InterviewMartin Schulz im Gespräch „Für den Sieg des Bösen genügt es, dass die Guten nichts tun“

Politiker und Bücherfreund: Martin Schulz Foto: dpa
Politiker und Bücherfreund: Martin Schulz Foto: dpa

Der SPD-Politiker Martin Schulz hat Höhen und Tiefen erlebt wie eine Romanfigur. An diesem Montag kommt er in das Literaturhaus Stuttgart. Wir haben mit ihm über gefallene Helden, den Kampf gegen das Böse und seine neue Telefonnummer gesprochen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Er war Buchhändler, Bürgermeister, Mister Europa und bis vor Kurzem die große Hoffnung der Sozialdemokratie. Vor allem aber ist Martin Schulz ein passionierter Leser. Im Literaturhaus diskutiert der vielleicht bekannteste Ex-Buchhändler des Landes mit dem Lyriker Dieter M. Gräf, der in seinem neuen Gedichtband die Schädelstätten der großen Weltverbesserungsideologien besichtigt. Ob unser politisches System bald dazugehört? Martin Schulz ist eher optimistisch und hält wenig von demokratischer Untergangsstimmung.

Herr Schulz, Sie zählen zu den Opfern, deren Daten illegal im Internet verbreitet wurden. Haben Sie schon eine neue Telefonnummer?

Ja, inzwischen habe ich eine neue, das war unvermeidlich.

Literatur hat mit unseren innersten Geheimnissen zu tun. Als Politiker muss man sich gefallen lassen, dass vieles davon an die Öffentlichkeit gelangt. Ihre eigene Geschichte begegnet einem da in einem romanhaftem Zuschnitt von Aufstieg und Fall. Sind Sie literaturfähig?

Ich bin mit den Höhen und Tiefen meines eigenen Lebens selbst sehr beschäftigt. Ob das nun ein Stoff ist, literarisch aufgearbeitet zu werden, müssen andere ­beurteilen, Künstler, Schriftsteller oder ­Journalisten.

Sie nennen Schriftsteller und Journalisten in einem Atem. Seit dem Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius klingeln da die Alarmglocken. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Man sieht daran, dass Journalismus der Wahrheit verpflichtet sein muss. Relotius wäre vielleicht ein guter Romanschriftsteller geworden, seine Fälschungen waren sprachlich gut und interessant. Sein Fall zeigt für mich, dass es menschliche Schwächen und Versagen in allen Bereichen gibt. Relotius ist am Ende ein getriebener junger Mann, der vor lauter Ehrgeiz eine schon fast kriminelle Energie an den Tag gelegt und seine Begabungen in eine falsche Richtung entwickelt hat. Das ist annähernd schon wieder Stoff für einen Roman.

Literatur darf machen, was sie will. Was leistet sie zur Interpretation unserer Wirklichkeit?

Sehr viel. Was machen denn Romanschriftsteller? Sie entwerfen denkbare Modelle, Lebensentwürfe, Beziehungsgeflechte. Das ist einer der Gründe, warum ich viel ­lese. Das Denkbare und das Vorstellbare sind notwendige Ergänzungen zu dem, was wir selbst erleben. Lesen ist nichts anderes als eine enorme Erweiterung des eigenen ­Horizonts.

Europa gibt es auch als Roman. Hat „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse Ihren ­Horizont erweitert?

Ich habe das Buch als jemand gelesen, der viele Jahre in dieser Sphäre gearbeitet hat. Ich kenne das Milieu und Brüssel nur zu gut. Vieles von dem, was Menasse beschreibt, ist übertrieben, aber in der Überzeichnung liegt ein wahrer Kern. Deshalb fand ich den Roman interessant. Besser ­gefallen hat mir allerdings Menasses ­politisches Manifest „Der europäische Landbote“.

Inwiefern?

Was Robert Menasse beschreibt, hat der Regisseur Wim Wenders einmal in einer Gesprächsrunde mit mir auf eine Formel gebracht: Die Idee von Europa, dass Völker und Staaten über Grenzen hinweg zusammenarbeiten und sich auf Augenhöhe und in gegenseitigem Respekt begegnen, ist unbestritten. Aber aus der Idee ist die Verwaltung geworden. Die Menschen meinen nun, die Verwaltung sei die Idee. Und genau damit hat Wenders auf den Punkt gebracht, was Menasse kritisiert. Wir müssen den Menschen Europa zurückgeben. Wenn sie die Idee wiedererkennen, dann sind sie für Europa.

Nun hat Menasse aber seine politische Beweisführung zum Teil mit erfundenen Details etwas aufgehübscht. Wie kommt das bei Ihnen an?

Wir sprachen eben von menschlichen Schwächen: Es ist ein großer Schriftsteller, der sich da einen Ausrutscher erlaubt, den er ja gar nicht nötig gehabt hätte. Auch hier gilt: Wir sind alle keine Heiligen oder perfekte Menschen. Aber diskreditiert das sein Werk? Die Rechten hätten das natürlich gerne. Es ist geradezu grotesk zu sehen, wie diejenigen, die sonst vor nichts Respekt haben, sich nun zu Gralshütern der reinen Lehre aufschwingen. Menasse hat ihnen das ermöglicht – deppert, wie man in Wien dazu vielleicht sagen würde. Das ändert nichts an seinem Rang als Autor, aber ganz klar: Das war ein Fehler.

Wir reden heute immer häufiger von Narrationen. Müsste man nicht wieder mehr von Tatsachen sprechen?

In dem von dem Relotius-Beben erschütterten „Spiegel“-Gebäude hängt der Satz von Rudolf Augstein „Sagen, was ist“. Das bleibt das Grundfundament. Doch man muss auch sagen, was sein könnte. Beides ist notwendig und muss nebeneinander existieren.

Dieses Jahr könnte zum Schicksalsjahr für Europa werden. Braucht Europa eine neue Erzählung?

Nein. Wir erleben gerade eine Phase der Renationalisierung und des wachsenden Egoismus, der Ausgrenzung, des Hasses und der religiösen Intoleranz. In den USA kommt es zum Shutdown wegen einer Grenze. Dagegen die alte Idee zu setzen, dass man als Nation stark ist, wenn man über Grenzen hinweg in gegenseitigem Respekt zusammenarbeitet, halte ich für moderner denn je. Und dabei geht es nicht nur um physische, sondern um ökonomische, soziale, sprachliche und kulturelle Grenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war damit auch der Gedanke der gegenseitigen Kontrolle verbunden. Wenn man sich gemeinsame Organe gibt, ist man diesen auch gemeinsam verpflichtet. Europa braucht keine neue Erzählung, sondern Menschen, die sich für diese Erzählung engagieren.

Sie diskutieren im Stuttgarter Literaturhaus mit dem Lyriker Dieter M. Gräf. Lyrik ist so ziemlich das Gegenteil der Sprache, die Politiker pflegen. Lesen Sie Gedichte?

Das Spiel der Lyrik mit der Sprache, diese hochverdichtete, zum Nachdenken zwingende Kunstform kann eine unwahrscheinliche Bereicherung sein. Aber sie ist nicht tauglich, um hochkomplexe ökonomische oder politische Sachverhalte zu erläutern. Andererseits findet man in Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ den Nachweis dafür, dass die SPD die älteste Partei der Welt ist. Der König sagt darin am Ende: „Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn, / So nehmet auch mich zum Genossen an / Ich sei, gewährt mir die Bitte, / In eurem Bunde der Dritte.“ (lacht)

Der Gedichtband „Falsches Rot“ von Dieter M. Gräf, über den Sie in Stuttgart sprechen, ist eine Art Trümmerhalde der politischen Ideologien und der an sie geknüpften Hoffnungen. Könnte es sein, dass unsere politische Ordnung bald dazugehört?

Das glaube ich nicht. Die Demokratie und die mit ihr verbundenen individuellen Freiheiten sind ein hoher Wert. Und die überwältigende Mehrheit ist auch bereit, sie zu verteidigen. Deshalb bin ich strikt gegen die immer wieder angestellten Vergleiche mit Weimar. Damals hatte man eine wunderbare Verfassung, aber keine Verfassungspatrioten. Wir haben eine Partei, die die Verfassung permanent infrage stellt, sie liegt bei zehn bis fünfzehn Prozent. Das heißt, 85 bis 90 Prozent der Deutschen wählen Parteien, die einen anderen Blick auf unser Grundgesetz haben, das in seinen ersten zwanzig Artikeln eine wunderbare Beschreibung für ein optimales Zusammenleben von Menschen ist. Wir dürfen nicht wegen der Gaulands und Weidels in eine demokratische Weltuntergangsstimmung verfallen.

Der Blick in die USA stimmt nicht besonders optimistisch.

Donald Trump gerät an seine Grenzen. Zurzeit sehen wir, dass das Check-and-Balances-System der USA immer noch funktioniert. Er versucht zwar, es zu zertrümmern, doch es gelingt ihm nicht. Die Demokratie ist wehrhaft. Woher aber Gefahr droht, hat der britische Philosoph Edmund Burke formuliert: „Für den Sieg des Bösen genügt es, dass die Guten nichts tun.“

Bei der kommenden Wahl könnten die Feinde Europas so stark werden wie nie zuvor.

Das glaube ich nicht. Ich beteilige mich nicht an dieser Unkenruferei. Bedrohlich sind diese Kräfte nicht bei der Europawahl, sondern wenn sie in der Regierung von Mitgliedsländern sitzen: in Österreich, in Ungarn, in Polen, überall dort, wo die Demokratie-Skeptiker und autoritären Kräfte erfolgreich sind.

Eine der großen Unken der Literatur ist der Franzose Michel Houellebecq, ein erklärter Europafeind. Schätzern Sie ihn trotzdem als Autor?

Ich habe mich mit seinen Romanen immer schwergetan. Die morbide Atmosphäre in seinen Büchern sagt mir nicht zu. Die Welt, die Michel Houellebecq zeichnet, kann ich so einfach nicht erkennen. Das mögen vielleicht interessante Denkmodelle sein, aber sie spiegeln viel mehr das Seelenleben des Autors als die Realität in unserer Gesellschaft wider.

Sie sind ausgebildeter Buchhändler. Gibt es eigentlich Ihre Buchhandlung noch?

Oh ja, eine ehemalige Mitarbeiterin von mir hat sie übernommen, als ich ins Europaparlament gewechselt bin, und führt sie nun seit 25 Jahren erfolgreich weiter.

Dürfte ich Sie um einen Lesetipp bitten?

Ich kann nur empfehlen, sich mit dem Werk des vor Kurzem gestorbenen Amos Oz zu beschäftigen. Ich habe neulich in Tom Segevs Biografie über Ben Gurion gelesen. Darin wird eine Szene geschildert, wie ein damals noch unbekannter Autor, eben Amos Oz, sich in einem Brief an den ­Staatsmann gewendet hat. Kurz nachdem ich das gelesen habe, machte die Nachricht vom Tod Amos Oz’ die Runde. So merk­würdig können Literatur und Leben auch zusammenhängen.




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