Weihnachten ist die Zeit der Geschenke und der üppigen Mahle. An diesen Tagen soll es möglichst an nichts mangeln, um das Herz zu erwärmen, menschlich wie kulinarisch. Für viele Menschen im Kreis Böblingen bleibt dieses Bild an Heiligabend ein frommer Wunsch. Zu erdrückend sind für immer mehr die explodierenden Kosten von Lebensmitteln, Mieten, Benzin und bald auch Heizkosten. Sie sind auf stark vergünstigte Lebensmittel aus den Tafelläden angewiesen. Geschäften wie dem „Martinslädle“ in Sindelfingen, dem größten Tafelladen im Landkreis Böblingen.
Wer um 10 Uhr morgens, wenn im Martinslädle die Türen geöffnet werden, vorbeikommt, kann die Schlange nicht übersehen. Nicht selten harren Bedürftige bereits zwei Stunden vorher vor der Eingangstür aus, um unter den Ersten zu sein, die in die Regale, Auslagen, Kühlschränke greifen. Die Angst, leer auszugehen, scheint groß zu sein. Erst recht, seit der Zulauf auch in Sindelfingen für alle Beteiligten spürbar größer wird. „Die Anzahl derer, die täglich zu uns kommen müssen, ist in diesem Jahr weiter angestiegen“, sagt Thomas Ehret. Und diejenigen, die im kommenden Jahr – wenn sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt womöglich verschärft und die Energiekosten weiter steigen – hinzukommen könnten, hat er dabei noch gar nicht einbezogen.
Die Personalknappheit betrifft auch die Tafel
Seit 2010 fungiert Thomas Ehret als Leiter des Sindelfinger Martinslädle. Eine Zeit wie die aktuelle, in denen der Kundenkreis stetig wächst, die Zahl der Mitarbeiter, die mit der Arbeit kaum hinterherkommen, hingegen nicht, habe er noch nicht erlebt. „Ich habe insgesamt 28 Personen: Festangestellte, Ehrenamtliche, Bundesfreiwilligendienstler und auch einige, die über das Jobcenter vermittelt wurden. Das reicht aber nicht, um das Pensum zu schaffen“, erklärt Ehret mit Verweis auf die sich zuspitzende wirtschaftliche Lage für viele Bürger. „Wenn ich bedenke, dass Krankheit, Urlaube oder auch altersbedingte Abgänge Alltag sind, kommen wir personell an unsere Grenzen. Irgendwie muss es aber . . .“, versucht der Tafel-Leiter, der selbst aufgrund einer Verletzung pausieren sollte, Zweckoptimismus zu versprühen.
Immerhin, die Unterstützung – seien es Waren der Lebensmittelmärkte in der Region, private Geldspenden oder die finanziellen Zuwendungen der Stadt Sindelfingen – ist ungebrochen. „Glücklicherweise stehen wir diesbezüglich gut da. Wir bekommen reichlich Lebensmittel durch die Supermärkte, die wir anfahren oder die Bäckerei, die uns beliefert. Auch die Kaltmiete unserer Räumlichkeiten ist gesichert, da die Stadt uns hier komplett unter die Arme greift“, betont Thomas Ehret. Ohne die zahlreichen fleißigen Helferinnen und Helfer im Büro, Lager und bei den Ausfahrten, wäre das tägliche Angebot nicht zu gewährleisten.
Früh morgens startet das erste Trio mit dem Lieferwagen
Um 7.15 Uhr startet die erste Tour mit drei Kräften, um die ausrangierten Produkten bei den Marktfilialen abzuholen. Sobald die ersten Lieferungen gegen 8 Uhr eingetrudelt sind, sortieren Mitarbeiterinnen die Waren im Lager, schließlich verräumen sie alles in den Verkaufsraum. Bis zum Nachmittag folgen weitere Fahrten, die zweimal täglich auch zur Tafel nach Böblingen führen. Der Tafelladen dort in der Sindelfinger Straße wird nämlich auch über Sindelfingen versorgt. Ab 10 Uhr, wenn das Martinslädle öffnet, sind die Regalreihen dann gefüllt. Thomas Ehret: „So funktioniert die tägliche Routine bei uns.“
Die Bedürfnisse der Kundschaft, auch der ukrainischen Kriegsflüchtlinge, die zuhause teilweise eine ganz andere Produktpalette gewohnt war, kann die Sindelfinger Tafel jedenfalls erfüllen. „Die Kunden sind zufrieden. Von Obst und Gemüse über Molkereiprodukte zu Grundnahrungsmitteln wie Nudeln und Reis, Backwaren bis hin zu Weihnachtsschokolade, Lebkuchen und Kosmetika haben wir alles im Sortiment.“, sagt Ehret und führt aus: „Der Einsatz wird von den Kunden gewürdigt. Wir hören oft ‚danke’.“
Sindelfingen ist offen für alle, die berechtigt sind
Viele seien alte Bekannte, die seit Jahren nur im Tafelladen einkaufen könnten. Andere, wie zum Beispiel Geflüchtete aus der Ukraine, kamen 2022 neu dazu. „Natürlich kommen wir zwischen Regalen und an der Kasse mit unseren Kunden ins Gespräch. Viele äußern die Sorge, dass sich nichts verbessern wird oder durch die steigenden Energiepreise sogar noch verschlechtern könnte“, so Ehret. Abgewiesen werden keine Menschen, sofern sie einen Berechtigungsschein haben: „Auch Bewohner anderer Städte im Kreis dürfen bei uns einkaufen, erst recht wenn Tafelläden wie in Herrenberg oder Leonberg jetzt für zwei bis drei Wochen geschlossen sind. Wir bleiben geöffnet.“
Auch wenn für viele Tafelläden zum Alltag gehören und mit ihrer Arbeit essenzielle Dienste zur Versorgung von Bedürftigen erfüllen, wünscht sich Thomas Ehret eine andere Realität. „Solange die Politik nichts gegen die Ungleichheiten in Vermögen und Einkommen tut, wird sich nichts ändern. Solange werden wir als Tafeln auch im reichen Deutschland Menschen mit dem Nötigsten versorgen, die sich den Gang zum Supermarkt nicht mehr leisten können“, formuliert Ehret seine Kritik an die Adresse der politisch Verantwortlichen.