Martina Voss-Tecklenburg Ins Abseits geraten

Die Bundestrainerin Voss-Tecklenburg hat beim Frauen-Nationalteam keinen Rückhalt mehr: Die Spielerinnen sind auf Distanz. Foto: WITTERS/JoergHalisch

Martina Voss-Tecklenburg war vor einigen Monaten im Gespräch, die Männer-Nationalmannschaft zu übernehmen. Inzwischen hat sich die Bundestrainerin außer Dienst nicht nur bei den DFB-Frauen ins Abseits manövriert.

Horst Hrubesch wirkte am Freitagabend in Sinsheim richtig ergriffen, als er sich in der Arena der TSG Hoffenheim umblickte. Gut gefüllte Tribünen bei einem Frauen-Länderspiel. Am Ende hatten 20 107 Fans den Heimsieg der deutschen Fußballerinnen in der Nations League gegen Wales (5:1) an der A 6 gegenüber vom Technikmuseum in Sinsheim gesehen. Fünf Jahre, nachdem das Idol des Hamburger SV das Team in einer Notlage übernommen hatte.

 

Der 72 Jahre alte Hrubesch freut sich, dass „seine Mädels“, wie er in väterlicher Fürsorge sagt, endlich diese Aufmerksamkeit bekommen. Das war an seinem ersten Intermezzo als Interimscoach im November 2018 noch nicht so: Damals hatte er sich mit einer Nullnummer gegen Spanien von seiner ersten Aushilfstätigkeit verabschiedet, um eigentlich in den Ruhestand zu gehen – vor gerade mal 3169 Besucher im Steigerwaldstadion von Erfurt.

Bundeskanzler Olaf Scholz besucht Training der Frauen-Nationalmannschaft

Doch heute hat der Fußball der Frauen eine viel höhere öffentliche Relevanz – und wird auch von den Fernsehanstalten dementsprechend platziert: 2,63 Millionen hatten am Freitagabend um 17.45 Uhr in der ARD eingeschaltet. Eine ordentliche Quote für ein Qualifikationsspiel für die Olympischen Spiele gegen einen zweitklassigen Gegner. Und erst wenige Tage zuvor hat Bundeskanzler Olaf Scholz ein Training auf dem DFB-Campus in Frankfurt besucht. Dort versicherte er den Spielerinnen, ihnen beim Spiel gegen Wales die Daumen zu drücken. Der SPD-Politiker plauderte noch mit Hrubesch auf dem Platz und sagte danach: „Mich begeistert, wie der Frauenfußball in Deutschland Karriere gemacht hat, wie viele mitfiebern.“

Voss-Tecklenburg irritiert mit Instagram-Beitrag

Kaum hatte die Kanzler-Entourage mitsamt seinem Sicherheitsapparat das Gelände verlassen, nutzte allerdings die bis vor einigen Wochen für dieses Team verantwortliche Martina Voss-Tecklenburg die öffentliche Aufmerksamkeit. Die 55-Jährige hatte nach einer Erkrankung seit der WM in Australien pausiert. Nun veröffentlichte sie aber aus dem Urlaub heraus ein sechsseitiges Schreiben auf ihrem Instagram-Account, welches die DFB-Zentrale gewaltig erschütterte. Die zentrale Botschaft darin: Voss-Tecklenburg wolle bald zurückkommen. „Wir haben dem DFB signalisiert, dass wir zu einer weiteren Analyse und Aufarbeitung der WM und vertrauensvollen Gesprächen über die weitere Art und Weise der Zusammenarbeit im Team bereit sind.“ Sie erwarte jetzt kurzfristig einen Termin.

Da prescht jemand nicht abgestimmt mit seinem Arbeitgeber vor – und das in einer Form und zu einem Zeitpunkt, dass dieses Vorgehen als Affront gelten muss. Realsatire oder Seifenoper? Der DFB reagierte mit größter Zurückhaltung: „Wir möchten klarstellen, dass uns Martina Voss-Tecklenburg übermittelt hat, erst nach einer Bedenkzeit für ein persönliches Gespräch nach ihrem Erholungsurlaub zur Verfügung zu stehen.“

Es droht eine Schlammschlacht zwischen DFB und Bundestrainerin

Hinter der Kulissen ist dabei längst klar, dass es die nächsten Tage nur noch um die Abwicklung der Trennung gehen kann. DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Sport-Geschäftsführer Andreas Rettig müssen das Thema abräumen, weil die Basis für eine Weiterarbeit seit Längerem zerstört ist. Nun droht eine Schlammschlacht zwischen Voss-Tecklenburg und dem DFB.

Selbst Hrubesch ist bei Nachfragen zu „MVT“ schwer genervt: Die von Voss-Tecklenburg erzeugte Unruhe hätten die Spielerinnen „ausgeblendet“, sagte er am Freitag. Direkten Kontakt hat auch er keinen mehr. Der DFB hat inzwischen bestätigt, dass beide Parteien eigentlich nur noch per Anwälte kommunizieren. Und da hat sich die Trainerin mit Christoph Schickhardt einen ganz geschickten Sportjuristen geangelt, der im Frühjahr ihren Vertrag beim DFB zu deutlich besseren Bezügen bis 2025 verlängert hat.

Über die Gründe für die irritierenden Alleingänge wird spekuliert

Viele fragen sich, was die frühere Sympathieträgerin eigentlich bezweckt. Hat sie ganz andere Pläne für ihre Karriere im Kopf? Welchen Einfluss hat ihr Ehemann Hermann Tecklenburg? Den recht hemdsärmeligen Bauunternehmer – 20 Jahre älter als sie – lernte die ehemalige Nationalspielerin kennen, als sie sich 2003 mit einem Eigentor im Pokalfinale des FCR 2001 Duisburg von der aktiven Bühne verabschiedete. Ihre Rede beim Bankett war so mitreißend, dass der Bauunternehmer danach mit einem Kugelschreiber auf ihren Oberarm „Ich werde Dich heiraten“ geschrieben hat, wie die Bundestrainerin selbst in der TV-Sendung „Inas Nacht“ erzählte. Vor der WM in Australien haben beide ihr Eheversprechen erneuert.

Die Vita von Voss-Tecklenburg ist geprägt von widersprüchlicher Vielfalt. Sie hat Bürokauffrau gelernt, Diplom-Sozialarbeiterin gemacht, als Chefredakteurin des Frauenfußballmagazins „FF“ gearbeitet. Als Bundestrainerin der Frauen hat sie zugleich als Expertin im ZDF die Champions League der Männer analysiert – diesen Job würde sie gerne weiter ausüben. Vor einigen Monaten gab es aus dem DFB-Präsidium einige Stimmen, doch mal zu überlegen, ob nicht die Bundestrainerin die Heim-EM 2024 retten solle – als Verantwortliche der Männer-Nationalmannschaft. Aber ist das mit ihrem ramponierten Image noch möglich?

Beliebtheit von Voss-Tecklenburg sinkt

Nun hat sie beim Frauen-Nationalteam gar keinen Rückhalt mehr: Die Spielerinnen sind auf Distanz. Die WM in Australien mit dem historischen Vorrundenaus war nicht nur sportlich ein Desaster. Auch die Atmosphäre im Team hat gewaltig gelitten. Als der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou, der im Jahr 2018 Voss-Tecklenburg vom Schweizer Fußball-Verband noch losgeeist hatte, nach der WM erste Befragungen bei den Akteuren durchführte, schnitt die Cheftrainerin schlecht ab.

Als sie davon erfuhr, soll sie bestürzt reagiert haben. Anfang September vermeldete der DFB, dass seine Bundestrainerin krank sei und auf unbestimmte Zeit fehle. Kurz darauf plauderte ihr Mann aus, dass seine Frau an körperlicher und mentaler Erschöpfung leide. Danach äußerte sich DFB-Boss Neuendorf stets mit Verweis auf die Krankheit nicht mehr über den Zustand von Voss-Tecklenburg – sie solle erst einmal gesund werden.

Doch die hochrangige Angestellte nutzte einen vom Verband genehmigten Erholungsurlaub in diesem Monat sofort dafür, um erst beim „Forum Intelligentes Bauen“ in Bremen über „Teambuilding und Coaching aus der Welt des Sports“ zu sprechen, dann beim Bayerischen Zahnärztetag in München die Festrede über „Change Management im Frauenfußball“ zu halten.

Spielerinnen sprechen sich deutlich für

Niemand beim Frauen-Nationalteam wusste davon. Arbeitsrechtlich ist gegen solche in der Regel gut dotierten Vorträge nichts einzuwenden, doch es bleibt die moralische Seite. Dass die Bundestrainerin außer Dienst zuerst auf solchen Bühnen sprach, hat die Spielerinnen fassungslos gemacht. Die derzeit pausierende Nationaltorhüterin Almuth Schult etwa sieht „keine Basis des Vertrauens“ mehr. Auf Bayern 1 sagte die Spielerin, dass eine Rückkehr Voss-Tecklenburgs nur „sehr schwer vorstellbar“ sei. Ihre Kollegin Giulia Gwinn, die im Spiel gegen Wales per Elfer traf, sprach sich deutlich für den jetzigen Trainer Hrubesch aus: „Er hat zwischenmenschlich ein gutes Gefühl für die Mannschaft und tut dem Team mit seiner Persönlichkeit extrem gut.“

Wer als Bundestrainerin auch das Rampenlicht sucht, wo als Rednerin Kraft und Konzentration verlangt sind, sollte es auch schaffen, sich mit Akteuren auszusprechen, die mit ihr viereinhalb Jahre durch Höhen und Tiefen gegangen sind. In dieser Zeit hat Voss-Tecklenburg viel dazu beigetragen, dass deutsche Fußballerinnen in der Öffentlichkeit so gut ankommen. Bei aller Schelte für ihre irritierenden Alleingänge sollte das nicht in Vergessenheit geraten.

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