Markus Reiters Bestseller-Kolumne Tobende jeden Alters

Von Markus Reiter 

Jedem Monat durchforstet unser Kolumnist für Sie die Bestsellerliste: Diesmal wird sein Glauben an die Jugend einer harten Prüfung ausgesetzt.

Um dies beiden Titel geht es heute. Foto:  
Um dies beiden Titel geht es heute. Foto:  

Stuttgart - Neulich brachte mich eine Zugfahrt von Stuttgart nach Nürnberg an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Schuld war ausnahmsweise nicht die Deutsche Bahn, sondern eine junge Mutter mit ihren drei Kindern im Alter zwischen schätzungsweise zwei und sechs Jahren. Sie war in Schwäbisch Gmünd zugestiegen. Die Kinder gerieten sofort außer Rand und Band. Die Kleinste kreischte ohne Unterlass und schleuderte ihr Spielzeug auf den Boden. Der Bub trommelte gegen die Klotür, hinter die sich seine Mutter zurückgezogen hatte, und brüllte; die Älteste rannte auf und ab durch den Wagon und klapperte mit jedem Mülleimerdeckel. Die Mutter (für jene, für die die Sache gleich klar gewesen zu sein schien, der Hinweis: ohne Migrationshintergrund!), beschimpfte ihre Kinder im Minutentakt aus dem Klo heraus: „Halt die Schnauze mit deinen Zicken!“, „Bleib weg, du stinkst!“, „Hock dich hin und halt’s Maul!“.

Ich versuchte, mich auf mein Buch zu konzentrieren: Michael Winterhoffs Warnung „Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“ („Spiegel“-Bestseller Sachbuch Hardcover Platz 5, Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 20 Euro). Bereits ab Aalen war ich bereit, Herrn Winterhoff jedes Wort zu glauben. Dort stieg dann noch eine Hipster-Mutter zu, deren fünfjähriger Sohn sich dem Tumult umgehend anschloss. Er reagierte nicht im Mindesten auf die mütterliche Intervention: „Fabian, wir hatten doch ausgemacht, dass du im Zug ruhig bist.“

Schuld an solchen Szenen ist, da zeigt sich der Jugendpsychiater Winterhoff sicher, die zeitgenössische Pädagogik in unseren Schulen und Kindertagesstätten. Statt Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen, sie anzuleiten und ihnen etwas beizubringen, lege sie es darauf an, ihnen ein selbstbestimmtes, sie überforderndes Lernen aufzudrängen – angetrieben von Bildungspolitikern und praxisfernen Wissenschaftlern. Die Folge: lauter kleine tobende Egoisten, die sich selbst überschätzen, in Wirklichkeit aber ahnungslos sind.

Apokalyptische Endzeitbilder

Wie gesagt: Ich war auf meiner Zugfahrt kurz davor, Winterhoff aus vollstem Herzen zuzustimmen. Aber je weiter ich las, desto mehr ärgerte ich mich trotz des mich umgebenden Tohuwabohus über das Buch. Das liegt an den vielen Widersprüchen, Übertreibungen und logischen Brüchen. Einerseits beklagt der Autor den „fortwährenden Ausnahmezustand“ und die ständige Aufgeregtheit, andererseits gefällt er sich in apokalyptischen Endzeitbildern einer Gesellschaft aus Egomanen. „Zurzeit weisen meiner Erfahrung nach drei bis vier von fünf Grundschulkindern keine klassische Schulreife auf – Tendenz steigend.“ „Meiner Erfahrung nach“ ist eine ziemlich dünne Quelle für so eine weitreichende Behauptung. Ohnehin hat’s der Autor nicht so mit empirischen Belegen. Die Mehrzahl seiner Quellen sind irgendwelche Zeitungs- und Online-Artikel sowie Anekdoten aus seinem Berufsalltag. Einerseits beklagt Winterhoff, dass zu viele pädagogische Laien in Bildungsfragen mitreden, andererseits zitiert er einen Schulhausmeister als Kronzeugen für die Verwahrlosung der Jugend. Einerseits schreibt er, er interessiere sich nur für die psychische Entwicklung der Kinder, andererseits lamentiert er seitenlang über deren schlechte Handschrift. Einerseits klagt er darüber, dass so viele Akteure im Bildungssystem nur Geld verdienen wollten, andererseits dient dieses Buch wohl eher dem Geldverdienen des Autors als einer sachgerechten Bildungsdebatte.

Wie war das noch? Lauter tobende Egoisten, die sich selbst überschätzen? Am heutigen Bildungssystem allein kann’s ohnehin nicht liegen, denn die führenden Politiker der AfD sind zwischen Anfang 50 und Ende 70. Ihre Sprache aber offenbart, dass die Charakterisierung auf viele von ihnen zutrifft. Der renommierte Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat ihnen sehr genau zugehört. Sein kleines Büchlein „Was heißt hier ‚wir‘? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“ (Spiegel-Bestseller Sachbuch Taschenbuch Platz 18, Reclam, 80 Seiten, 6 Euro) ist ein Meisterstück sprachlicher Analyse. Detering seziert zum Beispiel die Dresdner Rede des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, in der dieser vom Holocaustdenkmal als einem „Mahnmal der Schande“ sprach. „Die Schande ist für ihn (Höcke)“, schreibt Detering, „das Denkmal selbst, als Ausdruck für den ‚Gemütszustand eines total besiegten Volkes‘“. Genau so muss man mit der Rhetorik der Rechten umgehen. Nicht Empörung inszenieren, sondern ihr bewusstes Ausweichen ins Ungefähre, ins Schwammige aufzeigen und präzise Aussagen einfordern. Nur so besteht die Chance, dass sich die rechte (und übrigens auch die linke) populistische Rhetorik selbst entlarvt.