Martin Walser ist gestorben Der Zeitgeist wider Willen
Er hat wichtige Romane geschrieben und immer wieder Streit provoziert. Einer der großen deutschen Schriftsteller, Denker und Zeitzeugen ist gestorben. Ein Nachruf auf Martin Walser.
Er hat wichtige Romane geschrieben und immer wieder Streit provoziert. Einer der großen deutschen Schriftsteller, Denker und Zeitzeugen ist gestorben. Ein Nachruf auf Martin Walser.
Noch ganz am Schluss diese Zeilen: „Schreiben und Leben fielen bei mir / fast von Anfang an zusammen. / Ich tanzte also war ich.“ Dieser schöne Tanz hat nun ein Ende. Martin Walser ist tot. Und nichts ist mehr, wie es einmal war. Wer in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Deutschland literarisch sozialisiert worden ist, hat sich an bestimmte Regelmäßigkeiten gewöhnt. Dazu gehörte der Gestus Günter-Grass’scher Erregungsbereitschaft ebenso wie Hans Magnus Enzensbergers knitze Luftgeistereien, dazu gehörte vor allem aber die mit den Jahren eher noch zu- als abnehmende Frequenz, in der ein neuer Roman von Martin Walser die eigene Lebenszeit markierte, und sei es nur durch die Entscheidung, ob man ihn nun wieder lesen soll oder diesmal doch eher nicht.
Egal, wie man sie traf, blieb der Autor in der eigenen Zeitwahrnehmung präsent, sei es durch das mediale Aufrauschen, das jede seiner Veröffentlichungen begleitete, durch die Debatten, in die er sich und die Öffentlichkeit verstrickte, durch seine wohlinszenierte Präsenz auf den literarischen Podien. Oder sei es nur durch den charakteristischen Sound, jene weich gerollten R, die häufig aus dem Radio entgegen tönten, wenn er wieder einmal als der beste Interpret eigener Werke diesen dringlichen, alemannischen Atem mündlichen Erzählens hörbar machte, dessen kompromisslose Vitalität dem Zuhörer mit sanftem Griff gar keine andere Wahl ließ, als ihm zu folgen.
Walser war unter uns, in seinen Verliebtheiten wie Verbohrtheiten, in seinen Widersprüchen, seinem Widerwillen gegenüber einem medienvermittelten Zeitgeist wie seiner medialen Allpräsenz. Und er war dies in einer Weise, die die Teilhabe an seinem Werk übersteigt – vielleicht gerade weil dieses, wie er es nannte, „Entblößungs- und Verbergungsspiel“ sich in seiner Gesamtheit zu einer großen Alltagschronik des Bewusstseins fügt.
Gleich seinem ersten Roman aus dem Jahr 1957, „Ehen in Philippsburg“ – der, wie der Autor bekannte, eigentlich auch „Ehen in Stuttgart“ hätte heißen können –, setzt er eine Notiz voran, die bis zu seinem letzten, 25. Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ Gültigkeit behalten sollte: „Es ist die Hoffnung des Verfassers, er sei Zeitgenosse genug, dass seine von der Wirklichkeit ermöglichten Erfindungen den oder jenen wie eigene Erfahrungen anmuten.“
In den Figuren, die sich der Erfindungskraft dieses Autors verdanken, kann man sich wiedererkennen, auch gerade in den weniger vorzeigbaren Zügen, die man gerne für sich behalten hätte: Es sind kleinbürgerliche Käuze, die sich ihrem engen, zumeist ehelichen Dasein gerne entringen würden, um einmal „die volle Berührung“ des Lebens zu spüren, und daran scheitern. Anselm Kristlein, Helmut Halm, Gottlieb Zürn, die Horns und Dorns und wie sie alle heißen sind Zukurzgekommene, die ein Gefühl des Mangels treibt, seit dem Roman „Ein liebender Mann“ zählt auch Goethe zu dem bundesrepublikanischen Kabinett hoffnungslos leidenschaftsbereiter Trümmermänner. Sie sind Opfer der Umstände, der Intrigen von Kollegen, des Hochmuts der Chefs oder der „Schicksalsgemeinheit“ des Alters. Und was die ans Manische grenzende Schreibwut des Autors stimuliert, Geschehenes so lange umzuerzählen, bis es erträglich wird, korrespondiert mit der identifikatorischen Lust seiner Leser.
Walser kommt aus kleinen Verhältnissen. Sein schmerzlich früh verstorbener Vater war Wirt und Kohlenhändler, die Mutter stammte aus einer alemannischen Bauernfamilie. Nichts deutet darauf hin, dass deren zweiter, 1927 geborener Sohn einmal zu einem der produktivsten Schriftsteller der Bundesrepublik werden würde. Eher schon dürfte das bisweilen raubauzig Polternde seines Temperaments auf das Wasserburger Wirtshaus seiner Herkunft verweisen.
Er ist kurz Student, Soldat, dann Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, bei welcher Gelegenheit man noch einmal würdigen kann, wie sich Stuttgart über den Sender und dessen Redakteur Alfred Andersch in die Literaturgeschichte der Nachkriegsjahre eingeschrieben hat. Denn das von Andersch verantwortete legendäre „Funk-Feature“ bot neben Walser Autoren wie Enzensberger, Wolfgang Koeppen oder Samuel Beckett eine materielle Überlebensperspektive in schweren Zeiten.
1965 lässt sich Walser als Schriftsteller am Bodensee nieder. Das holzverkleidete, eher unauffällige Haus in Nussdorf bei Überlingen mit Blick auf das Wasser, das der passionierte Schwimmer wieder und wieder durchpflügt hat, wird zu einem Wallfahrtsort der literarischen Welt, gewissermaßen die säkulare Konkurrenz zur benachbarten Rokokokirche Birnau.
So charakteristisch seine im Lauf der Jahre mehr und mehr von trotzigen Augenbrauen überwucherte Künstlerphysiognomie sich profiliert, so exemplarisch ist seine Lebensreise für viele bundesdeutsche Intellektuellenbiografien seiner Generation. Sie beginnt als Sympathisant der DKP und endet als kritisch-staatstragender Chronist des wiedervereinigten Deutschlands. Weil er die Teilung ablehnte, wurde er bereits in den siebziger und achtziger Jahren seitens der Linken als Nationalist geschmäht.
Nachhaltiger und verstörender war das, was Walser 1998 mit seiner umstrittenen Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche losgetreten hatte. Er beklagte damals die „Dauerpräsentation unserer Schande“ in den Medien und attackierte jene Intellektuellen, die seiner Meinung nach Auschwitz als „Moralkeule“ im politischen Diskurs missbrauchten. Seine Kritik am öffentlichen Umgang mit den NS-Verbrechen war aus dem Gefühl gespeist, dass man der Ungeheuerlichkeit der Schuld in den Formen einer öffentlichen Sühnepraxis nicht gerecht werden kann. Unterstellt wurde ihm das Gegenteil, sein Ungenügen an den Routinen des Gedenkens sei vom Bedürfnis eines Schlussstrichs getragen.
Walsers Rede wurde in der Paulskirche noch mit Standing Ovations quittiert, kurz darauf aber erhob sich eine heftige Debatte über seinen Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Zu denen, die nicht applaudiert hatten, gehörte der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, der die Rede als „geistige Brandstiftung“ bezeichnete.
Die Eigendynamik gegenseitigen Missverstehens trieb Walser in eine halsstarrige Verbitterung, die seinen Kritikern weitere Anlässe zur Empörung lieferte. Seit dem Verriss seines Romans „Jenseits der Liebe“ stand der Autor mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki auf Kriegsfuß – „das ist der absolute Tiefpunkt der beruflichen Laufbahn“, vertraute Walser seinem Tagebuch an. Wie eine späte Rache mutet der Roman „Tod eines Kritikers“ (2002) an, in dem sich der Literaturpapst antisemitisch karikiert sehen konnte, auch wenn dieser selbst das gar nicht tat, sondern der einen Skandal witternde „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher.
Die Debatte, ob derjenige, der seine Beobachtung der Auschwitz-Prozesse in hellsichtige Essays eingebracht hatte, die an der Unverbrüchlichkeit der deutschen Schuld keinen Zweifel ließen, ein verkappter Antisemit sein sollte, setzte Walser mehr als alles andere zu. Bis zuletzt wehrte er sich erbittert gegen diesen Vorwurf, den eine in ihrer Methodik höchst anfechtbare Studie mit Blick auf sein Gesamtwerk mehr akribisch als wissenschaftlich zu untermauern suchte. Den Streit mit Bubis bezeichnete er im Rückblick als einen unverzeihlichen Fehltritt. 2014 widmete er dem jiddischen Dichter Sholem Yankev Abramowitsch ein literarisches Denkmal, in dem die Sätze standen: „Mir ist im Lauf der Jahrzehnte vom Auschwitz-Prozess bis heute immer deutlicher geworden, dass wir, die Deutschen, die Schuldner der Juden bleiben. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen. Wir können nichts mehr gutmachen.“
Immer wieder ritt ein schäumender Walser wütende Attacken auf die Rituale der Medienwelt. Auf nichts reagierte er allergischer als auf oktroyierte Sprachregelungen, im ästhetischen Feld, in dem er den liebenden Kritiker für den einzig angemessenen hielt, aber eben auch im politischen, wo er sich nicht vorschreiben lassen wollte, was zu empfinden sei.
Gewiss, man kann in dieser Unduldsamkeit einen problematischen Abglanz jenes populistischen Ressentiments erkennen, das überall nur Denkverbote und Meinungskartelle am Werk zu sehen glaubt. Andererseits: Wer, wenn nicht ein Schriftsteller, darf darauf pochen, die Wahrheit als eine Sache der inneren Stimme und nicht auferlegter Redeweisen zu erfahren. In dem Roman „Finks Krieg“ heißt es: „Wenn man von etwas nicht auch das Gegenteil sagt, sagt man nur die Hälfte.“ Gleichwohl war es häufig für den Romanleser leichter, diesen dialektischen Dissens auszuhalten, als für den Rezipienten Walser’scher Debattenbeiträge in den Feuilletons.
Seit dem „Fliehenden Pferd“ haben die Helden des „literarischen Experten für Identitätsbeschädigung“, wie der Autor sich einmal nannte, zwei Feinde: das Altern und die Moral. Zuletzt kam der Tod hinzu. „Ein Sterbender Mann“ zeigt einen gealterten Schriftsteller zwischen Liebeslust und Lebensüberdruss. Der Roman entstand als ein letztes Abenteuer, das Lieben und Schreiben zusammenschloss. Walser unterbrach dafür vorübergehend die lebenslange familiäre Heimarbeit mit seiner Frau Käthe, die alle seine Manuskripte ins Reine schrieb, auch die, in denen sich Abenteuer manifestierten, an denen sie keinen Anteil hatte. Auf die Frage, ob sich die Liaison mit der um gut 40 Jahre jüngeren Co-Autorin Thekla Chabbi zur Wohn- und Lebensgemeinschaft entwickelt habe, antwortete Walser: „Mit mir gibt es nur noch Todesgemeinschaft.“
Aus der Gemeinschaft mit den letzten Dingen ist ein ansehnliches Spätwerk hervorgegangen, in dem das Weitergären der Walser’schen Lebensthemen die Romanform in eine immer kühnere, freie Gedankenprosa aufgelöst hat, bis hin zu dem lyrischen „Sprachlaub“ seines letzten Buchs, dessen moribunde Schönheitstrunkenheit er so gerne noch seinem Publikum im Stuttgarter Literaturhaus vorgestellt hätte. „Den Tod gibt es nicht, so wenig / wie das Leben. Nur Wörter, / an die wir uns halten können / in all der Leere“, heißt es darin. Am 26. Juli ist Martin Walser in Überlingen im Alter von 96 Jahren gestorben.
Ehen in Philippsburg (1957)
Ein Sittengemälde der schwäbischen Landeshauptstadt zwischen Nachkriegsenge und Aufbruchsfuror, Prüderie und Ausschweifung.
Ein fliehendes Pferd (1978)
In Walsers Bestseller-Novelle eskaliert der Konkurrenzkampf der unterschiedlichen Lebensentwürfe zweier Paare während eines gemeinsamen Urlaubs am Bodensee.
Ein springender Brunnen (1998)
Der autobiografische Roman erzählt von einer Kindheit in Wasserburg während der Wirtschaftskrise und dem sich formierenden Nationalsozialismus.
Angstblüte (2006)
Ein alternder Investmentbanker gerät in die Fänge einer jüngeren Frau und empfängt eine Lektion über das Täuschen und Getäuscht-Werden, über Absahnen und Gewinnmitnahme.