Stuttgart - Täuschen und Tarnen, Lügen und Betrügen. Lokis Kernkompetenzen sind nicht der Stoff aus dem Helden gemacht sind. Außerdem hat er als Bösewicht eine ziemlich schlechte Erfolgsquote. „Schon komisch: für jemanden, der zum Herrschen geboren wurde, verlieren Sie echt häufig“, stellt Agent Mobius fest, als er mit Loki eine Sammlung dessen größter Auftritte durchgeht. Darunter etwa die Szene, in der Loki sich ausgerechnet in Stuttgart selbst zum Herrscher der Welt ernennt (aus „Marvel’s The Avengers“ von 2012). Ist das eine Therapiesitzung oder ein Bewerbungsgespräch? Fest steht, auf beides hat der nordische Gott des Schabernacks keine Lust.
Der Hulk hat Loki diese blöde Sache eingebrockt. Als die Superhelden-Truppe The Avengers ihren Erzfeind das letzte Mal besiegt haben (in „Avengers: Endgame“ von 2019), darf das grüne Monster nicht mit den anderen in den Aufzug und muss die Treppe nehmen. In der Lobby der Avengers-Zentrale hat er dann einen Wutausbruch, der zur Folge hat, dass Loki mithilfe eines magischen Würfels von New York City in die Wüste Gobi verschwindet. Doch noch bevor er ein paar Nomaden erklären kann, dass er der Allergrößte ist, wird er von der Zeitreisepolizei verhaftet – wegen seiner Verbrechen gegen den offiziellen Zeitstrahl.
Ein Nachfahre von Kafkas Josef K.
In den ersten Minuten, in der diese Vorgeschichte erzählt wird, fühlt sich die Serie „Loki“, die am Mittwoch bei Disney+ gestartet ist, noch wie ein ganz normales Superheldenspektakel an. Dann aber wird Loki zum Nachfahren von Kafkas Josef K., der keine Ahnung hat, warum er verhaftet wurde. In einer absurden Behörde wird ihm der Prozess gemacht. Er muss ein Protokoll unterschreiben, das jedes Wort enthält, das er bisher gesagt hat, sich einem Seelentest unterziehen, seine temporale Aura fotografieren lassen – und eine Nummer ziehen. Spätestens als Loki ein Schulungsvideo vorgesetzt bekommt, das nach „Herr Rossi sucht das Glück“ aussieht, wird klar, dass man hier nicht auf dem üblichen Superhelden-Kostümball gelandet ist, dass „Loki“ wunderbar anders ist.
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Die erste Episode der Serie spielt fast ausschließlich in dieser seltsam futuristische Zeitbeamtenbehörde, die besonders drei Dinge zu lieben scheint: Bürokratie, Op-Art-Designs aus den 1970ern und Konferenzen. Selten wurde in einem Film- oder Serien-Ableger aus dem „Marvel“-Superhelden-Universum so viel gequatscht.
Sarkastische Buddy-Komödie
Loki, der eigentlich weiterhin an der Weltherrschaft arbeiten möchte, hat sich in eine schrille Bürosatire verirrt. Der Gott des Schabernacks, Sohn eines Riesen und Halbbruder des Donnergotts Thor, wird zu Loki Laufeyson, Variante L1130, dem der Sequenzverstoß 7-20-89 vorgeworfen wird. Und weil seine Kräfte in der Zentrale der Zeitpolizei nicht funktionieren, versucht Loki seinen Kopf mit der einzigen Fähigkeit, die ihm geblieben ist, zu retten: seiner Beredsamkeit.
Es hilft allerdings, dass Agent Mobius (Owen Wilson) Loki tatsächlich einen Job anbietet und dem Zuschauer am Ende der ersten Episode eine mit sarkastischen Dialogen verzierte Buddy-Komödie in Aussicht gestellt wird: Loki soll Mobius helfen, gefährliche Zeitverbrecher zu jagen: „Solche wie mich?“, fragt Loki. „Nein“, antwortet, Mobius, „wirklich gefährliche Varianten. Sie sind nur ein Schmusekätzchen!“
Loki. Die erste Episode ist bereits bei Disney+ verfügbar, neue Folgen werden wöchentlich mittwochs veröffentlicht.