Jahr 2022 in Deutschland verkauft, 165 000 davon waren Cargobikes mit elektrischer Unterstützung. Auch bei herkömmlichen Rädern wächst der Stellenwert der Transportfrage – sei es der Fahrradanhänger für Kinder, Hunde oder Lasten. Neue Modelle gibt es laut ADAC auch bei bekannten Marken wie Croozer oder Thule bereits ab rund 300 Euro. Wer viel Wert auf gute Ausstattung legt, muss aber tiefer in die Tasche greifen: Bis zu 1500 Euro könne man für einen guten Fahrradanhänger ausgeben.
Preise für Fahrräder sinken
Egal ob E-Bike, Touren- oder Lastenrad, der Fahrradhandel kann nach eigenen Angaben wieder fast alles liefern. Auch seien Fahrräder derzeit vergleichsweise günstig, sagt Branchenexperte Kolberg und spricht von „paradiesischen Zuständen“. Zwar ist der durchschnittliche Verkaufspreis für Fahrräder in den letzten Jahren stetig gestiegen und liegt quer über alle Modelle bei 500 Euro für ein Fahrrad und bei 2800 Euro für ein E-Bike. „Doch es gibt mehr Fahrrad fürs Geld“, sagt Reiner Kolberg angesichts höherwertiger Komponenten – von der Schaltung bis zum Akku. Längst bestellte Fahrradteile, die monatelang in Containern feststeckten, seien auch wieder verfügbar, und die neue Ware sei pünktlich geliefert worden. Die Lager seien voll, die Fahrradpreise eher am Sinken, und regional gebe es viele Abverkaufsaktionen.
Einige Händler hätten Liquiditätsprobleme, weil sich Verbraucher angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten mit teureren Anschaffungen zurückhielten, sagt auch Wulf Stolle, Partner vom Beratungsunternehmen Kearney. Er spricht von einer Normalisierung nach dem Fahrradhype in den Coronajahren. „Nach der Party der letzten Jahre ist jetzt ein bisschen Katerstimmung“, sagt er. Seiner Einschätzung nach dürften Fahrräder noch bis zum Herbst günstig bleiben.
Mehr Sicherheit und Intelligenz
Das digitale Zeitalter hält auch beim Fahrrad verstärkt Einzug, insbesondere beim E-Bike – das reicht vom GPS-Tracking für Diebstahlschutz über Sensoren zur genauen Luftdruckmessung bis zu kompletten digitalen Systemen für E-Bikes. Nach Aussagen von Bosch etwa steht die Digitalisierung des E-Bikes erst am Anfang, denn dieses werde Teil des Internets der Dinge. Für mehr Sicherheit treibt Bosch auch die Verbreitung von ABS bei E-Bikes voran – Antiblockiersysteme, die wie beim Auto das Bremsen sicherer machen sollen. Langfristig werde sich das bei allen E-Bike-Typen durchsetzen, ist man überzeugt.
Mehr Produktion in Europa
Viele Fahrradkomponenten kommen aus Asien – von den Bremsen bis zum Sattel. Angesichts der Erfahrungen mit angespannten Lieferketten und steigenden Transportkosten gebe es vielerorts Überlegungen, wieder mehr Komponenten in Europa zu fertigen, sagt Experte Stolle – etwa in Portugal. Kinder- und Jugendfahrradhersteller Puky etwa hat im Oktober eine neue Produktion in Polen eröffnet. Nach Lieferproblemen mit asiatischen Lieferanten und der unsicheren politischen Situation im Hinblick auf China und Taiwan, habe man sich dafür entschieden, mit der Produktion weiterhin in Deutschland und im europäischen Ausland zu bleiben, so das Unternehmen.